Bayern 2 - Zündfunk

"Every Loser" Iggy Pop hat eine neue Platte - und darauf ist fast jeder Song ein kräftiger Tritt in den Hintern

Er hat es wieder getan: Iggy Pop, der untote Nihilist des Rock'n'Rolls, haut mit knapp 76 Jahren ein Album raus, das immer noch nach vorne stürmt: „Every Loser“ ist eine gute, krachende Platte, die dort ist, wo Rock'n'Roll nach Iggy Pop hingehört: Auf der Überholspur.

Author: Michael Bartle

Published at: 9-1-2023

Iggy Pop | Bild: picture alliance / Ritzau Scanpix | Mads Claus Rasmussen

Muss man im fortgeschrittenen Alter echt noch so laut und wütend sein? Klar, denn das ist die neue Platte des wirklich „Alten Weißen Mannes“, die neue Platte von Iggy Pop. „Every Loser“ ist wie ein Schnelldurchlauf in Iggy-Ismus: Brutal und schnell, aber voller selbstironischem Augenzwinkern. Und gut genug, dass lahme Alterskategorien keine Rolle spielen! Ist ja auch egal, wie alt diejenige ist, die uns in Ekstase versetzt, so wie Iggy in „Frenzy“, dem auch ekstatisch benannten ersten Song.

Einer der großen Untoten des Rock'n'Roll

Iggy Pop war mal der Frontmann der Stooges, die in den späten 60er Jahren den braven Hippies eine Ladung Anarchie und lustvolle Zerstörung in die Blumenkränze schossen. 75 Jahre ist er nun alt, „Every Loser“ ist sein 19. Album, und, nein, wir sehen ihn nicht weise und nachdenklich wie etwa Johhny Cash im Spätherbst seiner Karriere. Fast jeder Song auf „Every Loser“ ist ein kräftiger Tritt in den Hintern.

Am Ende des Songs „Neo Punk“ hören wir Iggys Lachen. Ist es hämisch oder erleichtert? Wir haben uns im Zündfunk, jetzt, wo Punk wieder so hip und so gegenwärtig ist, schon mehrmals gefragt, wofür oder wogegen Punk heutzutage eigentlich steht. Nachdem die PolitikerInnen nicht mehr Franz Josef Strauß, Angela Merkel oder Helmut Kohl heißen, also rein gar nichts mit Punk und Subkultur zu tun haben, sondern Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Punk gegen Hass und Social Media

Die Antwort von Iggy ist so wenig überraschend wie klar: Punkrock ist einfach eine Musik in „it‘s own right“ geworden, wie HipHop, Folk oder Jazz. Und Entwicklungen zum punkrock-haften „Dagegen sein“ gibt es noch genug, da draußen. In „Comments“ singt Iggy gegen Hollywood an und gegen Online-Trolle, gegen Hass und die oft so finsteren wie überflüsssigen Social Media-Plattformen: „Sell your stock in Zuckerberg and run, buy a passport to the end of fun. Verkauf deine Zuckerberg-Aktien und kauf dir dafür ein Passport für das Ende des Spaßes.“ Und ja, Elon Musk, Twitter und Social Media, ist das nicht alles ein „Modern Day Rip Off“, wie einer der besten neuen Iggy-Songs heißt?

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Iggy Pop - Strung Out Johnny (Official Audio) | Bild: Iggy Pop Official (via YouTube)

Iggy Pop - Strung Out Johnny (Official Audio)

Dabei ist Iggy Pop alles andere als ein misogyner, vom Zeitgeist überholter älterer Herr. Er ist einer der großen Untoten des Rock’n’Roll und einer der letzten Wahnsinnigen seiner Zunft. Jahrzehntelang pflegte Iggy Pop einen, sagen wir es mal vorsichtig, nicht besonders gesunden oder gar veganen Lebensstil. Aber schon vor ein paare Jahren in Austin hat mir Iggy im Interview versprochen, er will nach wie vor alles versuchen, alles geben, tot ist er ja noch lange genug.

Diese Einstellung habe bei ihm eine lange Tradition:

"Es gibt ein altes Klischee im Blues und im Blues liegen meine Wurzeln: Da heißt es 'shoot your shot' und das ist normaler Weise eine sexuelle Anspielung. Aber in der Business oder Sportsprache kann es auch bedeuten, dass du dein Glück versuchst, deine Chance wahrnimmst. Und das hab ich wahrlich versucht. Und das Messer wiederum ist eine Metapher für meinen Penis. Egal. Ich hatte ein Leben auf der Überholspur, manchmal hat das richtig weh getan. Es gab dabei eine Menge Ecken und Kanten, ein ziemlich holpriger Weg. Und deshalb denke ich manchmal, ok – ich bin jetzt bereit für Walhalla."

Iggy Pop

Kommen gar nicht mehr raus aus dem Kopfnicken

Bleib bitte noch schön ein paar Jahre bei uns, lieber Iggy. Auch wenn aus dir Bad Boy und Gesellschafts-Zersetzer nun fast ein Maskottchen geworden ist. Aber Iggy Pop hat selten wachsweichen musikalischen Dünnpfiff abgeliefert. „Every Loser“ ist zwar kein neuer Meilenstein, nicht das Album, das die Zeit erklären kann und dabei trotzdem zeitlos ist. Aber „Every Loser“ ist das Gegenteil von einem rausgerotzten Altrocker-Album, mit dem ein reich und zynisch gewordener War-Ein-Mal nochmal Kohle machen will.

„Every Loser“ macht richtig Spaß, weil Iggy hier, mit 75 Jahren, nochmal den Blinker links setzt und sich auf die Überholspur gibt. Damit ist er dort, wo nach seinem Verständnis „Rock’n’Roll“ auch hingehört. Was uns hier sehr freut. Wir kommen gar nicht mehr raus aus dem Kopfnicken. Der Zündfunk verneigt sich erneut vor einem der freundlichsten Nihilisten und glaubwürdigsten Künstler, den wir je kennenlernen durften.