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Black Flag-Sänger wird 60 Henry Rollins: „Ich habe versucht, mein Leben in Schlagzeilen zu leben“

Hardcore-Ikone Henry Rollins lebt seit Jahrzehnten kerngesund und durchtrainiert in LA. Seine als „Lesungen“ deklarierten Vorträge sind wegen ihres Humors legendär. Und im Kino wird er gerne als knallharter Cop besetzt, also als das Gegenteil des linksorientierten Freiheitskämpfers, der er ist. Ein Anruf zum 60. Geburtstag.

Von: Roderich Fabian

Stand: 11.02.2021

Henry Rollins im März 2019 bei der LA-Premiere von "Punk"  | Bild: picture-alliance/dpa

„60 zu werden ist - genau wie beim 50. oder 75. - einfach eine Marke, die Hersteller von Gruß- und Geburtstagskarten erfunden haben, um mehr zu verkaufen.“ Henry Rollins ist ein Mann der klaren und aufrichtigen Worte, bei unserem Interview beantwortet er jede Frage sehr gewissenhaft. „Für mich ist’s einfach ein Jahr mehr. Allerdings: Es lässt mich schon darüber staunen, wie lange ich nun schon gelebt habe. Und dass mein Leben als Erwachsener - wann immer das begonnen haben mag - so schnell vorübergegangen ist. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist“, so Rollins weiter. Ich kann ihn aus meiner Sicht beruhigen: Es ist gut, wenn das Leben einem schnell vorkommt. Dann hat man nämlich was erlebt.

Und wenn man sich das Oeuvre von Henry Rollins, der am 13. Februar 1961 in Washington D.C. geboren wurde, anschaut: All die Platten, Tourneen, Filme, Bücher – dann ist es fast ein Wunder, wieviel man in sechzig Jahre alles so hineinpressen kann. In letzter Zeit hat sich sein Leben kaum verlangsamt, auch dank vieler Reisen: „Ich habe versucht, mein Leben in Schlagzeilen zu leben. In etwa: ‚Mann geht in die Antarktis‘ Wie geht das? Nun, ich habe einen Reiseagenten. Wir haben’s gebucht. Ich bin hingefahren. Seit vielen, vielen Jahre versuche ich, ein interessantes Leben zu leben. Das muss man aktiv gestalten. Du fällst nicht einfach um und sitzt dann in einem Flugzeug nach Nordkorea. Du musst die Dinge schon anschieben, nach besten Kräften. Und so sind die letzten 20 Jahre einfach vorbeigeflogen.“

Ein Mann der Tat

Das ist der Henry Rollins, wie ich ihn kenne: Ein Mann der Tat. Seine musikalische Karriere hat er schon seit einigen Jahren beendet, dafür schreibt er Bücher wie verrückt, hat in Los Angeles eine wöchentlich Radioshow und geht - wann immer es möglich ist - weltweit auf Lesetour. Allerdings liest er nie etwas NUR vor. Er steht einfach da und hält einen mehrstündigen Vortrag, ohne Notizen, Freestyle. Trotzdem: Er wird 60. Da lässt dann doch allmählich die jugendliche Power ein bisschen nach. Das gibt er gerne zu: „Manche ‚Bedürfnisse‘ scheinen nie zu vergehen, aber vielleicht ist man nicht mehr so gut ausgestattet, ihnen nachzugehen (lacht). Manche finden sich auch nicht damit ab, lassen sich liften und färben ihr Haar und sind trotzdem traurig. Aber gottlob gibt es ja so etwas wie Humor! Abgesehen davon bemerke ich, dass ich nun mehr Geduld mit meinem Mitmenschen habe. Ich versuche jetzt zu verstehen, wie sie wurden, was sie sind. Als ich jünger war, habe ich meine Urteile viel schneller gefällt.“

Older Budweiser

Man sieht, Henry Rollins ist „Older Budweiser“ – um den alten Bier-Scherz mal wieder unterzubringen. Aber all die Werte, für die er immer noch steht: Kraft, Disziplin, Härte, Durchsetzungsfähigkeit der jeweils männlichsten Sorte sind momentan Eigenschaften, die viele skeptisch sehen - als Ausdruck einer vergangenen Zeit, als Auslaufmodell oder gar Schlimmeres:  „Ich habe mal ein Interview gegeben und die Moderatorin sagte: ‚Du sprichst von toxischer Männlichkeit, aber bist du nicht selbst ein toxischer Mann? Du trittst auf und versuchst, Schlägereien zu provozieren.‘ Da wusste ich, dass sie noch nie eine Show von mir gesehen hatte. Und ich antworte: ‚Das ist doch kein Grund, aus mir einen toxischen Mann zu machen. Ich gehe nie in Stripclubs, häng nicht mit anderen Männern rum. Ich trinke nicht. Und natürlich denke ich nicht, dass Frauen unterwürfige Schlampen sind. Ich glaube nicht, dass ich ein Frauenfeind bin.“

Politisch weiterhin auf der richtigen Seite

Die ausführliche Antwort zeigt, wie wichtig es Rollins ist, politisch weiterhin auf der richtigen Seite wahrgenommen zu werden. Er erwähnt auch noch etwas eilfertig, dass er Bewegungen wie MeToo und Back Lives Matter auf jeden Fall unterstütze, auch wenn er nicht auf die Demos gehe. Der Grund: Er hat Angst vor der Brutalität der Polizei in LA. Stattdessen sitzt er den Corona-Lockdown zuhause aus. Dort - meint Rollins, der weder Frau noch Kinder hat - sei alles, was er braucht. Aber an was arbeitet der 60-jährige Workaholic zurzeit? „Ich schreibe ein Buch über Musik. Es heißt ‚Stay fanatic, Teil 3‘. Denn Teil 1 und 2 sind schon erschienen. In dem Buch geht’s nur um Musik, um seltene Platten, meine verrückte Sammlung und die Suche nach Raritäten. Ich bin ein zwanghafter Nerd, besessen von Vinyl.“

So sitzt Henry Rollins regelmäßig schon um sechs Uhr morgens allein in seinem dreistöckigen Haus in Los Angeles vor dem Computer. Das Haus war früher ein Tonstudio, in dem Mötley Crüe aufgenommen haben. Aber das Equipment hat deren Schlagzeuger Tommy Lee mitgenommen, erzählt Rollins noch, bevor er sich wieder ans Werk macht, frisch, munter und voller Energie.


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