Bayern 2 - Zündfunk

Protestcamp Lützerath "Ich habe beschlossen, die Klimakrise da zu stoppen, wo sie verursacht wird"

Demonstrierende wollen verhindern, dass der Kohleabbau das Dorf Lützerath auffrisst. Ein Großaufgebot der Polizei will das Dorf räumen. Ein Gespräch mit einer Aktivistin vor Ort.

Author: Tobias Ruhland

Published at: 9-1-2023

Klimaschutzaktivisten sitzen auf einem Holzpfahl am Rand der Ortschaft Lützerath. Lützerath soll zur Erweiterung des Braunkohletagebaus Garzweiler II abgebaggert werden. | Bild: picture alliance/dpa | Oliver Berg

Zündfunk: Indigo, wo erwischen wir dich denn?

Indigo: Ich bin gerade in Lützerath, in einem von den Häusern, die wir hier bewohnen. Bis vor fünf Minuten war ich noch vorne, wo die Polizei gerade versucht, sich immer näher ans Dorf heran zu arbeiten. Dort, wo sich ganz mutige Menschen denen in den Weg setzen, mit so Tripods.

Tripods?

Das sind so Drei-Beiner, auf die man klettern kann. Wenn man da drauf klettert, dann braucht die Polizei Hebebühnen und Höheneinheiten um die Menschen herunterzubekommen. Dadurch ist das eine sehr effektive Straßenblockade.

Du hast gerade "Wohnen" gesagt. Vom Wohnen kann ja gerade nicht mehr so wirklich die Rede sein, oder? Offiziell heißt es, dass am Mittwoch mit der Räumung begonnen wird. Wie fühlt sich denn das an? Herrscht Ruhe vor dem Sturm? Oder stürmt es schon?

Es stürmt schon. Zur Ruhe sind wir nicht gekommen. Seit heute früh sind AktivistInnen da vorne und versuchen, die Polizei im weiteren Vordringen zu hindern. Es kam auch schon zu Schmerzgriffen von seiten der Polizei und zu Pfefferspray-Einsätzen. Gleichzeitig ist die Stimmung hier natürlich aufgeladen, aber auch euphorisch, weil wir echt verdammt viele sind. Wir sind jetzt gerade um die tausend Leute hier im Dorf, weil einfach richtig vielen Menschen klar ist, dass wir mit der Klimazerstörung so nicht weitermachen können, das wir die hier stoppen müssen, wo sie verursacht wird.

Tausende Menschen im Dorf. Was schätzt du, wieviel Polizei ist dem gegenübergestellt?

Das kann ich gerade ganz schwer einschätzen. Es sind auf jeden Fall mehrere Hundertschaften da. Und die Polizei hat ja aus allen Bundesländern Verstärkung angefordert, sie hat auch schon angekündigt, dass sie Hundestaffeln und Wasserwerfern einsetzen werden. Wir rechnen ab morgen dann mit einem noch größeren Aufgebot von Seiten der Polizei.

Gibt es denn eine klare Strategie bei euch, wie ihr da jetzt in den nächsten Stunden und Tagen agieren wollt? Bis zum letzten Hemd Widerstand leisten?

Uns ist ganz klar, dass wir um jeden Meter von der Stadt Lützerath kämpfen werden. Wir werden nicht zurückweichen vor den Hundertschaften der Polizei, die hier unterwegs sind. Denn wir wissen, dass wir einfach gerade schon dabei sind, klimatische Kipppunkte zu erreichen. Und deswegen müssen die 280 Millionen Tonnen Kohle, das heißt 280 Millionen Tonnen CO2 unter und hinter Lützerath im Boden bleiben. Wir versuchen, diesen Polizeieinsatz aufzuhalten und so gut es geht zu verzögern. Indem wir immer wieder die Einsatzfahrzeuge blockieren, oder durch Sitzblockaden und Menschenketten versuchen, die Polizei im weiteren Eindringen zu hindern. Immer wieder setzen wir auch technische Blockaden ein, wie eben diese Tripods oder Lock-Ons, das sind Techniken, mit denen man sich festketten kann.

Eine auf dem Boden klebende Hand | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Klima-Aktivist droht Präventivhaft "Ich weiß nicht, ob ich Weihnachten bei meiner Familie sein werde oder in der JVA Stadelheim"

Trotz der angedrohten Präventivhaft kündigt "Die letzte Generation" weitere Blockaden an. Dass die Mitte der Gesellschaft ihre Protestformen zunehmend ablehnt, nehmen die Aktivisten hin. "Es ist kein Beliebtheitswettbewerb, Aktivismus zu machen", sagt Simon Lachner, der gerade zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Ein Interview. [mehr]

Wie lange glaubst du, dass es friedlich bleiben oder werden kann? Auf welchen Grad an Gewalteskalation stellt ihr euch ein? Worauf müssen wir uns einstellen?

Also friedlich ist es hier nicht. Friedlich ist schon nicht mehr gewesen seit dem Tag, wo die Polizei hier eingedrungen ist, oder auch schon davor nicht, weil dieser Tagebau hier vor Ort so viel Leid verursacht, dass er eben weltweit Menschen daran hindert, friedlich leben zu können.

Das Timing ist pikant, denn die Grünen, die gerade ihre Klausurtagung hatten, haben 2023 zum Jahr des Klimaschutzes erklärt und sind jetzt aber auch mitverantwortlich auf Bund- und Länderebene, dass Lützerath geräumt werden soll. Wie sehen die Menschen in Lützerath gerade auf die Grünen?

Die Grünen haben hier, als sie noch in der Opposition waren, tatsächlich mit uns zusammen protestiert. Die waren hier vor Ort und haben gesagt, sie werden sich dafür einsetzen, dass Lützerath bleibt. Sie sind natürlich auch dafür gewählt worden, dass sie gesagt haben: Wir setzen uns für 1,5 Grad-Politik ein. Ich gehe davon aus, dass alle Leute, die die Grünen gewählt haben, gerade verdammt enttäuscht und verdammt wütend sind. Die meisten Menschen hier in Lützerath wissen aber, dass wir die Veränderung selbst in die Hand nehmen müssen. Deswegen sind wir hier. Wir wissen, dass wir uns nicht auf Regierung und Kapitalismus verlassen können, sondern, dass die Veränderung von unten kommen muss. Aber: Wenn ich den Grünen einen politischen Tipp geben dürfte, dann wäre das, diesen Polizeieinsatz sofort zu stoppen.

Habt ihr denn Hoffnung? Oder tragt ihr die Hoffnung jetzt so parolenartig vor euch her, und ihr wisst unterm Strich, dass ihr das Plattmachen von Lützerath letztendlich nur um Tage oder Wochen hinauszögern könnt?

Es ist insofern realistisch, da das eine politische Entscheidung ist. Die Landesregierung könnte sich in jedem Moment noch umentscheiden, diesen Hinterzimmer-Deal mit RWE brechen und damit quasi verhindern, dass diese Kohle hier verfeuert und damit die Klimakrise weiter angeheizt wird. Ob das eine Floskel ist, oder ich tatsächlich noch Hoffnung habe, da muss ich ganz ehrlich sagen: Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir hier so viele werden, dass wir hier gerade mit tausend Menschen zusammen sind und gemeinsam organisieren, mit tausend Menschen kochen und mit tausend Menschen Aktionen machen. Deswegen habe ich gerade verdammt viel Hoffnung, dass wir Lützerath noch halten können.

Ich bin schon ganz schön lange hier. Ich habe angefangen, mich mehr mit der Klimakrise zu beschäftigen und dann gemerkt, dass die größte CO2-Quelle Europas hier ist, im rheinischen Braunkohlerevier. Das sind reale Emissionen, die jetzt gerade schon dafür sorgen, dass Menschen in Pakistan in Fluten ihr Zuhause oder ihr Leben verlieren. Deswegen habe ich beschlossen, dass wir die Klimakrise da stoppen müssen, wo sie verursacht wird.

Kannst du dir schon irgendein Leben nach Lützerath jetzt für dich vorstellen?

Ich glaube, nach Lützerath gibt es noch ganz viele andere Orte, wo der fossile Kapitalismus Lebensgrundlagen zerstört. Ich glaube, ich und all die anderen Leuten hier werden dann eben auch dort sein und Widerstand leisten. Das ist eine Bewegung, die noch überall weitergehen kann. Der Weg zur Klimagerechtigkeit wird ein langer Weg.

In den letzten Monaten haben viele Bilder zum Thema Klimaschutz die Runde gemacht, auch hier in deutschland. Die Klima-Kleber, zum Beispiel, haben für sehr viel Unmut in der Bevölkerung gesorgt, haben ein gespaltenes Echo und gespaltene Kritik ausgelöst. Auf der anderen Seite gibt es nun Bilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Was hofft ihr denn, welche Bilder nach draußen dringen? Wie wird das Image der Klimaschützer letztendlich aussehen?

Wir bekommen gerade so viel Unterstützung aus dem ganzen Land, aber auch aus der ganzen Welt. Ich glaube, es ist einfach richtig vielen Leuten klar, dass es so nicht weitergehen kann, dass es hier um unser aller Lebensgrundlage geht. Ich glaube, dass wir mit den Protesten, dass wir uns dieser Zerstörung entgegenstellen, auch ganz viel Zuspruch gewinnen.