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Jung, weiblich, grün Woher kommt der Hass auf grüne Politikerinnen?

Nicht erst seitdem Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin der Grünen ist, wird sie im Netz angefeindet, beschimpft und diffamiert. Sie steht unter Personenschutz. Sie ist nicht die erste grüne Politikerin, die diesem abscheulichen Hass ausgesetzt ist. Woher kommt er? Ein Erklärungsversuch.

Von: Nicole Ficociello

Stand: 20.05.2021

Annalena Baerbock steht auf deinem Dach, hinter ihr ein Regenbogen | Bild: picture-alliance/dpa

Sie ist jung, weiblich und grün. Das reicht, um ein perfektes Feindbild abzugeben. Seit bekannt ist, dass Annalena Baerbock für die Grünen bei der Bundestagswahl als Kanzlerkandidatin antritt, muss sich die Politikerin mit Falschmeldungen, Beleidigungen und gefakten Nacktbildern rumschlagen. Dass die ganze Palette digitaler Gewalt vor allem grüne Frauen trifft, überrascht wenig, sagt Josephine Ballon vom Verein HateAid. Nur das Tempo, das ist neu, wie sie uns erzählt: "Also ich hatte jetzt schon gehört, dass es zum Beispiel in der Nacht an dem Tag, an dem sie ihre Kanzlerinnen-Kandidatur verkündet hat, dann eben schon am Abend sich diese gefälschten Nacktbilder verbreitet haben. Und das ging dann eben vor allem auch auf Telegram ganz hoch her, auch mit gezielter Desinformation."

Hass kommt häufig aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum

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Seit 2018 berät HateAid Menschen, die Hass im Netz erleben und unterstützt sie dabei, gegen die Hater vor Gericht zu gehen. Die Strategie der Hater ist immer gleich, sagt Josephine Ballon: "Es geht bei Hass im Netz vor allem eben darum, Menschen mundtot zu machen. Und das sind dann häufig die sogenannten 'Andersdenkenden'. Es geht darum an ihnen ein Exempel zu statuieren, um eben auch andere Menschen abzuschrecken und ihnen zu zeigen: Da schau her, wenn du dich im Netz engagierst und zu bestimmten Themen äußerst, dann ist das gefährlich für dich."

Menschen, die sich für grüne Themen engagieren, trifft der Hass besonders oft. Das liegt daran, dass dieser Hass häufig von rechts kommt, das zeigen Zahlen des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 2019: 73 Prozent der dort registrierten Hass-Postings kamen aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum. Vor allem die Frauen bei den Grünen sind den Hatern ein Dorn im Auge, sagt Josephine Ballon von HateAid: "Weil natürlich die Frauen, die sich dann auch für gesellschaftlich relevante Themen einsetzen, die sich politisch engagieren, die sich eben auch exponieren in der Öffentlichkeit, dann doch schon in einem sehr starken Widerspruch zu dem Rollenbild stehen, was vor allem in rechten Kreisen propagiert wird, wo ein sehr, ja traditionelles Frauenbild noch vertreten wird und was damit einfach nicht vereinbar ist."

Grüne Frauen bekamen schon in den 80ern Spott und Häme ab

Hass gegen grüne Frauen gibt es nicht nur in Deutschland - in Österreich traf es zum Beispiel die grüne Nationalrätin Sigi Maurer oder die aktuelle Justizministerin Alma Zadic. Und Hass gegen Grüne ist auch nicht neu. 1986 sind die Grünen zum ersten Mal in den bayerischen Landtag eingezogen. Das Wahlergebnis wurde von einer Standlfrau vom Münchner Viktualienmarkt im Bayerischen Fernsehen so kommentiert: "Die Grünen muss man alle aufhängen…". Ulrike Windsperger war damals Landesvorsitzende der Partei. Die Aussage der Marktfrau lässt sie bis heute nicht los: "Also in dieser Dimension, das war für mich ganz neu. Weil ich gedacht habe, eine Marktfrau, die ist doch so bodenständig und die kriegt doch mit, wie das Leben abläuft und dann so ein Hass, dass man uns gleich aufhängen möchte. Also: das war für mich ganz neu. Über die anonymen Briefe, die ich bekommen habe, aber da hört man die Stimme nicht, ja, das liest man oder schmeißt es gleich weg, wenn man sieht, was drin ist. Aber diese Stimme, da hat man wirklich den Eindruck gehabt, begegnen hätte ich dieser Frau nicht mögen. Schon gar nicht im Dunkeln. Also das war sehr unangenehm für mich."

Auch im Parlament gab es damals für die Grünen Spott und Häme, wie ein Blick in die Landtagsprotokolle zeigt. Gelächter, Zwischenrufe und Beleidigungen wie “Giftspritze” oder “Krampfhenne” - vor allem von der CSU. Ulrike Windsperger erinnert sich noch an das Verhalten vom späteren Bildungsminister Thomas Goppel: "Ich wurde auch als Abgeordnete natürlich eingeladen zu verschiedenen Podiumsdiskussionen. Und Thomas Goppel hat zum Beispiel abgelehnt, sich mit mir zusammen auf einem Foto zu zeigen. Er wurde dann allein abgebildet." Schon damals traf der Hass vor allem die Frauen in der Partei, sagt Ulrike Windsperger. Und wie heute kam er meist von den Männern: "Grüne - das war einfach schon ein Emblem, das man aufgedrückt bekam und damit war man schon abgestempelt. Und auch einfach Frau zu sein: Also wir waren ja mehr Frauen als Männer das war natürlich ein Novum in der ganzen Bayerischen Geschichte des Landtags, dass es so viel mehr Frauen waren, die so unbequem, unangepasst und frech waren und sich nichts gefallen haben lassen. Das war nicht erlaubt, in der Gesellschaft."

"Wir dürfen nicht nachgeben und uns verdrängen lassen"

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Das Internet verschärft und multipliziert die Angriffe auf grüne Spitzenpolitikerinnen nochmal. Aber wie können wir das lösen? Was können Politiker*innen gegen den Hass tun? Sich aus dem Netz zurückziehen und sich auf das “echte Leben” konzentrieren, ist keine Lösung, sagt Josephine Ballon von HateAid: "Ich tue mich schwer mit dem echten Leben, weil heutzutage leider das Internet unser echtes Leben geworden ist. Man kann ja heutzutage kaum noch etwas machen, ohne eine Internetpräsenz zu unterhalten und eben auch soziale Medien einzubinden. Denn wenn man dort nicht vertreten ist, dann ist man faktisch niemand. Der Wahlkampf findet doch längst auch zu großen Teilen im Netz statt und alles, was im Netz stattfindet, das wird natürlich auch genau beobachtet."

Und deswegen kämpfen die Grünen bis September auch digital weiter. In dem sie Hassmails an Annalena Baerbock solidarisch verteilen und abarbeiten, Falschmeldungen und Hasskommentare anzeigen und Counter-Speeches organisieren, sagt Ricarda Lang, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei: "Wir dürfen ja dem nicht nachgeben. Weil das Ziel von solchen Angriffen ist es ja gerade bestimmte Menschen, insbesondere Frauen, aber auch Grüne politisch mundtot zu machen. Das Ziel ist es, Menschen aus der öffentlichen Debatte zu verdrängen. Und in dem Moment, wo wir nachgeben, wo wir sagen, wir schaffen das nicht mehr, würden wir ja genau dieses Ziel erfüllen. Und deshalb ja, werden wir da weiter standhaft bleiben. Und ehrlich gesagt zeigt mir dieser ganze Hass vor allem aus dem rechten Spektrum, wie wichtig unser Einsatz für Demokratie und Menschenrechte ist und ist manchmal sogar ein Ansporn, das noch viel entschlossener zu machen."


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