Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Welzer und Precht zeigen, dass Mansplaining nicht ausgestorben ist

Sie saßen bei Markus Lanz wie zwei eitle Gockel: Harald Welzer und Richard David Precht. Gerade haben sie gemeinsam ein medienkritisches Buch geschrieben. Kritische Nachfragen konnten sie in der Talkshow nicht nachvollziehen.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 30.09.2022

"Markus Lanz - Sendung vom 29.09.2022": Richard David Precht und Dr. Melanie Amann | Bild: ZDF/ Cornelia Lehmann

Sie hat mir den Schlaf geraubt: Die Sendung von Markus Lanz, die am Donnerstagabend im ZDF lief. Sozialpsychologe Harald Welzer und Deutschlands liebster Fernseh-Philosoph Richard David Precht haben darin ihr gemeinsames Buch „Die Vierte Gewalt“ vorgestellt, das gerade erschienen ist.

Darin formulieren sie eine Kritik an deutschen Medien. Es geht ihnen unter anderem darum, welche Meinung die Medien in Deutschland bisher zum Ukraine-Krieg vertreten haben – nämlich überwiegend dieselbe, behaupten Welzer und Precht. Pro Waffenlieferungen, vereinfacht gesagt. Gegenmeinungen spielten zahlenmäßig angeblich überhaupt keine Rolle. Und das sagen Welzer und Precht interessanterweise, ohne überhaupt gezählt zu haben.

Bauchgefühl statt Recherche

Darauf wies die SPIEGEL-Journalistin Melanie Amann in der Talkshow hin: „Sie haben nicht systematisch ausgewertet, wie wir über den Krieg berichtet haben“, sagt sie dort. „Sondern Sie haben beschrieben, wie Sie wahrnehmen, wie wir über den Krieg berichtet haben.“ Als sie die beiden Autoren darauf anspricht, dass diese weder quantitative noch qualitative Untersuchungen durchgeführt haben, um ihren Vorwurf zu untermauern, entgegnet Precht: „Das geht ja noch gar nicht.“ Natürlich geht das! Sagt auch Amann: „Das dauert halt ein bisschen länger.“ Und nennt sich übrigens Recherche.

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Nico Ernst - Donnerstag, 29. September 2022, 23:56 Uhr
Frau @MelAmann stellt die Frage nach der Auswertung von Medien und #Precht meint "Das geht ja gar nicht" - "Das dauert halt ein bisschen länger". Und DAS ist IMHO der Knackpunkt: Schnelle Urteile für Social Media wie Podcasts sind einfach. Aktueller Journalismus nicht. #Lanz https://t.co/G6aa2OStm3

Frau @MelAmann stellt die Frage nach der Auswertung von Medien und #Precht meint "Das geht ja gar nicht" - "Das dauert halt ein bisschen länger". Und DAS ist IMHO der Knackpunkt: Schnelle Urteile für Social Media wie Podcasts sind einfach. Aktueller Journalismus nicht. #Lanz https://t.co/G6aa2OStm3 | Bild: Golemiker (via Twitter)

Eine Sache beweisen Precht und Welzer ohne jeden Zweifel

Die Behauptung, deutsche Medien berichteten einseitig, konnten Precht und Welzer also nicht mit Daten belegen, aber eine Sache bewiesen sie an diesem Abend dann doch ohne jeden Zweifel: Mansplaining ist keineswegs vom Aussterben bedroht. Richard David Precht hat sich sogar als wahrer Meister dieser Kunst erwiesen.

Da war zum Beispiel der Moment, in dem es bei Markus Lanz um Twitter ging. In dem Buch stehe nicht, dass Twitter Teufelswerk sei, ruft Autor Precht in Richtung der Journalistin Amann. Um dann nachzusetzen: „Am Anfang habe ich geglaubt, es ist Absicht, inzwischen habe ich den Verdacht, Sie haben gar nicht verstanden, worüber wir reden.“ Melanie Amann bleibt bemerkenswert ruhig. Runzelt die Stirn, holt tief Luft und entgegnet spöttisch: „Es kann sein, dass es zu kompliziert ist für mich.“

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Samira El Ouassil - Freitag, 30. September 2022, 00:07 Uhr
I feel you @MelAmann https://t.co/19nhs3Zb60

I feel you @MelAmann https://t.co/19nhs3Zb60 | Bild: samelou (via Twitter)

Richard David Precht entlarvt seine verletzte Eitelkeit

Der einzigen Frau im Studio zu unterstellen, sie habe das Buch nicht verstanden, das ist schon eine Leistung! Wer so auf kritische Nachfragen reagiert, der zeigt lehrbuchhaft, wie toxische Männlichkeit funktioniert – und wie verletzte Eitelkeit aussieht. Eine Sternstunde im deutschen Fernsehen.

Die Sendung hat mich so wütend gemacht, dass ich nicht einschlafen konnte. Aber dann kam er zum Glück, der tröstende Gedanke: Der Streit bei Markus Lanz hat im Grunde nur wieder gezeigt, wie lebendig die Meinungsfreiheit ist. Zwei Männer sitzen in einem öffentlich-rechtlichen Studio und können ihre Thesen ausbreiten, von denen sie paradoxerweise gleichzeitig behaupten, dass sie unterrepräsentiert sind – sie müssen aber eben auch mit begründetem Widerspruch rechnen. Das macht Meinungsvielfalt aus. Nun müssen Precht und Welzer nur noch lernen, damit umzugehen.