Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Helge hat die Bühne in Augsburg verlassen - und das zu Recht

„Das System ist fadenscheinig und dumm. Ich höre jetzt auf an dieser Stelle, Dankeschön.“ Mit diesen Worten hat Helge Schneider am Freitag die Bühne in Augsburg verlassen. Schade für die angereisten Fans. Aber wenn wir länger darüber nachdenken: Er hatte gute Gründe. Ein Kommentar.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.07.2021

Helge Schneider auf einem Konzert in Tübingen | Bild: picture alliance / Eibner-Pressefoto | Dennis Duddek/ Eibner Pressefoto

 „Das geht mir ziemlich auf den Sack. Ich habe keine Lust mehr.“ Das ganze Wochenende wurden diese Worte von Helge Schneider im Netz heiß diskutiert. Die Schwurbler haben den Komiker mal eben zum Helden erklärt, weil er gegen den „Corona-Unrechtsstaat“ protestiere. Bei der Gegenseite wird stattdessen Helge Schneider zum Schwurbler. Und der Tenor aller, die irgendwo dazwischenstehen: Privilegiert und rücksichtslos, denn ganz ehrlich – in diesen Zeiten ist es doch gut, dass Musiker*innen überhaupt wieder Konzerte spielen können. „Eitler, alter Sack“, heißt es auf Twitter. Auch die Bild-Zeitung titelt: Fans fahren Hunderte Kilometer, um Helge Schneider zu sehen. Und dann das. Okay, bitter ist es schon. Da reist man zum Beispiel aus Thüringen nach Augsburg, um den Lieblingskünstler zu sehen, bucht ein Hotel, und dann hört er nach dreißig Minuten einfach auf. Darüber kann und muss man sich ärgern. Ich finde aber trotzdem, dass die Katzenklo-Ikone gute Gründe für den Konzert-Abbruch hatte.

Abbruch macht Komiker nicht zum Schwurbler

Zunächst mal ist es doch ziemlich albern, Helge Schneider wegen seiner Konzert-Absage zum Querdenker-Freund zu erklären. Denn es geht auch ganz anders. Nehmen wir zum Beispiel Eric Clapton. Der behauptet, er würde keine Konzerte mehr spielen, wenn von Leuten ein Impf- oder Genesungsnachweis verlangt wird, zusätzlich beschwert er sich auf Telegram über Impf-Propaganda. Oder Nena, die während ihres Konzertes in Berlin Schönefeld immer wieder dazu aufrief, näher zu ihr an die Bühne zu rücken und die Konzert-Auflagen zu brechen. Wohl mit so viel Erfolg, dass die Polizei das Konzert frühzeitig beendete. Da ist ein Konzert-Abbruch wegen mangelnder Publikums-Anbindung eigentlich noch eine ziemlich harmlose Reaktion.

Sitzkonzerte sind schwer zu ertragen

Außerdem kann Helge Schneiders emotionaler Ausbruch eigentlich nur die logische Folge einer Wut in der Kultur-Szene sein, die sich seit Wochen und Monaten angestaut hat. Auf der einen Seite: Volle Stadien bei der Fußball-EM, Geburtstagspartys in Biergärten, ohne Masken und Abstand. Auf der anderen: Sitz-Konzerte an der frischen Luft, auf denen man sich häufig fühlt wie ein Gefangener. Meistens sitzt man drei oder vier Meter getrennt von Freunden und Familie, darf weder aufstehen, noch seinen Platz verlassen, nicht mal mit Maske. Und wer es wagt zu tanzen, wird von den Securities zurechtgestutzt oder fliegt raus. Das ist schon als Zuschauer extrem gewöhnungsbedürftig, wie soll es da erst für die Bands sein? Zu sehen, wie die Leute gerne zur eigenen Musik tanzen würden, aber dann vom Sicherheitspersonal in den Sitz zurückgedrückt werden. Helge Schneider hat sich genau darüber beklagt. Keine Rückmeldung vom Publikum, und dafür umso mehr Service-Personal, das Getränke durch die Gegend trägt: „Das System ist fadenscheinig und dumm. Ich höre jetzt an dieser Stelle auf, Dankeschön.“ Es ist bitter, dass die Fans jetzt den 50 Euro hinterherlaufen müssen, aber der Abbruch ist ein starkes Zeichen, das zeigt, dass diese Art der Konzerte nicht zum Dauerzustand werden dürfen.

Politik hat wenig Ahnung von Pop-Konzerten

Natürlich können weder Veranstalter*innen noch Artists etwas für diese miese Situation. Die Auflagen sind nun mal gerade so streng, dass den Locations nichts anderes mehr übrigbleibt. Sie zeigen aber auch, dass die Politik wenig Ahnung davon hat, wie ein gelungenes Pop-Konzert abläuft. Natürlich, im letzten Sommer waren die Sitz- und Abstandskonzerte noch ziemlich cool. Man war ausgehungert von Monaten des Lockdowns, hatte die Geistershows im Livestream satt und war begeistert vom Bass, der wieder in den Bauch drückte. Und Einnahmen für die Künstler*innen gab’s obendrauf auch wieder. 2020 war allerdings auch noch kein Impfstoff verfügbar und eine EM, die trotz Virus vor 60.000 grölenden Fans ausgetragen wird, war der Stoff von dystopischen Horror-Fantasien.

Nein, in Anbetracht der Pandemie ist noch kein richtiges Konzert möglich. Aber mit dem Anstieg der Zahl an Geimpften, der Möglichkeit sich überall kostenfrei testen zu lassen und der Gewissheit, dass die Ansteckungsgefahr in einer lauen Sommernacht Open-Air doch eher gering ist - wäre da nicht ein bisschen mehr drin? Dass Helge Schneider uns das dieses Wochenende vor Augen geführt hat, dafür müssen wir ihm eigentlich danken.