Bayern 2 - Zündfunk


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Heike Kleffner im Interview "Wir erleben eine sehr, sehr harte Normalisierung von Antisemitismus, der auch zu Gewalt führt"

Eine erschreckend breite Allianz an neuen und alten Demokratiefeinden vereint sich bei den Anti-Corona-Protesten auf unseren Straßen. Die Skepsis gegenüber Demokratie und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist hier tief verankert. Autorin Heike Kleffner warnt in ihrem Buch "Fehlender Mindestabstand" vor einer weiteren Vernetzung dieser Ideologien.

Von: Katrin Kastenmeier

Stand: 20.04.2021

Autorin Heike Kleffner | Bild: Christian Ditsch

Zündfunk: Das Buch, das Sie nun zusammen mit Matthias Meisner herausgegeben haben, trägt den Titel "Fehlender Mindestabstand". Hier geht es aber um weitaus mehr als nur den physischen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern. Oder?

Heike Kleffner: Es gibt zwei Hauptbeweggründe für uns und sicherlich auch für die meisten unserer Autor*innen, dieses Buch zu machen. Zum einen, weil wir wissen, dass sehr viele Menschen am Küchentisch, im Familien-Zoom, in ihren WGs, ihren Kirchengemeinden, in den Vereinen in denen sie aktiv sind, mit Coronaleugner*innen oder -verharmloser*innen konfrontiert sind. Und dass sehr viele Menschen darüber auch verzweifelt sind, dass ihre Freunde plötzlich Verschwörungsnarrative teilen, dass ihre Freund*innen plötzlich zu Coronaleugner*innen werden. Und diesen Menschen wollen wir mit unserem Buch den Rücken stärken und Fakten an die Hand geben. Wir wollen sagen, dort, wo ihr dagegen haltet, wo ihr klar bei Antisemitismus, Rassismus interveniert, da könnt ihr euch auf uns, auf die Fakten, auf die Recherchen verlassen. Der andere Grund ist, dass wir natürlich diese, doch zum Teil schon wirklich jahrelang aktiven Netzwerke der Demokratiefeinde sehen, die ja auch schon 2015/2016 in der Verwaltungskrise bei der rassistischen Mobilisierung gegen Geflüchtete vorangegangen ist. Wir sehen, wie die in dieser Zeit massiv Protestemobilisierung angeheizt haben. Wie daraus rechtsterroristische Gruppen und Netzwerke entstanden sind. Und wir befürchten, dass genau diese Netzwerke, die Krise von der wir ja alle betroffen sind, ausnutzen werden, um Rechtsterrorismus und Antisemitismus weiter zu verbreiten und auch wirklich militant vorzugehen.

Für den Sammelband haben Sie unter anderem auch zahlreiche Expert*innen, wie Fernsehmoderatorin Dunja Hayali und Historiker Heiner Fangerau befragt. Was ist denn der Wert der vielen verschiedenen Perspektiven, die im Buch vertreten sind?

Der Sammelband vereint eben auch Perspektiven, die eben nicht so häufig gehört oder gesehen werden. Zum Beispiel gibt es ein Interview, das die Journalistin Nhi Le mit Politolog*innen und Soziolog*innen viet-deutscher oder asiatisch-deutscher Herkunft geführt hat. Wo sehr sichtbar wird, wie diese Zuspitzung von antiasiatischem Rassismus, den Alltag von sehr vielen Menschen in Deutschland seit der Pandemie massiv beeinflusst. Gleichzeitig wird aber eben auch deutlich, dass sich diese Zuspitzung auf lange Traditionslinien antiasiatischen Rassismus in Deutschland stützt, die bloß sehr lange, von sehr vielen Menschen ignoriert wurden. Und das andere, was ich glaub ich auch nochmal sehr wichtig finde, ist, dass sich die Soziologin Katharina Warda für den Sammelband mit diesem Narrativ beschäftigt, das insbesondere in Ostdeutschland sehr zugkräftig ist: Die Behauptung die Coronaleugner würden quasi die friedliche Revolution weiterführen von 1989/1990. Und warum das in Ostdeutschland auch so einen großen Anklang findet. 

Kann man denn ganz pauschal sagen, für wen und was diese Entwicklung die größte Gefahr darstellt?

Es gibt Menschen, die ganz akuten Gefahren ausgesetzt sind. Das sind Gesundheitarbeiter*innen, Ärzt*innen und Mitarbeiter*innen von Impfzentren, die öffentlich bekannt geben, dass sie Impfen. Auf deren Autos werden Anschläge verübt. Es gibt rollende Impfmobile im Vogtland, die beschmiert werden mit Parolen wie "Mörder", Testzentren, auf die Brandanschläge verübt werden und natürlich sind Gesundsheitarbeiter*innen durch alle Menschen gefährdet, die sich nicht an die Abstandsregeln halten, die eben die Schutzmaßnahmen nicht ergreifen. Wir wissen doch alle, dass die Intensivstationen völlig überfüllt sind. Die Leute, die dort arbeiten, sind unersetzlich. Gleichzeitig muss man auch sagen, die Gefahr, die von dieser Bewegung ausgeht, trifft eben alle Risikogruppen, die noch nicht geimpft sind und sie trifft die Demokratie mitten ins Herz.

Gibt es ein Kapitel, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Es gibt ein Kapitel, das ich wirklich sehr eindrücklich finde und zwar hat das ein Team von RIAS-Bayern geschrieben, das ist die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus in Bayern, die sich wirklich sehr ausführlich mit den zahlreichen und sehr unterschiedlichen antisemitischen Narrativen der Coronaleugner*innen-Bewegung auseinandersetzen. Was da drin deutlich wird, ist eine sehr, sehr harte Normalisierung der Schoah-Leugnung, von sekundärem Antisemitismus, der auch zu Gewalt führt. Wir alle wissen ja, dass bei dem Attentat auf die Synagoge in Halle beinah fünfzig Menschen, die in der Synagoge gebetet haben, gestorben wären. Und dass zwei Passant*innen tatsächlich ermordet wurden

Was könnte man Ihrer Meinung nach besser machen, diese Gefahr auch massenwirksam aufzuzeigen?

Eine Sache die wirklich wichtig ist: Bei den Coronaleugner-Aufmärschen, die lange Zeit ungehindert durch die Städte ziehen konnten und bei den Aktionen, da waren es vor allem die Gegendemonstrant*innen, die von der Polizei und den Behörden als das Problem angesehen wurden. Das stärkt natürlich die Leugner*innen und deren Umfeld. Und es führt dazu, dass die solidarische Mehrheit, die seit 1,5 Jahren durch wirklich krasse Einschränkungen, durch existenzielle Einschränkungen versucht, alle zu schützen, dass die sich fragt, wer hier eigentlich mehr geschützt wird durch den Staat: Die Leugner*innen oder wir? Das kann natürlich nicht sein, dass Jugendliche, die sich in München abends in Parks versammeln, weil sie keinen anderen Ort haben, aufgegriffen werden von der Polizei, dann Ordnungsgelder zum Teil auch in horrenden Höhen aufgebrummt kriegen. Wohingegen Coronaleugner zu Tausenden ohne Masken durch die Gegend laufen können unter den Augen der Polizei.


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