Bayern 2 - Zündfunk


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Zündfunk Netzkongress Ingrid Brodnig kämpft für ein gerechteres Internet

Ist das Internet ein gerechter Ort? Schon lange nicht mehr, sagt die Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig aus Österreich. In ihrem neuen Buch befasst sie sich mit der Übermacht im Netz. Brodnig ist Speakerin auf dem Zündfunk Netzkongress am 9. November.

Von: Anna Klühspies

Stand: 17.09.2019

Ingrid Brodnig, Autorin von "Übermacht im Netz" | Bild: Ingo Pertramer, Brandstätter Verlag

Ingrid Brodnig glaubt noch an das Gute im Internet, so viel vorneweg. Jetzt kommt das Aber: Wir sind möglicherweise alle zu begeistert und zu geblendet vom Internet, in eine Richtung gelaufen. Im Dezember 2009 passiert, was Ingrid Brodnig als persönliches Schlüsselerlebnis bezeichnet: Facebook beschließt, die Privatsphäre-Einstellungen seiner Nutzer zu verändern: Ab jetzt können alle sehen, was man auf der Plattform postest – es sei denn, man legt es in den Einstellungen anders fest. Also: Zunächst wurde die Privatsphäre offengelegt, ob man wollte, oder nicht. „Da sah ich zum ersten Mal so richtig die Macht einzelner Konzerne und einzelner Konzernchef. Wo ist die Mitsprache, wo ist das Regulativ, das uns vor unvorteilhaften Entscheidungen schützt? Ich glaube, dieses Regulativ haben wir vergessen, oder noch wir haben es noch nicht ausgebaut - und das ist dringend notwendig.“

Dass Mark Zuckerberg damals, 2009, einfach so die Regeln in seinem sozialen Netzwerk ändern konnte, das hat Ingrid Brodnig beunruhigt. Und diese Unruhe ist seitdem stetig größer geworden: Bis heute geben sich die großen Internetunternehmen wie Google oder Facebook größtenteils ihre Regeln selbst. Und das, so beschreibt es Ingrid Brodnig in ihrem Buch „Übermacht im Netz“, führt zu drei großen Problemen für uns alle:

Paranoia: Was genau weiß Facebook von mir?

Google und Co.: Wir haben keine Kontrolle über unsere Daten

Erstens, wir haben keine Kontrolle über unsere Daten: Das Geschäftsmodell der Internetriesen zielt zu einem gewissen Grad darauf ab, uns Kunden darüber im Dunkeln zu lassen, was sie von uns wissen. Denn trotz unzähliger Skandale in der Vergangenheit: Was hat sich getan? Unsere Daten sind nicht sicher, weil wir immer noch nicht genau wissen, was überhaupt alles von uns gesammelt wird. Es gibt kaum gesetzliche Handhabe: „Ich habe bei vielen Apps die Paranoia, was macht die jetzt, was mir nicht recht ist? Wenn wir es schaffen, zum Beispiel über Bußgelder, notfalls über Zerschlagung von Konzernen, dass man nicht ständig Paranoia haben muss als User, dann reicht mir das schon“, so Brodnig.

Das zweite große Problem, das Brodnig in ihrem Buch beschreibt ist die Macht von Google und Co. „Das schränkt auch uns Kunden ein. Ich frage mich zum Beispiel oft, wie würden Instagram oder WhatsApp aussehen, hätte Facebook sie nicht kaufen dürfen. Diese Marktmacht ist ein Verlust der Vielfalt im Internet.“

Soziales Engagement an Steuern messen

Eine Entwicklung,  die von der Politik hätte rechtzeitig flankiert werden müssen, kritisiert Brodnig. So sind nicht nur gigantische Konzerne entstanden, in deren Inneres man kaum Einblicke hat, es entgehen Staaten dadurch auch Milliarden an jährlichen Steuereinnahmen – Problem Nummer drei. „Mein Eindruck ist, dass diese Unternehmen uns oft erklären, sie wollen die Welt vernetzen und auch einen guten Beitrag leisten. Ich würde das soziale Engagement zum Beispiel an Steuern messen – und da kann ich das nicht so recht erkennen.“

Konkret bleibt, so Brodnig, zu wenig an Steuereinnahmen in Europa hängen. Wieso kann Google einfach mehrere Milliarden Euro auf die Bermudas transferieren und dort zu einem sehr niedrigen Steuersatz versteuern? Es brauche einen internationalen Ansatz, beispielsweise eine globale Mindeststeuer, die verhindern würde, dass Unternehmen in manchen Ländern keine Steuern zahlen müssen. „Viele digitale Unternehmen sind lange nach dem Prinzip vorgegangen „Move fast and break things“. Die europäische Politik funktioniert aber nach dem Prinzip „Move very very slow“. Da sind die Gesetzgeber überrannt worden.“

Es ist nicht zu spät!

Und jetzt? Ist alles zu spät? Nein, sagt Ingrid Brodnig. In ihrem Buch will sie keine Angst machen. In gut recherchierten Kapiteln klärt sie darüber auf, was gerade passiert im Reich der großen Internetkonzerne, ohne diese dabei zu verteufeln. Denn schließlich tun sie, was jedes Unternehmen tun würde, um rentabel sein. Es ist jetzt vielmehr eine Aufgabe von uns, der Gesellschaft, hinzuschauen, ob uns das alles recht ist.

Wie genau das gelingen kann, darüber wird Ingrid Brodnig auf dem Zündfunk Netzkongress sprechen. Tickets für den Netzkongress am 8. und 9. November 2019 in München sind jetzt verfügbar!


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