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Rassismusforscher Ibram X. Kendi „Man ist entweder Rassist oder Anti-Rassist – dazwischen gibt es nichts“

Ibram X. Kendi ist ein junger schwarzer Professor für Geschichte und Rassismusforscher. Sein Buch "Gebrandmarkt – die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika" wird oft zitiert. Jetzt wendet sich Kendi einem neuen Buchprojekt zu - und nimmt damit den Kampf gegen Rassismus auf.

Von: Sammy Khamis

Stand: 18.02.2019

Ibram X. Kendi | Bild: Ibram X.; Foto: David Massey

Immer ab der zweiten Woche im Februar für einen Monat ist Black History Month in den USA - und das seit bald 100 Jahren. In diesem Zeitraum wird in den USA das Vermächtnis von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern gefeiert.

Thema 2019, wieder einmal: die strukturelle Benachteiligung von Schwarzen - auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt. Dazu kommt auch noch die Polizeigewalt. Einer der diesen Rassismus erklärt, ist Ibram X. Kendi, er ist ein junger schwarzer Professor für Geschichte. Oft zitiert im Zündfunk, sein Buch: "Gebrandmarkt – die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika". Sammy Khamis hat mit Kendi gesprochen und ihn gefragt, wie er das sieht, dass der Grammy in diesem Jahr an den super politischen und antirassistischen Künstler Donald Glover ging?

Ibram X. Kendi: Die Grammys, aber auch die Oscars sind immer wieder dafür kritisiert worden, dass sie die Leistung schwarzer Künstler nicht wertschätzen. Jay Z und Beyonce sind deswegen nicht bei der Grammy-Verleihung zu Gast gewesen. Diese Auszeichnung für Childish Gambino sehe ich erstens als Preis für einen sehr talentierten Künstler – und zweitens: Als Wiedergutmachung dafür, dass schwarze so lange ignoriert wurden.

Wieso glauben sie kommt gerade jetzt diese Wiedergutmachung?

Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens: Schwarze Künstler erschaffen schon seit langer Zeit großartige Kunst, aber mittlerweile sind auch immer mehr schwarze Menschen in so einflussreichen Positionen, dass sie Entscheidungen beeinflussen können.

Und zweitens kapieren nun auch viele weiße Amerikaner, dank unserer derzeitigen Regierung, dass unsere Gesellschaft bei weitem nicht so post-rassistisch ist, wie sie vielleicht gemeint hatten. Sie möchten gerne auf der Seite der Antirassisten stehen – und können deswegen auch schwarze Kunst anerkennen.

Ich habe gelesen, dass Sie sozusagen im Alleingang die Utopie einer race-freien Gesellschaft relativiert hätten - kann man das so sagen?

Naja, keine Ahnung, ich habe ein Buch darüber geschrieben, wie hartnäckig Rassismus und vor allem rassistische Strukturen in den USA sind. Das Problem einer "post-racial society" ist folgendes: wenn wir glauben, dass es keinen Rassismus mehr gibt, dann glauben wir auch, dass die Leute an ihrer schwierigen sozialen oder wirtschaftlichen Lage einfach nur selbst schuld sind. Die Ungerechtigkeit wird also wieder rassistisch legitimiert.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann scheitert eine Gesellschaft mit dem Zusatz „post-racial“ daran, dass sie von den falschen Vorzeichen ausgeht. Trotzdem: Es gab eine Zeit, vor vielleicht zehn Jahren, als diese Idee der "post-racial society" sehr vielversprechend aussah: Menschen werden nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt, sondern hauptsächlich als Menschen gesehen.

Die Genetik sagt uns: Menschen sind sich grundsätzlich – rein genetisch also – sehr ähnlich. Unter unserer Haut- und Haarfarbe sind wir uns ziemlich ähnlich. Es gibt als nur eine race und das ist der Mensch. Ein Problem tut sich auf, wenn wir nicht nach race unterscheiden, dann können wir die existierende Ungleichheit nicht beschreiben. Und wenn wir das nicht unterscheiden, dann können wir die Strukturen hinter Rassismus nicht erkennen – und wenn wir das nicht schaffen, dann wird Rassismus weiter bestehen bleiben.

In Ihrem Buch schauen Sie in die Vergangenheit – sie arbeiten aber gerade an einem Buch – der Titel „Wie man zum Antirassisten wird“ – wieso gerade jetzt der Blick in die Zukunft?

In „Gebrandmarkt“, wie mein Buch auf Deutsch heißt, betrachte ich die Ideengeschichte von rassistischen und antirassistischen Vorstellungen. Und ich wurde immer wieder gefragt, wie man denn ein Anti-Rassist wird. Die Leute sagen gerne: Ich bin kein Rassist, aber tatsachlich gibt es aber nur zwei Möglichkeiten: Rassist oder Anti-Rassist. Und je häufiger ich diese Frage beantworten musste, desto klarer wurde mir, dass ich dazu ein Buch schreiben sollte.

Das bedeutet aber auch, dass man beim Rassismus nicht irgendwie unentschlossen sein kann, wenn ich sie richtig verstehe, dann gibt es keinen neutralen Raum, man ist entweder Rassist oder Anti-Rassist, richtig?

Genau! Jede Idee steht entweder für eine rassistische Hierarchie oder eben für Gleichheit. Es gibt keine Politik, die in Bezug auf race neutral ist. Und genauso verhält es sich bei Menschen: entweder sie bestärken rassistische Vorstellungen durch ihr Verhalten - oder nicht. Es gibt kein „Dazwischen“, es gibt keine Neutralität bei dem Kampf gegen Rassismus.

Die Utopie einer "post-racial society" geht auch auf die Wahl von Barack Obama zurück – haben sich die Leute zu sehr ausgeruht?

Uns wurde erzählt, dass es einen beständigen Fortschritt gibt. Wir kamen weg von der Sklaverei, weg von der Rassentrennung, hin zu einem Präsident Obama. Aber meine Forschung zeigt auch, dass sich durch die amerikanische Geschichte eine zweite Gewissheit zieht: Dass auf Sklaverei die Rassentrennung folgte und auf die Rassentrennung die massenhafte Inhaftierung von Schwarzen – und dass auf Obama nun Trump folgte.


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