Bayern 2 - Zündfunk


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Ismail Küpeli über ein Verbot der "Grauen Wölfe" "Das große Problem besteht in der deutschen Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte"

Die grauen Wölfe träumen von einem großtürkischen Reich - und sie sind auch außerhalb der Türkei tätig. Ihr Hass richtet sich besonders gegen Kurden, Armenier und Juden, gegen Linke sowieso. In Deutschland sind laut Verfassungsschutz 11.000 Menschen organisiert, sie nennen sich gerne “Idealisten” “Ülkücüler”. Franziska Timmer hat mit dem Duisburger Politikwissenschaftler Ismail Küpeli gesprochen.

Von: Franziska Tmmer

Stand: 23.11.2020

Demo der Grauen Wölfe | Bild: picture alliance/Geisler-Fotopress

Zündfunk: Was genau sind eigentlich die "Grauen Wölfe"?

Ismail Küpeli: Ein Kernelement der Bewegung "Graue Wölfe" ist der Charakter des Nationalismus. Also das ist eine sehr stark nationalistische Bewegung, die davon ausgeht, dass die türkische Nation sich einigen muss, dass die türkische Nation rein sein muss. Das ist eigentlich das Zentrale dieser Bewegung und deswegen werden ganz viele Gruppen zu Feindbildern erklärt. Das betrifft in der Türkei selbst hauptsächlich Nicht-Muslime und Kurden. Aber auch der Westen gilt als ein Feind, der sich mit türkischen Nation verschworen hat.

Es ist also eine rechtsextreme türkische Organisation. Inwiefern agieren die Grauen Wölfe in Deutschland?

Im Zuge der Migration aus der Türkei nach Deutschland, sind viele türkischstämmige Menschen in Deutschland. Und diese Bevölkerungsgruppe wird auch von den türkischen Nationalisten organisiert und mobilisiert. Wir sprechen da jetzt nur noch von drei Moschee-Verbänden, die im Umfeld der Grauen Wölfe stehen. Das sindTürkföderation, ATIB und ATB. Und über diese Moschee-Verbände, die tatsächlich auch in sehr vielen Städten in Deutschland ihre lokalen Moscheevereine haben, kann diese Bevölkerungsgruppe mobilisiert werden.

Jetzt sind das auch Verbände, die bereits vom Bundesamt für Verfassungsschutz als die Dachverbände der Oktay-Bewegung genannt werden. Richtig. Gehen wir noch nochmal mehr ins Detail. Wo agieren denn diese beiden Verbände, wenn wir mal die beiden großen nehmen?

Die Moscheevereine selbst agieren in zwei Bereichen. Das eine ist tatsächlich das Organisieren des religiösen Lebens, also eines Gotteshauses und der Gebete und der religiösen Feste. Das ist auch das, was man vielfach kennt. Das Problematische kommt dann im zweiten Bereich, wo es ins Politische geht. Diese Moscheevereine sind selten nur bloß ein Gotteshaus. Wenn man sich diese Einrichtungen konkret anschaut, dann befinden sich dort immer auch Schulungsräume, soziale Versammlungsräume, die deutlich größer sind als das bloße Gotteshaus. Das heißt, dort finden auch politische Agitation, Schulungen und Versammlungen statt. Und wenn wir die Ideologie dieser Bewegung mal anschauen, dann ist auch klar, dass die politischen Inhalte, die dort vermittelt werden und weitergetragen werden, ebenfalls solche sind. Wenn ich zum Beispiel in einer kleineren Stadt eine Moschee der türkischen Rechten habe und da einfach reingehe aus religiösen Gründen, dann kann es natürlich passieren, dass ich in ein Umfeld reingerate, in dem ich auch ideologisch geschult werde und in eine Bewegung reingezogen werde, in die ich vielleicht ursprünglich gar nicht rein wollte. Das ist das große Problem.

Sie sprechen jetzt gerade von Menschen, die quasi dann in diese Szene rein rutschen. Hat diese Szene auch allgemein eine Attraktivität für manche Deutschtürken? Und warum?

Ich glaube, das große Problem besteht tatsächlich in der Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte, wie sie in Deutschland organisiert wurde. Das heißt, die Annahme, dass es sich bei der türkischen Bevölkerung um Gastarbeiter oder ähnliches handeln würde. Man hat sich nicht darum gekümmert, tatsächlich deutsche Moscheevereine einzurichten, zu schauen, dass eine religiöse Grundversorgung gewährleistet ist, ohne dass eine politische Ideologie mit dazu kommt. Das sind, glaube ich, Grundsatzfehler, die in Deutschland bis heute wirken. Dazu kommt natürlich dieses Gefühl von einem Teil der türkischsprachigen Bevölkerung in Deutschland, dass sie nicht wirklich angenommen sind, dass sie nicht wirklich integriert sind, also ein Gefühl von Aufgeschlossenheit, von Bürger zweiter Klasse. Das trägt natürlich ebenfalls dazu bei, dass solche Bewegungen, die einem ein positives Selbstbild geben - und das tun türkische Nationalisten - dass das natürlich auch für Teile der Bevölkerung attraktiv ist.

Am Mittwoch hat der Bundestag einen Antrag der Fraktionen der CDU, CSU, der SPD, der FDP und der Grünen angenommen, der den Einfluss der Bewegung zurückdrängen soll. Das war jetzt aber kein Verbot. Ein Verbot hatten Fraktionen der Linken und der AfD gefordert. Und sie haben selbst in einem Artikel geschrieben, das Parlament sei da an entscheidender Stelle zu unkonkret. Inwiefern?

Richtig. Wenn wir die Anträge an der entscheidenen Stelle anschauen, nämlich was sie fordern, dann sehen wir, dass der Antrag der CDU, CSU, SPD, Grüne und FDP an der Stelle sagt, es soll etwas geprüft werden. Da hätte durchaus vom Parlament eine deutliche Ansage kommen müssen, dass diese Organisation zu verbieten sind. Aber das andere Problem, was ich durchaus auch sehe, ist, dass wir im Einzelfall vielleicht Zwischenschritte ausgespart haben. Also wenn wir uns die Lage jetzt anschauen, dass solche Verbände nach wie vor zumindest auf kommunaler Ebene vielfach als völlig unproblematisch angesehen werden, als Partner in der Integrationspolitik, und jetzt gehen wir direkt dazu über solche Verbindung zu verbieten, dann fehlen Zwischenschritte. Und ich fürchte, dass mit dem jetzigen angenommenen Antrag auch dieses Verbot eher symbolisch bleibt. Mir fehlt da die politische Wirksamkeit.


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