Bayern 2 - Zündfunk


7

Illegale Plague Raves "Große Partys, als wäre nichts passiert. Da muss ich sagen, dass ich davon leicht angewidert bin."

Clubben ist wohl das letzte, was in den aktuellen Pandemie-Zeiten möglich ist. Und dennoch vermissen viele genau das: Feiern und Freisein. Da Clubs aber oft nicht als Kulturstätten angesehen werden, ist all das noch sehr fern. Deshalb organisieren sich weltweit illegale Partys - sogenannte Plague Raves.

Von: Stefan Sommer

Stand: 29.03.2021

Freiwillige tanzen bei einem Konzert in Barcelona, nachdem sie an einer medizinischen Studie zu Corona-Tests teilgenommen haben. | Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Emilio Morenatti

Ein DJ, der anonym bleiben möchte, schwelgt in Erinnerungen an einen Tag im letzten August. Damals fand ein sogenannter „Plague Rave“ statt, eine Techno-Party - und das mitten in der Pandemie.

„Die Party war eine Stunde außerhalb von Berlin in einem alten verlassenen Flugzeug-Hangar. Die Stimmung war doch sehr ausgelassenen, es war ein kleiner Mikrokosmos, wo Corona mal nicht so existent war. Die Leute haben zwar schon auf die Regeln versucht zu achten und etwas Abstand zu halten. Und dann lief das ab, wie eine normale Party. War gut … hat Spaß gemacht!“

Diese Partys gibt es aktuell auf der ganzen Welt

Das vermsist DJ Perel am meisten: Unbeschwertes Auflegen wie hier auf dem PULS Open Air 2019

Gigantische Partys vor gigantischem Publikum, ohne Maske, ohne Hygienemaßnahmen. Im großen Stil meistens an Orten mit lustlosen Corona-Maßnamen: Tunesien, Tulum, Tansania. Ein heikles Thema in der Szene: die DJ Perel hat im Winter auf einem Plague Raves in Tulum, in Mexiko aufgelegt und war sehr überrascht, wie sorglos die Sache ablief: „Große Partys, als wäre nichts passiert in der Welt, die gibt es natürlich in Tulum auch - wie in anderen Teilen der Erde. Da muss ich dann doch sagen, dass ich davon leicht angewidert bin.“

Das ist alles andere als harmlos: ein Covid-19-Ausbruch in New York City im Dezember lässt sich mit dem „Art With Me“-Festival in Tulum in Verbindung bringen. Die DJs können nach ihrem Gig in den Jet und ab, für die Bevölkerung der Länder sieht es anders aus: die Events bringen oft gerade die Menschen in Gefahr, die sich medizinische Versorgung nicht leisten können.

Die Sehnsucht nach Safe Spaces

Die Hamburger DJ Helena Hauff hat sich deshalb entschlossen keine Gigs anzunehmen. Gerade im Ausland, denn im Falle von Auftritten im Ausland sähe das nochmal ganz anders aus, findet sie und fügt hinzu: „Vor allem, wenn das in einem Land stattfindet, wo man mit seinen Handlungen, die arme Bevölkerung in Gefahr bringt, ist das problematisch.“

Woher kommt die Sehnsucht nach Raves und Partys, trotz Pandemie? Für viele, die in der Gesellschaft eher außenstehen, sind es Orte, an denen sie plötzlich dazugehören: Safe Spaces. Wo Geschlecht, Herkunft, Geldbeutel nicht so zählen. Helena Hauff meint: „Langfristig gesehen, muss man sagen, dass Kunst, Musik und Unterhaltung systemrelevant sind. Wir können keine Gesellschaft haben, in der das alles nicht stattfindet. Wir müssen eine Lösung dafür finden, dass es wieder stattfinden kann.“

Pilotprojekte für kontrolliertes Feiern sind in Planung

Um solche Lösungen bemühen sich auch Menschen in Deutschland. Und nicht jede Party, jeder Rave in der Pandemie ist gleich. Eine Crew aus München hat im Sommer 2020 einen kleinen Rave für ihre Freunde im Freien veranstaltet. Wichtig war ihnen, trotzdem auf alles zu achten, denn Plague Rave heißt eben nicht nur Big Business in Tulum ohne Maske und Anstand: „Wir haben natürlich allen unseren Gästen gesagt, wenn ihr euch krankt fühlt, bitte kommt nicht. Wir hatten Desinfektionsspender aufgestellt, wir hatten für 40 Personen ein Areal von 500 Quadratmeter. So dass man da auch Abstand halten kann. Man muss ja nicht auf einem Quadratmeter tanzen, dass da Festivalstimmung aufkommt. Für Festivalstimmung reicht ja schöne Dekoration und gute Musik.“

Könnte es dafür in diesem Sommer Wege geben? Ein Vorschlag aus der Szene: Freiflächen für Clubs, legale, kontrollierbare Raves. Das funktioniert wie die Legalisierung-Debatte um Cannabis: legale Partys unter Aufsicht, statt illegale Partys ohne, überwachter Konsum statt Schwarzmarkt. Die ersten Pilotprojekte sind in Planung.

Das könnte die Existenznot der Kulturbranche lindern, und denen helfen, die im Lockdown Menschen und Raves besonders vermissen.


7