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"Holy Spider" Dieser dänisch-iranische Film zeigt, wie Frauen im Iran als Menschen zweiter Klasse gelten

Das iranische Mullah-Regime wackelt, seit im September vergangenen Jahres die Proteste gegen den Tod von Jina Mahsa Amini begannen. Das Regime schlägt brutal zurück - Kritik übt man bislang besser nur vom Ausland aus. Genau das tut der im Iran geborene Regisseur Ali Abassi mit seinem neuesten Film „Holy Spider“.

Author: Roderich Fabian

Published at: 9-1-2023

Ein Bild aus dem Film "Holy Spider". | Bild: Alamode Film

„Holy Spider“ ist ein hochklassiger, sehr professionell gemachter Film. Das erkennt man schon in den Anfangsszenen mit ihrer geschickten, atmosphärischen Montage. Die zeigt uns den Alltag einer iranischen Prostituierten, die in bitterer Armut lebt und sich den Männern, die sie bezahlen, schutzlos ausliefern muss. Die Anfangssequenz, die mit der Ermordung der jungen Frau endet, setzt den Ton für diesen intensiven Film.

Ein Zimmermann als Serienmörder

Regisseur Ali Abassi führt anschließend eine fiktive Figur in die an sich wahre Geschichte ein: eine Journalistin Rahimi, die bei der größten Tageszeitung von der iranischen Stadt Meschad arbeitet. Eher durch Zufall erfährt sie von einem Kollegen, dass er in Kontakt mit dem Frauenmörder steht. Der Mörder wird im Film schnell identifiziert. „Holy Spider“ ist also kein konventioneller Krimi. Der Zimmermann Saeed, der sogenannte Spinnenmörder, ist ein scheinbar ganz gewöhnlicher Familienvater, der jedoch zu einer brutalen Bestie werden kann, wenn er eine Frau in seine Wohnung oder einen anderen Hinterhalt gelockt hat.

Der Veteran aus dem zweiten Golfkrieg gesteht seinem Freund Hadji bei einer Autofahrt, dass er eine scheinbar religiös-motivierte Mission verfolgt, mit der er seine insgesamt 17 Morde zu rechtfertigen versucht. So will er irgendwas mit seinem Leben bewirken, denn Gott hätte ihn doch nicht nur erschaffen, dass er sein Leben lang ein einfacher Zimmermann bleibe. Im Laufe des Films entsteht der Eindruck, und das war wohl auch die Absicht des Regisseurs, dass im Iran eine völlig andere, mittelalterliche Moral herrscht als beispielsweise in Europa. Denn – so erleben wir das hier – die Morde an den Prostituierten werden in Meschad tatsächlich von vielen Menschen gut geheißen.

Viel zu wenig hat sich seit 2001 im Iran geändert

Serienmörder Saeed mit seinem Sohn.

Das sieht die junge Journalistin Rahimi völlig anders. Nachdem sie bemerkt hat, dass weder die Polizei noch die religiösen Anführer etwas gegen den Spinnenmörder unternehmen, geht sie das Risiko ein, sich selbst als Lockvogel auf die Straße zu stellen und den Killer zu enttarnen. Spätestens hier wird „Holy Spider“ wirklich zum atemberaubenden Thriller. Aber auch als Saeed überführt ist und im Knast sitzt, darf er noch auf den Beistand vieler vertrauen, allen voran seiner Ehefrau, die dem gemeinsamen Sohn sogar noch die Motivation seines Vaters erklären will.

Danach verwandelt sich „Holy Spider“ in einen nicht weniger aufregenden Gerichtsfilm. Der mittlerweile in Dänemark lebende Regisseur Ali Abassi konnte nicht an Originalschauplätzen drehen, sondern ist in die jordanische Hauptstadt Amman ausgewichen. Der iranischen Regierung war nicht daran gelegen, den 2001 sehr spektakulären Kriminalfall noch einmal in Erinnerung zu rufen. Aber nach den aktuellen Protesten im Iran bekommen die Femizide des Serienkillers Saeed wieder eine unheimliche Aktualität. Nicht nur Prostituierte, sondern alle Frauen wirken in „Holy Spider“ wie Menschen zweiter Klasse, mit denen die Männer nach Belieben verfahren können. Und auch wenn dies nichts für schwache Nerven ist, so ist der Film ein wichtiger Beitrag zu den aktuellen Diskursen. Viel zu wenig hat sich seit 2001 im Iran geändert.

"Holy Spider" ist ab 12. Januar 2023 in deutschen Kinos zu sehen, hier gibt's den Trailer.