Bayern 2 - Zündfunk


50

Album der Woche: Habibi Funk Ein Sampler mit Songs aus der arabischen Welt überwindet Grenzen und Unterschiede

Der erste Sampler des Labels Habibi Funk ist da, mit bei uns kaum bekannter Musik aus dem arabischen Raum. Diese Musik versöhnt uns mit der christlich geprägten Adventszeit. Gott und Allah sei Dank.

Von: Ralf Summer

Stand: 18.12.2017

Aus dem "Harlem Shuffle" wird der "Casablanca Shuffle". Nicht nur die Rolling Stones haben den großen R'n'B-Hit der 60er gecovert - auch im arabischen Raum hat der Hit des afro-amerikanischen Duos Bob & Earl Spuren hinterlassen: Von der Single des marokkanischen Sängers Belbao gibt es nur noch zwei Exemplare. Diese Rarität landete nun auf dem Sampler "Habibi Funk". Sie zeigt uns den Einfluss schwarzer Musik der 60er und 70er Jahre auf Funk, Soul & R'n'B - nicht im Westen, sondern im Nahen Osten.

Sharhabil Ahmed, Habibi Funk

Ohne die Single würde es das deutsche Habibi Funk-Label von Malte Kraus und Jannis Stürtz nicht geben. Fadoul wird der "James Brown von Marokko" genannt. Jannis Stürtz hat eine Fadoul-Platte in einem Plattenladen in Casablanca entdeckt. Lange versuchte er, Fadoul für sein Berlin-Kölner Label zu lizenzieren. Aber erst beim sechsten Besuch erfuhr er, dass Fadoul gar nicht mehr lebt. Seine Familie erzählte ihm, dass er sein Geld zeitweilig als Clown in den Niederlanden verdienen musste. Sie gab einen Track für den Sampler frei.

Wir lesen im Booklet von der blühenden Kassetten-Kultur des Nahen Ostens, aber auch von Künstler-Schicksalen: Hamid El Shaeri musste wegen Gaddafi aus seiner Heimat Libyen fliehen und landete in Ägypten. Obwohl er bis in die Nullerjahre dort ein Star war, lebte er in einer heruntergekommenen Siedlung. Er fusionierte arabische Musik zum Teil sogar mit Disco. Seinen Sound nannte er "Al Jil" - Musik der Generationen. Andere Musiker - vor allem aus Algerien - suchten ihr Glück lieber in Frankreich. Wie Ahmed Malek (auf dem Aufmacher-Bild zu sehen), der Soundtracks produzierte und mit seinen verträumten Keyboards als Elektronik-Pionier des Nahen Osten gilt.

Habibi: der Geliebte, der Freund, der Vertraute

Der Name Habibi Funk ist eine Erfindung des Labels. "Habibi" meint den Geliebten, den Freund, den Vertrauten - und "Habibi Funk" fungiert als Sammelbegriff für verschiedene arabische und nordafrikanische Musikstile - wie "Zouk" im Arabischen Raum, libanesischen "Bossa" oder "Coladera" aus Algerien.

Habibi Funk entdeckt für uns also die Musik des Nahen Ostens, die es kaum in den westlichen Pop-Fokus geschafft hat. Auf seinen Reisen als DJ nach Casablanca, Kairo oder Beirut hat Jannis Stürtz immer wieder LPs und Tapes gekauft und gemerkt, wie funky, wie tanzbar, wie universal diese Stücke sind. Inzwischen kennt man Habibi Funk auch schon vor Ort: Stürtz erhält Fotos von alten Platten aus dem arabischen Raum, nordafrikanische Fans laden seltene Songs auf Youtube hoch und schicken ihm den Link nach Berlin.

Die Platte erinnert uns auch daran, wie beliebt der Nahe Osten für Hippies war: Psychedelic-Bands, Theater-Leute und Drogis aus aller Welt zogen in den frühen 70ern nach Nordafrika, spielten mit Musikern vor Ort und vermischten die Stile. In den 90ern hätte man die Schätze dieser Compilation wohl gesampelt und sie ihn weiße Pop-Songs eingebaut. Heute könnte das schnell zu einem Shitstorm führen: Stichwort "kulturelle Aneignung".

Habibi Funk ist auch eine Lektion in Sachen Kulturgeschichte

Im Sudan durften die Radiosender keine Schallplatten spielen, außer sie nahmen die Lieder selbst auf. So entstand im Laufe der Zeit ein riesiges Radio-Archiv. Um die Zensur zu umgehen, wurde auf Englisch gesungen - zu Gitarren, die Ausländer beim Ausbruch des Bürgerkriegs im Sudan zurückgelassen hatten. In Tunesien spielten die Bands oft in Hotels oder in Touri-Clubs, meist Covers von West-Hits. In der Nachsaison nahmen sie dann in Italien Platten mit eigenen Liedern auf. Urlauber wollten die Aufnahmen aber nicht haben. Das ist nun anders.

Habibi Funk - An Eclectic Selection of Music From the Arab World

Habibi Funk ist ein Sub-Label von Jakarta Records, auf dem HipHop erscheint. Wie schön, dass sich das Label geöffnet hat - und uns 2017 in der christlich geprägten Adventszeit mit arabischer Musik versöhnen. Kultur überwindet viele Unterschiede und Grenzen - vor allem die liebe Musik sickert überall hindurch. Gott und Allah sei Dank.


50