Bayern 2 - Zündfunk

Pressefreiheit Warum die Würzburger Polizei die Wohnung eines Graswurzel-Journalisten durchsuchte

Die Übergänge von Journalismus zu Aktivismus können fließend sein. So genannte Graswurzel-Journalisten berichten "von unten" und sind per se politisch. Dennoch hat die Polizei kein Recht, ihre Recherchen einfach so zu beschlagnahmen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 25.05.2022

homas Herterich bei einer Protestveranstaltung der Querdenker- Szene am Rosenmontag 2022 | Bild: Leon Willner/ BR

Thomas Herterich muss sich gefühlt haben, wie ein Schwerverbrecher. Im November 2021 bekommt er unerwarteten Besuch. Von der Polizei. "Bei mir standen zwei Staatsschutzbeamte in Zivil vor der Tür", erinnert er sich. "Sie haben mir einen Durchsuchungsbeschluss überreichten, in dem ich fast schon wie ein Beschuldigter dastand, statt wie ein potenzieller Zeuge."

Es kommt zu einer Hausdurchsuchung, die Beamten verschaffen sich Zugang zu seinem Computer und beschlagnahmen Videos und Bilder. Aber was war passiert? Thomas Herterich hatte ein Jahr zuvor eine Demonstration der Gruppe "Eltern stehen auf" in Würzburg dokumentiert. Wofür sie steht, macht der Slogan deutlich: "Maskenfrei, abstandsfrei, Quarantäne-frei, freie Impfentscheidung!" Auf einer ihrer Demos kam es dann zu Konfrontationen mit Antifaschisten.

Landfriedensbruch, Katzenkot – und mitten drin Thomas Herterich

"Bei dieser Versammlung soll es zu Landfriedensbruch durch Gegendemonstranten gekommen sein", erzählt Herterich. Die Polizei sucht bei ihm nach Beweisen. In Würzburg hatte es immer wieder Kämpfe zwischen Querdenkern und Gegendemonstranten gegeben. Eine Demonstrations-Teilnehmerin hatte im Zündfunk schon vor über einem Jahr geklagt, dass sie mit Katzenkot beworfen wurde.

Nur habe das alles nichts mit ihm zu tun, sagt Thomas Herterich. Denn: Er ist kein Gegendemonstrant, sondern ein freier "Graswurzeljournalist", dokumentiert nur, was passiert. Hin und wieder verkauft er seine Bilder auch an Zeitungen, und er berichtet für die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. Also, sagt er, ist eine Hausdurchsuchung bei ihm nicht rechtens. Doch der Staat sieht das anders.

"Auf Demonstrationen bezeichnen mich Polizisten auch häufig als Gegendemonstranten und nicht als Journalisten, dabei bin ich nicht dort, um eine politische Meinung laut kundzutun oder sonst was. Ich dokumentiere, was passiert und veröffentliche das im Nachgang!"

"Graswurzeljournalist" ist herrschaftskritisch

Weil die Polizei journalistisches Material nicht einfach beschlagnahmen kann, zieht er vor Gericht. Doch für Empörung sorgt schon allein die Tatsache, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Zum Beispiel bei Bernd Drücke, promovierter Soziologe. Für ihn ist Thomas Herterich ein "klassischer Graswurzeljournalist".

Der Soziologe setzt sich wissenschaftlich mit Graswurzeljournalismus auseinander und schreibt selbst für die Zeitung "Graswurzelrevolution". Er erklärt, was Graswurzeljournalismus ist und warum er wichtig ist: "Graswurzeljournalismus ist Journalismus von unten, der sich darum bemüht, basisdemokratisch und herrschaftskritisch zu berichten." Es seien oft Laien, die diese Form des Bürgerjournalismus betreiben.

Jemand wie Thomas Herterich, 32 Jahre alt, ohne Medien-Ausbildung, aber vor Ort und mit ethischer Haltung, erfülle klar die Definition eines Graswurzeljournalisten, sagt Bernd Drücke. Gerade weil die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus bei ihm verschwimmt: "Ein Graswurzeljournalist sollte auf jeden Fall parteiisch sein. Er sollte immer auf der Seite der Unterdrückten und Geknechteten stehen und klar Position beziehen", so der Soziologe.

Gerade sprießen die Graswurzeln überall auf der Welt aus dem Boden: Bürgerjournalist*innen, die über Überwachung in China, den Ukraine-Krieg, die Opposition in Russland berichten – sogar den Pulitzer-Preis gab es für Graswurzel-Journalismus.

Thomas Herterich gegen die Staatsanwaltschaft

Stellt sich nur die Frage: Wie sieht das das Landgericht Würzburg im Fall von Thomas Herterich? Gibt es ihm Recht und nennt ihn einen "Journalisten"? Oder übernimmt es die Deutung der Staatsanwaltschaft und schränkt seine Rechte ein? Es folgt das Urteil: Das Landgericht Würzburg hebt den Durchsuchungsbeschluss auf, die Staatsanwaltschaft trägt die Kosten des Verfahrens.

"Meine Reaktion auf das Urteil war große Erleichterung", sagt Thomas Herterich. "Für mich stand schon zum Durchsuchungszeitpunkt außer Frage, dass ich journalistisch tätig bin." Das Urteil könnte ein Präzedenzfall werden, auf das sich Graswurzeljournalisten in Zukunft berufen können.