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Homosexualität Ein Arzt aus München bietet "Homo-Heilung" an. Das Gesetz lässt das zu.

In Deutschland gibt es immer noch Ärzte, die Homosexuelle heilen wollen – und das auch gesetzlich dürfen. Wir haben mit einem Arzt gesprochen, der seinen Patienten ihre homosexuelle Neigung abgewöhnen will. Und mit einem Aktivisten, der dafür kämpft, dass solche Konversionstherapien verboten werden.

Von: Niklas Schenk

Stand: 17.01.2019

Lucas Hawrylak | Bild: Lucas Hawrylak

Gero Winkelmann ist vieles: Allgemeinmediziner, Präsident des Bundes Katholischer Ärzte, laut eigener Aussage ausgebildeter Homöopath – und ein Mann, der anderen Männern ihre homosexuelle Neigung austreiben will. Er sagt: "Nicht ich heile, sondern derjenige heilt sich selbst. Indem sein Organismus sozusagen alle sechs Wochen ein spezielles homöopathisches Mittel kriegt, in Hochpotenz, um diese Querelen oder diese Ursachen, die ihn jetzt belasten, automatisch zu beseitigen. Es gibt kein Medikament was speziell heißt, dass eine homosexuelle Neigung weg geht."

Homosexualität "entgiften"?

Mit homoöpathischen Mitteln werden die Patienten entgiftet, so nennt das Winkelmann, der seine Praxis im Süden von München hat. Allerdings hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Homosexualität bereits 1992 aus ihrem Krankheitskatalog gestrichen. Das weiß auch Winkelmann. Deshalb nennt er Homosexualität "eine behandlungsbedürftige Störung, weil wenn ich Krankheit sage, gibt’s sofort eine Anzeige."

Schuldkomplexe statt Aufklärung

Für Lucas Hawrylak ist das Schönfärberei. Er hält Konversionstherapien für gefährlich, ganz gleich, wie man sie bezeichnen möchte. "Vor allem in der Phase, wo Jugendliche ihre Sexualität entdecken, hat das in der charakterbildenden Phase sehr schlechte Auswirkungen, wenn einem ständig eingeredet wird, dass mit einem etwas nicht stimmt. Man macht sich ein Leben lang Vorwürfe, es führt zu Traumata und zu Suiziden."

Lucas Hawrylak kämpft für ein Verbot der "Homo-Heilung"

Hawrylak ist 26 Jahre alt, Student und Mitarbeiter im Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Frank Junge. Hawrylak hat sich mit 18 Jahren geoutet. Eine Konversionstherapie hat er selbst nie gemacht, zum Glück, wie er sagt. Denn er kennt die Auswirkungen dieser sogenannten "Heilung". Deswegen setzt er sich mit einer Petition für ein Verbot dieser Therapien ein.

Auslöser war eine Anfrage an die Bundesregierung im Sommer 2018, ob diese Therapien verboten werden sollen. Die Antwort kam vom Gesundheitsministerium und dessen Leiter: Jens Spahn. "Die Antwort aus dem Ministerium war „Nein“ – ohne eine weitere Begründung. Das war der Ausgangspunkt. Da war so ein queerer Stammtisch und wir haben gesagt, wir machen was. Dann haben wir diese Petition gegründet", sagt Hawrylak.

Innerhalb von zwei Wochen unterzeichneten 40.000 Menschen die Petition auf change.org, inzwischen sind es knapp 80.000. Vor allem in evangelikalen Kreisen gäbe es noch viele dieser Therapie-Angebote, sagt Hawrylak. Dort gäbe es auch eine "Pray the Gay Away"-Therapie bei Ärzten, in denen hauptsächlich gebetet wird. So friedlich geht es nicht immer zu: Elektroschocks und auch physische Gewalt gehören zu den brutalen Methoden einiger selbsternannter Heiler.

Jens Spahn tut sich schwer mit einem Verbot

Nur einen Monat, nachdem Hawrylaks Petition gestartet war, schlug Gesundheitsminister Spahn in einer Facebook-Ansprache an seine Follower neue Töne an: Die Homo-Heilung sei "Quatsch" und "Körperverletzung", ein Verbot jedoch juristisch schwer zu lösen.

Für Hawrylak ist das Augenwischerei: "Ein Gesundheitsminister weiß ganz genau, wie das zu verbieten ist. Ich habe auch ein Gutachten vom Bundestag gelesen, wo drin steht, dass ein Verbot mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Ich glaube, dass wir den Druck weiter hochhalten und es irgendwann dann in Richtung eines Verbots geht."

Der Allgemeinmediziner wiederum Gero Winkelmann hält ein Verbot für gefährlich. Schließlich wolle er doch nur helfen: "Um den vielen Leidenden zuliebe sollte man nichts verbieten. Und ich habe ja die Fachkunde. Ich habe die Zusatzbezeichnung Homöopathie." Winkelmann ist davon überzeugt, dass er etwas Gutes tut. Viel mehr Ärzte sollten seinem Vorbild folgen, findet er.

Der junge Aktivist Lucas Hawrylak sieht sich hingegen im Aufwind. Er hofft, dass zumindest für Minderjährige Konversionstherapien schon mal verboten werden, später dann gesamt. Mit Jens Spahn hatte er seit Monaten keinen Kontakt. Jedoch hat die neue hessische schwarz-grüne Regierung in ihrem Koalitionsvertrag ein Verbot als Ziel ausgegeben. Und die Bremische Bürgerschaft möchte das Thema in den Bundesrat bringen.


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