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Interview mit Achim Waseem Seger So tickt die neue Hip-Hop-Partei Die Urbane

Ja, es gibt tatsächlich eine Hip-Hop-Partei. 2017 wurde in Berlin Die Urbane gegründet. Hinter dem nicht ganz ernst klingenden Namen stecken ernste, neue politische Ansätze. Wir haben uns mit dem Münchner Vorstandsmitglied Achim Waseem Seger über die Partei unterhalten.

Von: Aylin Doğan

Stand: 15.02.2021

Achim Waseem Seger, Mitglied der Partei Die Urbane | Bild: Daniel von Loeper/Abendzeitung

Zündfunk: Ihr seid eine Hip-Hop-Partei. Da stellt man sich darunter vor, dass man zusammenkommt. Man rappt, man tanzt Breakdance, sprüht vielleicht Graffiti. Wie gehen diese Hip-Hop-Aspekte jetzt mit Politik zusammen?

Achim Waseem Seger: Schön, dass du so ein Bild erstmal hast. Viele haben ja auch ein sehr negatives Bild von Hip-Hop, weil man sehr schnell Deutschrap damit verbindet. Und damit eben überhaupt nicht Machtkritik, sondern sehr sexistische und materialistische Aussagen verbindet. Aber ein bisschen ist es glaube ich auch so: Wir nennen unsere Meetings Cypher. Das ist ein Kreis, wo jeder mal das Mikrofon bekommt und jeder Teil davon sein kann. Natürlich ist bei uns der Hip-Hop-Jargon auch Teil unserer Identität, aber niemand der bei uns ist, muss irgendwie Hip-Hop-affin sein oder überhaupt Hip-Hop hören oder irgendwas machen. Also niemand muss rappen oder malen oder tanzen. Aber natürlich kommen wir aus dieser Kultur heraus.

Was zeichnet diese Kultur aus?

Ich glaube der eigentliche, wichtige Grundwert für uns ist Hip-Hop und deswegen haben wir das auch so im Namen, weil Hip-Hop an sich eine sehr antirassistische und dekoloniale Bewegung ist. An sich ist Hip-Hop in einer Schwarzen Community entstanden, unter dem Kontext von Kolonialisierung, Versklavung, Unterdrückung, Ghettoisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung. Hip-Hop war ein sehr antirassistisches, empowerendes Movement. Auch wenn das nicht jedem automatisch bewusst war. Diesen Gedanken möchten wir weitertragen. Dieses Selbstempowernde, die eigene Stimme zu vertreten. Voice to the voiceless. Ganz am Anfang hieß es auch: Fight the power.

Glaubst du von außen tun sich Leute oder Kritiker*innen vielleicht auch schwer euch dann wahrzunehmen, weil ihr mit ganz neuen Wörtern hantiert? Du hast vorher zum Beispiel gesagt, ihr nennt eure Zusammenkünfte Cyphers. Und letztens habt ihr eine 24h Live-Event-Party mit DJs und Speaker*innen veranstaltet.

Vielleicht entsteht der Eindruck, dass Hip-Hop im Namen wie eine Spaßpartei klingt. Oder nicht ernstgenommen wird. Oder Leute denken: „Hä, ich höre gar kein Hip-Hop, was soll ich damit anfangen?“ Aber es geht eben genau darum. Wir benutzen diese Bezeichnungen wie Cypher oder Releaseparty, weil wir aus dieser Kultur kommen. Und weil diese Kultur ursprünglich eine antirassistische ist und wir diesen Gedanken weitertragen. Aber für die Menschen sollte der Name eigentlich nicht das Ausschlaggebendste sein, sondern die Inhalte, die wir vertreten. Das, was dahinter steckt, unser Parteiprogramm. Auch der Wahl-O-Mat fragt dich ja nicht nach deiner Musikrichtung, er fragt dich nach deinen politischen Zielen. Und das zeigt auch die Bundestagswahl vor vier Jahren – da war die Urbane zwar nur in Berlin wählbar – aber sie war im Wahl-o-Mat vorhanden, und sehr viele Menschen aus der Bundesrepublik hatten Interesse.

Du sitzt im Vorstand der Partei und dieses Jahr peilt ihr im Bundestag mindestens die 0,5 Prozent an, um Finanzierungen zu bekommen und euch vom Ehrenamt zu lösen. Kannst du mir vielleicht ein zwei Punkte aus dem Parteiprogramm nennen, damit man sich eure Ziele vor Augen führen kann?

Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel das Grundeinkommen. Wir sind jetzt gerade dabei, uns natürlich auch für die Kunst- und Kulturszene zu engagieren und da zu versuchen, dass es dort Rettungspakete gibt und auch langfristig strukturelle Änderungen, dass sowas nicht nochmal passiert. Aber ich glaube auch ein ganz großer und wichtiger Aspekt dabei ist, den ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen und nicht nur für die Kunst- und Kulturszene Rechte zu erkämpfen, sondern für alle Menschen. Und damit sind wir eigentlich ganz schnell beim bedingungslosen Grundeinkommen. Dann geht es auch um detailliertere Sachen, wie zum Beispiel die Klimagerechtigkeit. Und ich glaube, dass auch der ganze Polizei-Apparat anders bewertet werden sollte. Besonders nach dem letzten Jahr, nach Black Lives Matter und dem Mord an George Floyd. Aber auch in Deutschland gibt es so etwas, zum Beispiel den Fall Oury Jalloh. Es geht uns darum, die Polizei zu einem antirassistischen Werkzeug zu machen und nicht zu einem Rassismus-reproduzierenden Organ des Staates. Insgesamt geht es darum, Institutionen zu dekolonialisieren und mit größerer Diversität auszustatten. Das ist ein Vorteil für die ganze Gesellschaft und das zieht sich durch unser ganzes Programm.

Siehst du sich selbst als Aktivist oder schon als Politiker?

Ja, viele machen ja den Unterschied. Man kann nur entweder Aktivist oder Politiker sein. Ich würde sagen, solange ich noch kein politisches Amt bekleide, würde ich mich jetzt auch nicht als Politiker bezeichnen. Und selbst wenn ich dann als Politiker bezeichnet werden würde, würde ich mich, glaube ich, trotzdem immer noch mehr als Aktivist sehen. Man müsste aber auch schauen, wie das die Leute definieren. Ich würde mich aber trotzdem, glaube ich, niemals vom Aktivismus loslösen.


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