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Schlecky Silberstein will das Netz abschaffen "Ich würde jederzeit gegen ein Leben ohne Internet tauschen"

Eigentlich verdankt Christian Brandes alias Schlecky Silberstein dem Netz seine Karriere als Blogger. Trotzdem fordert er jetzt mit seinem Buch "Schafft das Internet ab". Er sagt: Gerade als Profiteur weiß er, was falsch läuft. Aber er zeigt sich auch kompromissbereit.

Von: Oliver Buschek

Stand: 14.03.2018

Du schreibst in deinem Buch, dass Facebook und Co. mit Prinzipien arbeiten, die man aus der Spielautomatenprogrammierung kennt.

Genau. Da wird es kriminell. Beziehungsweise darf ich juristisch nicht "kriminell" sagen, deswegen sage ich pervers. Es gibt gerade im Silicon Valley einen Trendbegriff, der nennt sich "addictive design". Das kommt direkt aus der Spielautomatenprogrammierung und bedeutet nichts anderes, als dass man ein User Interface oder einen Service so aufbereitet, dass er direkt über das Belohnungssystem des Menschen wirkt. Dadurch bilden sich Abhängigkeiten und das wird im Silicon Valley ganz bewusst in Kauf genommen.

Die Sozialen Netzwerke sind also so gestaltet, dass wir sie möglichst oft benutzen, sie fördern suchtähnliches Verhalten. Aber Du machst da ja auch fröhlich mit: Als Schlecky Silberstein hast du rund 130.000 Facebook-Follower.

Ich würd's trotzdem jederzeit gegen eine Zeit ohne Internet eintauschen. Ich frag mich auch manchmal: Gibt's eigentlich ein gutes Leben im schlechten? Natürlich hab ich mein ganzes Leben lang meine Kohle im Internet verdient. Aber das führt natürlich auch dazu, dass ich es besonders gut kenne und mir jetzt gerade anmaße, von innen heraus als Profiteur trotzdem zu sagen: Vieles, vieles, vieles läuft da falsch. Und abschaffen ist natürlich keine Lösung. Mir ist vor allem wichtig, dass wir Abstand bekommen und dass wir genau wissen, wie das Internet vor allem ökonomisch funktioniert. Stichwort "Follow The Money". Das ist ja eine alte Kriminalisten-Regel: Wenn man weiß, wie das Geld fließt, dann versteht man meistens auch den Rest. Und darum geht's mir gerade.

"Das Internet muss weg" von Schlecky Silberstein ist bei Knaus erschienen und kostet 16,00 Euro

Welche Konsequenzen zieht man denn daraus? Weg kriegt man das Internet und Facebook nicht. Aber in den USA wird gerade diskutiert, diese Riesen aufzuspalten, stärker zu kontrollieren. Hast Du eine Antwort darauf?

Aufspalten und stärker kontrollieren, da kommen wir schon mal in eine richtige Richtung. Denn bislang sind die Algorithmen, von denen wir immer reden, Betriebsgeheimnisse von Facebook, Google und Konsorten. Wenn ich mir anschaue, wie wir das in der Automobil-Industrie gemacht haben: Da sind die Leute am Anfang auch alle ohne Gurt gefahren und haben dann einen leiblichen Schaden erlitten. Und dann hat die Politik gesagt: Wir müssen Sicherheitsmechanismen für den Insassenschutz in Autos einbauen. Das hat auch jeder geschluckt. Und ähnliches wünsche ich mir auch in Social Media. Zum Beispiel: Ihr dürft nur bis zu einem gewissen Grade Daten schöpfen. Und wenn es wirklich um "addictive design" geht, also darum, dass man über eine Art Neuroprogrammierung bei den Menschen die Daten anzapft. Dass man da sagt: Nein, das sollen eure Algorithmen bitte nicht mehr zulassen.


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