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Nico Semsrott im Europa-Parlament "Ich bin einfach das Gesicht der europäischen Krise"

Nico Semsrott ist jetzt auch Politiker. Uns erzählt er, warum er EU-Kommissionspräsident werden will, was er von seinen Politiker-Kollegen hält und warum er glaubt, dass sich seine Stimmung noch weiter verschlechtern wird.

Von: Birgit Frank

Stand: 02.07.2019

Nico Semsrott Interview | Bild: picture-alliance/dpa

Nico Semsrott, immerzu halb versteckt unter seinem Kapuzenpulli, ist Satiriker und professioneller "Demotivationstrainer". Die meisten kennen ihn aus seinen Auftritten in der ZDF-"Heute Show" oder seinen Youtube-Videos. Bei der Europawahl 2019 wurde er als Abgeordneter der Partei "die PARTEI" ins Europäische Parlament gewählt. Dort hat er sich der Grünen-Fraktion angeschlossen.

Birgit Frank: Siehst du dich schon als Politiker?

Nico Semsrott: Ja, ich war es auch vorher schon. Ich bin einfach ein politischer Mensch und dann ist es auch egal auf welcher Bühne man gerade ist. Ich mache im Prinzip nur das, was ich vorher auch gemacht habe.

Gibt es gar keinen Unterschied, obwohl du jetzt mitten im europäischen Betrieb angekommen bist?

Natürlich wird es Unterschiede geben. Ich werde ein bisschen weniger Powerpoint machen und ich werde ein bisschen mehr Abstimmen als vorher. Aber im Großen und Ganzen wird sich meine Stimmung noch ein bisschen verschlechtern, wenn ich mir die Zusammensetzung dieses Parlaments so angucke. Es sind viel mehr Nazis drin und das macht mir schon sehr schlechte Laune.

Jetzt ist gerade der große Poker um den künftigen Kommissionspräsidenten oder die künftige Präsidentin. Dein Name ist noch nicht genannt worden, obwohl du dich ja beworben hast.

Das finde ich, ist auch ein krasses Unding. Aber so ist das nun mal. Der Rat, der hört nicht auf die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler. Ich meine, 2,4 Prozent der deutschen Wählerinnen und Wähler haben ganz klar mir den Auftrag gegeben, Kommissionspräsident zu werden. Das würde ich als Missachtung des WählerInnen-Willens interpretieren, dass ich jetzt in den Verhandlungen gar nicht genannt werde.

Nico Semsrott und Martin Sonneborn machen Wahlkampf für die Europawahlen 2019

Wenn du es nicht wirst, wer wäre dir denn am liebsten?

Natürlich irgendein progressiver Politiker oder eine progressive Politikerin. Keiner der Kandidaten, der hier gerade zur Verfügung steht.

Wer würde dir einfallen?

Soweit ich weiß, gibt es Spitzenkandidaten der Grünen und.... vermutlich wäre das.... Ich möchte mich dazu nicht weiter äußern. [lacht]

Du hast dich ja jetzt auch der Grünen-Fraktion im Europaparlament angeschlossen. Kann man sagen, dass Du vorhast, richtige Politik zu machen in Europa?

Ich gehöre ja zum Realo-Flügel der Partei. Das heißt, kommunikativ werde ich weiter satirisch unterwegs sein, aber was alle Abstimmungen angeht, werde ich ernsthaft abstimmen.

Dein Kollege Martin Sonneborn macht es anders. Er hat abwechselnd mit Ja und Nein gestimmt. Egal welches Thema.

Soweit ich das verstanden habe, ist er mittlerweile davon auch abgewichen, vor allem bei Entscheidungen, die knapp ausgehen. Ich denke, wenn so viele Nazis in die europäische Politik drängen, dann muss man da auch als Satiriker den Ernst begreifen und kann dann nicht noch einen draufsetzen. Wir sind ja doch Aufklärer und humanistischen Werten verpflichtet, und dementsprechend wird sich das auch im Abstimmungsverhalten niederschlagen. Das ist sehr traurig, dass der bittere Ernst uns Satiriker dazu zwingt, auch ernst zu werden. Wenn man den Eindruck hat, dass so viele Politiker auch Satire betreiben, also gerade in der Mitte des politischen Spektrums, dann muss man eben als Satiriker ernster werden.

Glaubst du, deine Wähler sind dann enttäuscht, wenn du genauso wie andere Politiker wirst?

Ich bin ja nicht genauso wie andere Politiker. Ich habe einen klaren Machtanspruch. Ich will Kommissionspräsident werden und das ist schon gewagt bei einem Rückhalt von 2,4 Prozent. Und ich bin natürlich auch deshalb etwas anders, weil ich sehr authentisch bleibe. Ich bin nämlich sehr schlecht gelaunt und das hebt sich dann doch sehr ab vom restlichen Wahlkampf oder von der restlichen politischen Kommunikation, wo immer "shiny, happy people" rumlaufen, obwohl überall Krise ist. Ich bin einfach das Gesicht der europäischen Krise.

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Nico Semsrott - European President 2019 Announcement Speech | Bild: Nico Semsrott (via YouTube)

Nico Semsrott - European President 2019 Announcement Speech

Du bekommst jetzt für dieses Gesicht 8500 Euro pro Monat, wie jeder andere Abgeordnete auch. Wie ist das?

Deprimierend, weil das für mich ein Rückgang ist. Als ich noch auf Tour war, ging es mir besser.

Was hast du bisher mitbekommen von der europäischen Politik?

Was ich tatsächlich faszinierend finde, ist, wie viele extrem kompetente, idealistische Menschen ich getroffen habe. Aber ich war ja auch nicht in einer Fraktionssitzung der EVP, sondern in einer Fraktionssitzung der Grünen und das ist sicherlich noch mal eine andere Stimmung.

Aber das klingt ja schon ziemlich positiv für jemanden, der Wahlkampf gemacht hat mit dem Slogan "Für Europa reicht‘s".

Ja, aber das wäre ja auch ein Wunder, wenn das spurlos an einem vorbeiginge. Ab der ersten Sitzung beginnt dann wieder das Korrektiv, wenn ich dann plötzlich mit Nationalsozialisten in einem Raum sitze.

Hast du Pläne für die erste Sitzung?

Wach bleiben.

Das Interview stammt aus dem Früh-Podcast "Tagesticket". Um zum Podcast zu gelangen, müsst ihr nur hier klicken.


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