Bayern 2 - Zündfunk


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Harald Schmidt über Zustand und Zukunft des Fernsehens "Mein Name ist Harald Schmidt und ich war mal ein durchschnittlich erfolgreicher Kleinkünstler"

Harald Schmidt hat sich vom Fernsehen gleich doppelt zurückgezogen. Zum einen macht er nur noch selten welches. Zum anderen guckt er auch kaum noch. Aber auch wenn er sich heute als Spaziergänger bezeichnet, der den Tag vertrödelt und gern Zeitung, hat er doch immer noch viel übers Fernsehen zu sagen.

Von: Achim Bogdahn

Stand: 28.11.2018

Die Generation Netflix und Amazon kennt ihn vielleicht eh nicht mehr: den Entertainer Harald Schmidt. Vom Fernsehen hat er sich gleich doppelt zurückgezogen. Zum einen macht er nur noch selten welches. Zum anderen guckt er auch kaum noch. Das hat er Achim Sechzig Bogdahn erzählt, der ihn in Köln zum Interview getroffen hat - zusammen mit Mehmet Scholl. Am Sonntag, 02.12. um 23.05 Uhr ist Harald Schmidt in im Bayern 2 Nachtmix zu hören in Mehmets Schollplatten.

Zündfunk: Was macht Harald Schmidt heute?

Harald Schmidt: Ich bin Spaziergänger, ich vertrödele den Tag, ich lese gerne Zeitung, ich interessiere mich für die Börse und ich beobachte sehr interessiert das politische Geschehen, ohne dass ich mich parteipolitisch verausgaben würde.

Was war der letzte Fernsehjob?

Der letzte Fernsehjob war der Jahresrückblick 2017 mit Gregor Gysi auf n-tv. Und das war so fröhlich, dass wir das dieses Jahr wieder machen. Vielleicht wird auch der von letztem Jahr gesendet – allzu viel hat sich nicht geändert.

Der Blick auf die Fernsehlandschaft heute. Jetzt wurde kürzlich bekannt, dass die Lindenstraße eingestellt wird. Trauer oder konsequent? Musste das kommen?

Da sage ich das, was alle sagen: Ich fand’s toll, hab’s aber nie geguckt. Nach 30 Jahren kann man sich ja wirklich nicht beschweren. Ansonsten verfolge ich das nicht und ich äußere mich auch nicht, weil ich finde, das ist so eine Politikernummer. Man ist selber raus aus dem Geschäft und fängt dann an mit solchen Oldie-Politikersätzen wie: „Macht mir mein Europa nicht kaputt.“ Oder „Fünf Dinge, die der Westen jetzt beachten muss“.  Ich bin raus – dem Nachwuchs eine Chance!

Wie nutzt du Fernsehen heute?

Ich bin ein klassischer ZDF-Zuschauer. Ich setze mich auch noch hin, wenn’s gesendet wird. Ich gucke mir selten was in der Mediathek an. Das mache ich dann über Streaming bei Netflix und Amazon Prime. Aber ich gucke sehr, sehr gerne Heute Journal. Das deckt sich mit meinem Weltbild. Vor allem, wenn Heinz Wolf dann so ne Klopper-Meldung bringt wie „Heute ist Asien explodiert.“ und Claus Kleber sagt „Danke, Heinz.“ als Kommentar. Und ich gucke ab und zu bei Talk Shows rein, weil ich einen großen Spaß habe zu sehen, wer eingeladen wird . Weil ich weiß, wenn der und der da sitzt, dann haben sie den und den nicht gekriegt. Du fragst z.B. Cristiano Ronaldo an und dann sitzt da Buffy Ettmayer. Ein Riesen Typ – aber Ronaldo ging nicht her. Und weil ich weiß natürlich, wie über Gäste geredet wird bei der Buchung. Das ist ja auch so, wenn ein Flugzeugabsturz passiert: da sind ja schon fünf Redakteure unterwegs, um die Hinterbliebenen für den Jahresrückblick zu buchen. Das muss man ganz klar so sagen, so wird das gehandelt. Das ist so ein Spaß für mich. Aber Spielfilme guck ich nicht mehr im Fernsehen.

Du hast vor etwa 15 Jahren einem Zündfunk-Kollegen, Roderich Fabian, ein Interview gegeben. Da hast du gesagt, dass es in Zukunft nur darum gehen wird, möglichst billig Sendeminuten zu füllen. Das war damals deine Prognose. Bilanz heute?

Äh – jein. Also wenn ich eine Serie wie „Babylon Berlin“ sehe, wo richtig Geld in die Hand genommen wurde, dann merkt man schon: der Zuschauer ist natürlich ein scheues Reh. Das heißt, wenn ich eine Netflix-Serie sehe, wo einfach Kinofilm-Etats reingehen, dann trete ich natürlich in Konkurrenz damit. Trotzdem behaupte ich: Wenn ich heute zu einem Sender gehe, der werbefinanziert ist, und sage, ich habe da ein Konzept, da macht ihr 20 Prozent Rendite, dann würden die Eigner unabhängig vom Inhalt sagen, das schauen wir uns mal genauer an. Es zeigt sich auch, dass die Sender, die börsennotiert sind, sich keinen Gefallen tun, wenn sie nur auf die Rendite schauen, weil wenn die Qualität völlig wegbleibt, bleibt eben auch der Zuschauer weg.

Wo geht denn die Reise hin mit dem Fernsehen? Viele unken ja, das Fernsehen ist kurz vor dem Ende, das wird’s wegen Netflix usw. bald nicht mehr geben. Ist das auch deine Prognose?

Nein, weil da ist die alternde Gesellschaft auf unserer Seite. Der durchschnittliche ARD und ZDF-Zuschauer ist glaube ich 61 Jahre. Die jüngste Sendung bei der ARD ist, soweit ich weiß, „Die Sendung mit der Maus“ mit einem Altersdurchschnitt von 56. Und an einem normalen Fernsehwochenende gucken 30 Millionen Leute fern. Und diese Generation hat ja Fernsehen gelernt und wird das auch noch weiter gucken. Bei den jungen Leuten ist das natürlich weg. Aber noch locker 15 bis 20 Jahre braucht man sich übers Fernsehen keine Gedanken zu  machen. Das ist ein schöner Zustand, von dem ich hoffe, dass er so bleibt. Denn wie gesagt, gerade im Auftrag meines geliebten ZDF mache ich doch viele schöne Reisen mit leichter Textbeilage.

Herzlichen Dank, Harald Schmidt.


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