Bayern 2 - Zündfunk


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Idil Baydar im Interview "Wie soll ich mich von der Polizei schützen lassen, wenn ich nicht weiß, ob der Polizist Migranten hasst?"

Die Comedian Idil Baydar erhält Morddrohungen von Rechtsextremisten. Nun stellte sich heraus, dass ihre Daten - wie die von der Anwältin Seda Basay-Yildiz und der Linken-Politikerin Janine Wissler - von einem Polizeicomputer aus abgefragt wurden. Oliver Buschek hat mit Idil Baydar gesprochen.

Von: Oliver Buschek

Stand: 15.07.2020

Zündfunk: Reden wir übers Übelste am Anfang: Was waren das für Bedrohungen, die Dich in letzter Zeit erreicht haben?

Idil Baydar: Das geht ja schon eine ganze Weile so, seit eineinhalb bis zwei Jahren. Morddrohung auf meine Telefonnummer und jetzt gestern auch auf meine private Email. Und das alles ist unterzeichnet mit „SS-Obersturmbannführer“ oder gestern mit „NSU-Bund 2.0“. Ich habe das achtmal angezeigt, und es wurde achtmal eingestellt. Und ich musste gestern aus der Presse erfahren, dass meine Daten wohl widerrechtlich vom Polizeicomputer in Wiesbaden abgerufen worden sind.

Eingestellt mit welcher Begründung eigentlich?

Konnte man nicht nachvollziehen, man konnte den Täter nicht ermitteln. Ich kenne mich da nicht aus. Es soll sich wohl um irgendwelche Tor-Darknet-Sachen handeln, die sie nicht nachvollziehen können. So ungefähr wurde mir das erklärt.

Was machen solche Bedrohungen mit Dir? Das kann man wahrscheinlich nicht so einfach wegstecken, oder?

Nein, es ist schon schwierig, das ist jetzt nicht gerade ein Spaziergang im Park. Es ist anstrengend. Ich muss ganz doll an mir arbeiten. Natürlich hast du irgendwelche Ideen. Aber ich hab mich entschieden: Ich werde der Angst nicht nachgeben!

Du hast das aus der Presse erfahren, dass von einem Polizeicomputer in Wiesbaden deine Daten abgerufen wurden, also Daten, an die man als Normalbürger gar nicht herankommt. Wieso aus der Presse?

Die Polizei hat mich nicht unterrichtet. Und das ist genau mein Problem: Ich fühle mich total ignoriert. Man wiegelt mich ab. Man stellt die Verfahren ein. Ich weiß auch nicht, warum nicht mit mir kommuniziert wird. Gestern Nachmittag, nach all diesen großen der Interviews, habe ich ein Beratungsgespräch angeboten bekommen von der Frankfurter Polizei. Das kommt natürlich viel zu spät.

Wie erklärst Du Dir das, dass du nicht beachtet wurdest?

Ich glaube nicht, dass ich die einzige bin, der das passiert. Ich glaube, dass wir zur Zeit mit einer Polizei zu tun haben, die völlig überfordert ist mit ihren Aufgaben. Die das nicht mehr hinkriegt, zu schauen, ob die Menschen, die wir als Polizisten aussuchen, überhaupt eine Gesinnung haben, die dem Grundgesetz entspricht. Aus irgendeinem Grund scheint das keine Rolle zu spielen, was mich super irritiert. Und das ist mein Problem: Wenn ich jetzt nicht weiß, ob das ein Polizist ist, der Migranten hasst, wie soll ich mich da von der Polizei schützen lassen? Ich weiß doch gar nicht, ob der mich abknallt und dann im Nachhinein erzählt, ich hätte ihn angegriffen – womit er ja auch durchkommen würde.

Ist Dein Misstrauen gegen die Polizei so groß, dass Du so etwas befürchtest?

Sagen wir es mal so: Meine Vorsicht sagt mir das. Ich kenne nicht jeden Polizisten. Aber wenn ich mitbekomme, dass das von einem Polizeicomputer aus, dass es da möglicherweise in irgendeiner Form einen Zusammenhang mit den Bedrohungen gibt, dann überlegst du dir natürlich 450.000 Varianten. Es tut mir leid, natürlich kann ich da nicht sagen, ich vertraue der Polizei.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken hat ja kürzlich erst von einem latenten Rassismus in den Reihen der Sicherheitskräfte gesprochen und dafür schwer einen auf die Mütze bekommen. Wenn ich dich so höre, dann wirst Du ihr beipflichten und sagen: Ja, es gibt diesen Rassismus.

Ich würde sogar sagen: Latent ist ja wohl stark untertrieben. Das ist überhaupt nicht latent! Wie wollen wir nach NSU noch von „latent“ reden? Anwältinnen werden bedroht, ihre Kinder sollen abgeschlachtet werden. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Wer kümmert sich denn da drum? Kümmert sich überhaupt jemand darum? Es geht ja nicht nur um mich. Auch was den anderen passiert, spielt ja in meiner Rechnung eine gewisse Rolle.

Was würdest Du Dir jetzt von diesem Staat wünschen?

Ich wünsche mir Aufklärung. Ich glaube, das ist es, was ich mir am meisten wünsche. Dass man sich vernünftig darum kümmert, dass das Leugnen aufhört, dass die Vertuschung aufhört. Wie kann man die NSU-Akten zumachen, das ist mir unerklärlich. Ich finde, dass der Innenminister zurzeit wirklich sein Amt missbraucht.

Bundesinnenminister Seehofer?

Ich rede von Seehofer, ganz genau. Eine Rassismus-Studie bei der Polizei abzusagen, weil ihm irgendetwas nicht gefallen hat. Weil es angeblich keinen Rassismus gibt, der ist ja verboten bei der Polizei. Dann frage ich mich, warum wir eine Steuerfahndung haben. Steuerhinterziehung ist verboten. Was ist denn das für eine Argumentation? Glaubt man, wir sind debil oder was? Das ist das ein Affront, das eine Frechheit, das ist wirklich ein Ins-Gesicht-Spucken von den Menschen in der Zivilbevölkerung, die sich den Arsch aufreißen, damit wir hier in einer Gesellschaft leben und zusammenwachsen können. So viele Menschen opfern ihre Freizeit, ihr Geld, ihre Kommunikation, ihre Energie. Und dann kommt ein Herr Innenminister und sagt, Rassismus gibt es ja nicht, ist ja verboten.

Idil Baydar, wir danken für dieses Gespräch!


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