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Debatte um deutsche Nationalspieler İlkay Gündoğans Bruder zeigt, wie man die Erdoğan-Debatte differenzierter führt

Das Foto von Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sorgt auch einen Monat später und kurz vor Beginn der Fußball-WM noch für hitzige Kommentare. Dass es auch differenzierter geht, zeigt ein Beitrag von Ilker Gündoğan, dem Bruder des Nationalspielers.

Stand: 13.06.2018

Mesut Özil und Ilkay Gündogan beim Länderspiel Deutschland gegen Saudi Arabien in Leverkusen. | Bild: picture alliance/Pressefoto Rudel

Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Nun hat sich auch der Mittelfinger der Nation, Stefan Effenberg, zur Debatte um Mesut Özil und İlkay Gündoğan geäußert: Man hätte beide Spieler rauswerfen müssen, sagte der ehemalige Nationalspieler zu den Bildern von Özil und Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Und auch die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Alice Weidel, will die Nationalmannschaft nicht anfeuern, "solange man Gündoğan und Özil, die offensichtlich ein Problem mit unserem Staat haben, da auch zulässt".

Identität, so Ilker Gündoğan, ist nicht statisch, sondern kontextbezogen

Im Getöse fast untergangen ist eine Äußerung von Ilker Gündoğan. Der Bruder von Ilkay Gündoğan arbeitet derzeit an seiner Promotion und beschäftigt sich dabei mit dem chinesischen Fußballmarkt. In einem Blog-Post hat er sich vor einigen Tagen sehr differenziert mit dem Kontakt zwischen Fußball und Politik und der Debatte um seinen Bruder auseinandergesetzt.

Dass sich Ilkay Gündoğan sowohl mit Deutschland wie auch mit der Türkei verbunden fühlt, ist für seinen Bruder Ilker kein Widerspruch und schließt sich nicht aus. "Identitäten und Identifikationsmuster [sind] nicht statisch, sondern kontextbezogen und situativ sehr flexibel und wandlungsfähig", so Ilker Gündoğan, "es kann daher durchaus sein, dass die beiden deutschen Nationalspieler sich bei dem Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten eher mit der Türkei verbunden fühlten." Andererseits aber, so Ilker Gündoğan, sei es "durchaus wahrscheinlich, dass die Spieler sich im Trikot der deutschen Nationalmannschaft (oder auch im täglichen Leben) mehr mit Deutschland verbunden fühlen."

Dass Fußballspielern reflexhaft Dummheit unterstellt wird, hält er für falsch

Gündoğan nimmt seinen Bruder dabei nicht gegen alle Kritik in Schutz. Dessen Treffen mit Erdoğan sei insofern "dumm gewesen", als dass ein Verständnis für die entstehenden Konsequenzen einer Handlung gefehlt habe. Auch nennt Ilker Gündoğan den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan einen "autokratischen Führer". Trotzdem seien die Reflexe der Medien, Fußballern pauschal Dummheit zu unterstellen, falsch: "Am Anfang der Fußballerkarriere meines Bruders habe ich mit ihm in Nürnberg gelebt und durfte miterleben, wie er neben dem täglichen Bundesligageschäft sein Abitur (in Bayern!) absolviert hat. Hätte er einen akademischen Karriereweg eingeschlagen, wäre er vermutlich auch sehr erfolgreich gewesen."

Der aktuelle Vorfall zeige, dass Fußballer mit Migrationshintergrund in der Einwanderungsgesellschaft eine Botschafterrolle zugeschrieben werde, die über das Spielfeld hinaus reicht. Fußballspieler, schließt er, sollten sich bewusst sein, "dass ihnen in unserer Epoche eine soziale und politische Verantwortung zugewachsen ist, die sie zwar nicht gesucht haben, der sie sich aber nicht entziehen können."

Hier geht's zu Ilker Gündogans Blogbeitrag "Botschafter wider Willen? Fußballer im Kontakt mit Politiker"


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