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Hasnain Kazim im Interview "Leute sagen zu mir 'Du bist nicht dunkel genug, du darfst nicht mitreden' - und das ist wirklich verrückt"

Autor und Koluminst Hasnain Kazim wird gesagt, er solle sich aus antirassistischen Debatten raushalten, da seine Hautfarbe zu hell sei. Da läuft was schief, sagt der Autor, und zwar in der linken Debattenkultur. Ein Gespräch über Meinungsfreiheit und auf welche Art und Weise wir gerade diskutieren.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 27.04.2021

Hasnain Kazim Journalist und Autor  | Bild: BR

Zündfunk: Wie werden in Deutschland eigentlich gerade Debatten geführt? Im Jahr 2 der Pandemie. Auf Social Media. Wo alles brennt. Ihr Tweet dazu hat viel Resonanz erfahren, im Zuge der Hashtags #allesdichtmachen und #allemalschichtmachen. War DAS der jüngste Anlass für Sie, sich einmal unsere Debattenkultur anzuschauen? Oder gab es auch persönliche Anlässe?

Hasnain Kazim: Es ist eine Mischung von mehreren Sachen. Also ich schreibe ja zu diesem Thema schon länger und äußere mich auch kritisch gegenüber Linken, wenn die sich irgendwie merkwürdig äußern. Das ist nicht gleichzusetzen mit dem, was aus der rechten Ecke kommt. Das sind nicht zwei gleich große Probleme. Aber dennoch -  jetzt habe ich mich halt mal eben auch zu den Linken geäußert, weil sich in letzter Zeit da einiges häuft.

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Kalifenkandidat Hasnain Kazim ..."nur hellbraun", also nicht dunkel genug, um über Rassismus sprechen zu dürfen. Ich hoffe, dass es sich um eine Minderheit handelt, die so redet, sie ist jedenfalls ziemlich laut. Was ich mich bei denen auf jeden Fall frage: Ticken diese Leute noch ganz sauber? Ich habe...

Die Sache mit den Videos der 53 Schauspielerinnen und Schauspieler war das eine, was ich sehr kritisch sehe. Diese Videos, die Art und Weise, wie manche sich da geäußert haben, fand ich krass. Es gab daraufhin sehr viel gute und scharfe Kritik, aber manche, fand ich, schossen wiederum weit übers Ziel hinaus. Da gab es Morddrohungen. Aufrufe zum Berufsverbot. Und das finde ich geht zu weit. Und dann kommt noch das persönliche hinzu, dass eben auch ich in letzter Zeit immer häufiger Kritik bekomme. Ich beteilige mich ja schon seit langem an antirassistischen Debatten, und da bekomme ich jetzt immer häufiger zu hören, Ich dürfte doch gar nicht mitreden, weil ich ja eigentlich gar nicht so dunkel sei, weil ich mit einer weißen Frau verheiratet bin. Ich war mal Bundeswehroffizier, das sei sowieso Verrat im Grunde genommen. Und da muss ich sagen, das ist wirklich verrückt.

Trolle von Links

Auf welchen Kanälen erreichen Sie denn diese Anwürfe? Treffen sie diese Menschen auch mal persönlich. Oder ist das alles „nur“ im Netz?

Das meiste ist im Netz. Aber es erreicht mich auch per E-Mail, wenn ich mal was geschrieben habe. Also, es gibt Leute, die haben dann halt meine E-Mail-Adresse und schreiben mir das direkt. Aber ich habe solche Sachen auch schon in Debatten erlebt, im analogen Leben. Wo Leute dann sagen: „Du kannst ja gar nicht mitreden. Ja, du warst doch mal in der Bundeswehr oder so“. Egal von welcher Seite.

Jeder spricht dem anderen ab, mitreden zu dürfen

Sie werden ja schon seit jeher hart angegangen. Hate Poetry haben sie quasi mitgegründet, zu lesen in Ihrem Buch „Post von Karl-Heinz“. Was ist jetzt anders?

Bislang kam das meiste aus der rechten Ecke. Aber es kann auch aus Ecken kommen, von denen man das zunächst gar nicht erwartet, also aus der linken Ecke. Nehmen wir die Sache mit den „Pinky Gloves“, den pinken Handschuhen zur Tamponentsorgung. Die – weißen, männlichen – Gründer dieses Produkts hatten einen massiven Shitstorm kassiert. Wie sinnvoll so ein Produkt ist, darüber kann man reden. Aber doch nicht so in dieser erhitzten, wahnsinnig wütenden Stimmung. Das ist nicht zielführend. Ich hab manchmal das Gefühl, es geht nur darum, sich irgendwie abzureagieren und irgendwie laut zu sein an. Wobei ich, wie gesagt, den Ärger verstehen kann, den es zu Pinky Gloves gab.

Und neu ist eben, dass das immer mehr wird. Es eskaliert. Es gibt zu wenig Gegenargumente und zu wenig Leute, die sagen, hey, das ist Unsinn, so miteinander zu sprechen. Zu drohen. Es gibt Leute, die mir zum Beispiel sagen: „Du bist nicht dunkel genug und deswegen darfst du nicht mitreden“. Und dann gibt es andere Debatten. Ich habe auch den Eindruck, dass da viel aus den USA rüberschwappt, wo diese ganze Debatte über Cultural Appropriation, also über kulturelle Aneignung, intensiv geführt wird. Was darf man eigentlich machen? Ja, darf ich mich als Weißer verkleiden, als Indianer? Und darf ich Indianer überhaupt sagen? Also ich finde diese Debatten schon wichtig, und dass man die führt, ist auch richtig. Nur teilweise wird das auf eine Art und Weise geführt, die ich absurd finde. Also wenn sich eine Grünen-Politikerin entschuldigen muss dafür, dass sie gesagt hat, als Kind wäre sie gerne ein Indianerhäuptling gewesen, dann glaube ich, ist da irgendetwas nicht ganz richtig. Da läuft was schief.

Also die Gereiztheit ist natürlich enorm, das bemerkt man ja schon seit geraumer Zeit im Netz von allen möglichen Seiten. Aber jetzt in dieser Debatte, die wir gerade aufmachen, also Trolle von links sozusagen, ist das ein ernst zu nehmender Teil der Debatte? Oder sind es einfach nur irgendwie gepolte Trolle, die im Netz ja zuhauf unterwegs sind?

Jede Debatte im Netz sollte man ernst nehmen. Man darf das nicht auf die leichte Schulter nehmen, weil immer mehr Menschen glauben, dass das in Ordnung wäre. Zu sagen, dass man die aufknüpfen soll, dass man die abschieben soll und von mir aus sollen die im Mittelmeer ertrinken. So reden die Leute auf der rechten Seite, auf der rechtsradikalen, rechts populistischen Seite. Aber sehr viele Menschen, eigentlich gemäßigte Leute, die ich für eigentlich tolerant, gebildet, liberal halten würde – die reden mittlerweile auch so und glauben, dass es in Ordnung wäre.

Wer darf noch mitreden?

Es geht ja viel um die Frage wer darf sich eigentlich zu was äußern? Dürfen sich zu Covid nur Menschen äußern, die auf Intensivstationen arbeiten? Dürfen sich zu Rassismus nur People of Colour äußern? Wie sehen Sie das?

Ich halte das für absurd. Grundsätzlich darf jeder zu allem etwas sagen. Die Frage ist natürlich nur, wie gewichtig ist das? Wie informiert ist das, wie klug ist das, was jemand sagt? Und macht es wirklich Sinn? Also beim Thema Rassismus zum Beispiel wäre es schon klug, denen zu zuhören, die auch betroffen sind. Wir brauchen ja den antirassistischen Kampf. Aber wenn es Leute gibt, die ihn so unsachlich führen und die ihn dann plötzlich über Sachen führen, ob der oder der da mitreden darf, oder ob ich dunkel genug bin, dann diskreditiert das den Kampf. Und das ist eine Gefahr, die ich sehe.

Wie kann man denn da wieder wegkommen von dieser wahnsinnigen Gereiztheit?

Ich glaube, dass viele Menschen Angst haben, zu bestimmten Themen etwas zu sagen. Aber ich widerspreche vehement, wenn Leute sagen, es gäbe keine Meinungsfreiheit mehr. Das stimmt nicht. Es gibt eine Meinungsfreiheit, jeder darf zu allem etwas sagen. Man muss aber eben ertragen, dass man dann Widerspruch bekommt. Was ich aber schon sehe, ist, dass Menschen Angst haben, bestimmte Dinge zu sagen, weil sie diesen Widerspruch nicht ertragen.


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