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Journalist und Autor Hasnain Kazim über #metwo "Es geht darum, dass man sein möchte wie jeder andere auch"

Ein neuer Hashtag geht durch’s Land, und er heißt: #metwo. Seit Tagen teilen Menschen auf Twitter ihre Erfahrungen mit Rassismus im Alltag und erzählen zum Beispiel über Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche mit ausländisch klingendem Nachnamen oder ganz viel auch über Lehrer, die Schülern mit Migrationshintergrund wenig zutrauen. Einer der sich meinungsstark eingebracht hat unter dem Hashtag #metwo ist der Oldenburger Journalist Haznain Kazim. Wir haben mit ihm gesprochen.

Von: Oliver Buschek

Stand: 26.07.2018

Protest gegen Rassismus | Bild: picture-alliance/dpa

Hasnain Kazim kommt aus Norddeutschland. Trotzdem wird er immer wieder gefragt, wo er "wirklich" herkommt. Wir haben mit dem SPIEGEL-Korrespondenten und Buchautoren über #metwo und die Bekämpfung von Vorurteilen gesprochen.

Von all dem, was da unter dem Hashtag #metwo in den letzten Tagen zu lesen war, was hat sie am meisten überrascht?

Mich hat grundsätzlich überrascht und auch gefreut, wie viele Leute da mitmachen. Dass es wirklich tausende sind. Dass Leute sich nicht nur trauen, sondern sich hinsetzen und in wenigen Worten beschreiben, was sie für Erlebnisse haben in Deutschland – mit Rassismus mit Anfeindungen nur aufgrund der Tatsache, dass sie einen fremd klingenden Namen oder vielleicht eine andere Hautfarbe haben.

Was ja auch auffällig ist, dass auch vielen Lehrern Rassismus vorgeworfen wurde. Ist das was, was wir als Gesellschaft bisher zu wenig wahrgenommen haben?

Hasnain Kazim

Wir als Gesellschaft haben auf jeden Fall sehr vieles zu wenig wahrgenommen. Ich hab diese Form von Rassismus ständig gespürt. In der Schule zwar weniger, aber auch da hatte ich einen Fall, als ich dort neu war in der Orientierungsstufe und Deutschunterricht hatte. Da hat der Lehrer bei jedem dritten Satz, den ich als Schüler sagte, gemeint: „Erstaunlich. Erstaunlich.“ Als wäre es völlig ungewöhnlich, dass jemand mit meinem Namen normal Deutsch sprechen kann. Man nimmt das als Betroffener natürlich war, aber aufgrund der Tatsache, dass die meisten Leute darüber nicht offen sprechen und das auch kritisieren, ist es einfach in der breiten Gesellschaft nicht bekannt. Und deshalb find ich #metwo so gut.

Dieser Satz „Du sprichst aber gut Deutsch“ ist ja oft wahrscheinlich gar nicht so böse gemeint, wie es in den Ohren des Gemeinten dann ankommt.

Das ist richtig, das ist sicherlich nicht böse gemeint. Genauso wie die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“. Und wenn man dann sagt „Ich komme aus Norddeutschland“, kommt die Nachfrage „Wo kommst du richtig her?“. Das ist auch nicht böse gemeint, das ist Neugier, bestenfalls. Aber das Problem ist, dass man damit eine Grenze zieht zwischen „wir“ und „ihr“ – „ihr seid anders“.  Ich hab auch nicht ständig Lust mich zu erklären und mich zu rechtfertigen, warum ich braune Hautfarbe hab. Ganz davon abgesehen gibt es auch kein Recht, dass jeder das erfahren muss, warum das so ist. Wird dann oft so getan, als müsste ich das jedem immer erklären und erzählen. Genauso wie Menschen wie ich „dankbar“ sein müssen, dass ich in Deutschland leben darf und dass ich Deutscher bin. Es geht darum, dass man sein möchte wie jeder andere auch. Dass man teilhaben möchte an der Gesellschaft, Mitsprache haben möchte, mitbestimmen möchte – mit Rechten und Pflichten selbstverständlich. Darum geht es. Und deswegen ist es vielleicht so, dass manche Leute sehr kritisch reagieren, wenn ständig solche Fragen kommen.

Sie haben ja Bücher geschrieben über Rassismus, über den Hass, der Ihnen entgegenschlägt allein wegen Ihres nicht Deutsch klingenden Namens. Ist dieser bösartige Rassismus eigentlich schlimmer als der gut gemeinte?

Hasnain Kazims Buch "Post von Karlheinz"

Sicher ist der schlimmer. Der gut gemeinte ist ja einer, über den kann man reden. Man kann ja mit Leuten, wenn sie zum Beispiel fragen „Woher kommst du eigentlich wirklich?“, dann ist das so, dass ich das verstehen kann. Ich hab nun mal braune Haut und ich verstecke mich auch nicht. Und ich schäme mich dieser Hautfarbe auch nicht, im Gegenteil, sie ist sehr praktisch, wenn die Sonne scheint und es heiß ist. Mit solchen Leuten kann man oft reden, kann versuchen herauszufinden: Warum möchte der das wissen? Dann kann ich genauso zurückfragen: „Woher kommst du eigentlich? Was ist denn deine Lebensgeschichte?“ Und wenn man dann ein freundliches Miteinander findet, warum soll man da nicht drüber reden können. Der bösartige Rassismus ist einer, da lohnt es sich nicht zu reden. Also wenn jemand sagt, er möchte mich am liebsten tot sehen oder ausgewiesen oder irgendwo verreckt sehen – und solche Sprache kommt leider – dann macht es wenig Sinn mit solchen Leuten zu sprechen.

Oder andersrum gefragt: Wenn wir jetzt über Alltagsrassismus oder die Frage „Du sprichst aber gut Deutsch, wo hast du das denn gelernt?“ reden. Verschieben wir da nicht den Blick von dem, wo wir eigentlich die Probleme haben, auf Dinge, die gemessen daran nicht so wichtig sind?

Das tun wir schon, aber das sind ja Alltagssituationen, über die wir hier sprechen. Und dann kann man ja auch versuchen, Vorurteile zu entkräften. Dass es eben wahnsinnig viele Menschen gibt, mit Wurzeln in fremden Ländern, die sehr gut Deutsch sprechen oder besser Deutsch sprechen als viele andere Deutsche. Man sollte das nicht abtun als unwichtig. Gleichwohl gilt: Den Blick auf den schlimmen, menschenverachtenden Rassismus sollte man nicht abwenden. Das Problem ist im Moment, dass selbst Politiker in hohen Positionen eine Sprache an den Tag legen, die diese Spaltung, dieses Menschenverachtende, dieses Niederträchtige fördert. Und sozusagen so tut, als wäre das normal, dass man so miteinander umgeht. Und da muss man tatsächlich Widerstand leisten.

BILD am Sonntag hat nun gestern kommentiert: „Wir können Integration und wir integrieren auch. Lassen wir uns nichts anderes einreden.“ Wer immer auch da mit „wir“ gemeint ist. Kommt am Ende doch nur eine Abwehrreaktion bei rum statt Aufklärung und Einsicht?

Also ich hab als Kind gelernt: Eigenlob stinkt. Also sollte man das vielleicht nicht so sagen. Für mich ist das eine klassische Abwehrreaktion. Natürlich ist nicht ganz Deutschland rassistisch. Natürlich sind nicht „die Deutschen“ rassistisch. Aber es gibt eben sehr viele rassistische Begebenheiten. Das ist ein Problem, das es gibt. Und natürlich gibt es auch anderswo in anderen Ländern Rassismus. Aber ein Problem woanders rechtfertigt kein Problem bei uns. Wir sollten nicht ablenken von unseren Problemen und nicht so tun, als könnten wir alles, sondern darüber sprechen. So ein Kommentar wie in der BILD am Sonntag suggeriert: Wir müssen darüber gar nicht weiter reden und wir müssen diesen Leuten auch gar nicht zuhören. Und das ist doch das wichtige, dass wir diesen Leuten zuhören, die bei #metwo schildern, was ihnen tagtäglich passiert.


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