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Glasfaser in Icking Diese bayerische Gemeinde baut sich ihr schnelles Internet selbst

Die Digitalisierung steht schon längst vor der Tür - aber der Breitbandausbau lässt sich Zeit. In Icking will man nicht auf langsam anrollende Fördergelder warten, sondern nimmt das Ganze selbst in die Hand. Besuch in einer Gemeinde, in der bald alle schnelles Internet haben - ob sie wollen oder nicht.

Von: Niklas Schenk

Stand: 25.04.2019

Ministerpräsident Markus Söder hat beim Breitbandausbau so einiges versprochen: „Das modernste Land Deutschlands in der Digitalisierung“, „Unser Ziel ist Glasfaser in jedes Haus“, „Wir machen Bayern digital fitter als alle anderen in Deutschland“. Einigen bayerischen Gemeinden geht es trotzdem nicht schnell genug. So wie Icking, einem 4.000-Einwohner-Dörfchen 30 Kilometer südlich von München. Seit zwei Jahren bauen die Ickinger ihr Breitbandnetz selbst – beziehungsweise lassen es sich von polnischen Bauarbeitern bauen. Dafür nimmt die Gemeinde mehrere Millionen in die Hand.

Glasfaser für alle - ob man will oder nicht

Aktuell sind die Bewohner in der Dorfstraße dran. Vor jedem Haus werden 60 bis 70 Zentimeter tiefe Löcher gebuddelt, darin Rohre und Glasfaserkabel verlegt. 1.000 von 1.400 Ickinger Haushalten machen bei der Breitband-Do-It-Yourself-Aktion mit. Und selbst bei den 400 Haushalten, die noch keinen Bock auf schnelles Internet haben, werden vorsichtshalber schon mal Anschlüsse verlegt. „Ich brauche das Internet nicht“, sagt etwa Landwirt Georg Knöbbel. Er habe weder einen Internetanschluss noch ein Handy. „Ich muss die Tiere zwar an- und abmelden im Internet, aber das mache ich halt auf Karten. Auf die altdeutsche Art!“, sagt der Internetverweigerer.

„Digitales Denken ist anders als analoges – zu verweigern bringt nichts!“, meint hingegen Ministerpräsident Söder. Landwirt Knöbbel ist mit seiner Haltung in seiner Gemeinde in der Unterzahl. Vielen Ickingern ging der staatliche Breitbandausbau zu langsam voran. Zudem war Icking mit seinen knapp 4.000 Einwohnern für die großen Telekommunikationsunternehmen einfach nicht interessant genug. Also gründete sich eine lokale Breitband-Initiative, die das Do-It-Yourself-Projekt vorantrieb.

Ausbau kostet sechs Millionen

Ende des Jahres soll das schnelle Internet in allen 1.000 Haushalten laufen. Der Ausbau dauert eh schon länger als gedacht, da man auf den Zuschuss des Landes Bayern warten musste und zudem lange keine Bauarbeiter fand. Zwischen 400.000 und 500.000 Euro hat Bayern dazugegeben, den ganz großen Teil der Kosten trägt die Gemeinde selbst.

„Wir sind bei gut sechs Millionen Euro, die wir in die Maßnahme stecken. Es ist aber so, dass uns das Netz gehört und wir verpachten es an Vodafone. Wir bekommen also Pachtzahlungen von Vodafone für jeden Kunden, der dabei ist. Deshalb profitieren wir davon, dass über 1.000 dabei sind“, sagt Ickings Bürgermeisterin Margit Menrad. Sie schätzt, dass es 20 bis 30 Jahre dauern wird, bis sich das Investment amortisiert hat. Aber: „Glasfaser ist ja langlebig.“

1.000 Mbit/s sollen kommen

Besonders an Icking: Die Oberbayern verlegen – im Gegensatz zu vielen anderen bayerischen Gemeinden – die Glasfaser bis ins Haus. Das ist deutlich teurer, aber auch schnell. Bis zu 1.000 Mbit/s sind in Icking bald drin. In vielen anderen Städten wird Glasfaser nur bis zum Verteilerkasten verlegt. Von dort wird es dann oft per Kupferkabel ins Haus übertragen. Da bleiben oft nur 50 Mbit/s übrig. Solch eine Lösung hätte Icking wohl nur ein Zehntel dessen gekostet, was die Gemeinde nun investiert, rechnet Bürgermeisterin Menrad vor: „Aber die anderen, die das kleinere Modell fahren, bauen auf ihre Kosten. Aber am Schluss gehört das Kabel der Telekom. Jetzt geben wir das Zehnfache aus, aber irgendwann rechnet sich das mit der Pacht!“

Klar ist aber auch: 6 Millionen Euro für schnelles Internet in gerade einmal gut 1.000 Haushalten muss man sich erstmal leisten können. Gut, dass es den Ickingern im Münchner Speckgürtel so gut geht. Den Großteil der Kosten haben sie schon finanziert, nur in diesem Jahr müssen sie wohl einen kleineren Kredit aufnehmen.

Nicht jeder kann sich den Eigen-Breitbandausbau leisten

45 Kilometer sollen insgesamt verlegt werden. Ulrich Mitreuter wohnt auch auf der Dorfstraße. Er freut sich auf das schnelle Netz – zumal er es auch zum Arbeiten braucht. „Ich arbeite zwei Tage Zuhause. Es passiert, dass bei Telefonkonferenzen, die mich gegenüber nicht mehr verstehen, weil die Bandbreite so gering ist“, sagt der Softwareentwickler. Durch Glasfaser soll nun alles besser werden. Auch seine Kinder im Teenager-Alter würden sich darauf freuen, endlich mal streamen zu können.

Sauer auf die Regierung, die ja immer wieder die eigene Breitband-Initiative lobt, aber in Icking zuvor nichts gemacht hatte, ist in Icking verwunderlicherweise keiner. Weder die Bürgermeisterin noch Ulrich Mitreuter. „Viele Gemeinden sollten das so wie wir in Eigenregie machen und nicht warten, bis die Regierung was macht. Dann ist man auch nicht von deren Entscheidungen abhängig“, meint Mitreuter. Ein Appell zu mehr Eigeninitiative und mehr bayerischem Do it yourself. Nur: Einen solch teuren Deluxe-Ausbau wie die Ickinger kann sich halt längst nicht jeder leisten.


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