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Self-Care Show "Goop Lab" Gwyneth Paltrow zeigt zwar Vulven auf Netflix - aber das macht sie trotzdem nicht cool

Gwyneth Paltrow - da denken viele an "Conscious Uncoupling", "Self-Care" und Luxus-Lifestyle auf der Plattform "Goop". Unsere Autorin Ann-Kathrin Mittelstraß ist seltsam fasziniert - doch im Grunde überwiegt der Abscheu.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 03.02.2020

Schauspielerin in Goop Lab | Bild: picture alliance / Everett Collection

Selbstoptimierung - gerade in den USA ist das fast schon eine Religion. In Gwyneth Paltrows Show „Goop Lab“ wird sie von einem Hollywood-Star verkauft, bei dem es ja offensichtlich wirkt. Mit ihren 47 Jahren sieht Paltrow verdammt gut aus: blond, schlank, gute Haut und - ganz im Ernst – ziemlich natürlich. Die ersten Bilder zeigen sie und ihr Team in der sonnendurchfluteten Zentrale ihrer Firma Goop im kalifornischen Santa Monica. Es gibt ganz viel Glas, die Möbel sind weiß und hellrosa, alles ist so clean und steril, die Kleidung von Paltrow und ihrer Assistentin so pastellfarben, dass es schon fast unerträglich ist. Aber gut. Man kann sich ja mal ein bisschen Hochglanz-Trash zur Unterhaltung geben. Allein, um sich mal wieder in seinen Vorurteilen bestätigt zu fühlen.

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the goop lab with Gwyneth Paltrow | Trailer | Netflix | Bild: Netflix (via YouTube)

the goop lab with Gwyneth Paltrow | Trailer | Netflix

Es war immer so einfach, Gwyneth Paltrow doof zu finden. Sie war die schrecklich perfekte, wenn auch immer etwas farblose kalifornische Schönheit, Tochter einer Schauspielerin und eines TV-Produzenten. Natürlich wurde auch sie Schauspielerin, gewann Oscar, Emmy und Golden Globe und mit Chris Martin von Coldplay einen britischen Pop-Rock-Star als Ehemann obendrauf.

Gwyneth Paltrow und ihre 250-Millionen-Dollar-Lifestyle-Marke

Ihre gemeinsame Tochter nannten sie Apple. Apfel. Noch Fragen? Ach ja, nein, die Ehe hat nicht gehalten. 2014 entschied man sich zu einem „conscious uncoupling“, einem bewussten sich „Ent-Paaren“, bei dem man sich natürlich weiterhin liebt, aber spirituell behutsam voneinander löst. Darüber hat Paltrow damals natürlich auch auf ihrer Seite Goop geschrieben. Sie hat Goop 2008 als Newsletter angefangen, über den sie Rezepte für Bananen-Nuss-Muffins und Detox Teriyaki Chicken versendet hat. Mittlerweile ist Goop eine gewaltige Lifestyle-Marke geworden. Experten schätzen den Wert auf 250 Millionen Dollar. Man kann sich also ungefähr vorstellen, was einen erwartet bei der Netflix-Show The Goop Lab: noch mehr Selbstoptimierung und Self-Care – in Form von Experimenten. Folge 1: Eine Reise zur Heilung.

Da fahren also die jungen Goop-Mitarbeiter*innen nach Jamaica, um betreut von Expert*innen psychedelische Pilze zu nehmen. Man ist schon auf das Schlimmste vorbereitet – aber dann ist es gar nicht so schlimm. Die jungen Leute wirken sympathisch, die Frauen sind ungeschminkt und sehen halt aus wie Leute, die grade auf einem Trip sind. Auch das Gespräch, das Gwyneth Paltrow danach mit den Experten über Drogen und Traumatherapie führt, gar nicht so uninteressant. Bis das hier kommt:

"Die Vagina ist unser Geburtskanal. Ihr solltet über die Vulva reden. Das ist die Klitoris und der ganze scheiß drumrum."

Sex-Therapeutin Betty Dodson

Dafür, dass auf ihrer Goop-Seite so viel über sexuelle Wellness geschrieben wird und auch Vibratoren in diversen Ausführungen und Preisklassen verkauft werden, kennt sich Gwyneth Paltrow erstaunlich schlecht aus. Die 90-jährige (!) Sex-Therapeutin Betty Dodson muss Nachhilfe geben. Wovon ja alle profitieren. Denn der Unterschied zwischen Vagina und Vulva ist trotz eines jungen starken Feminismus offensichtlich immer noch nicht im Mainstream angekommen. Dafür wurden die weiblichen Genitalien zu lange tabuisiert und nicht gezeigt - außer in Pornos. Und jetzt – überraschend – im Goop Lab.

Manchmal ist "Goop Lab" schon ganz ok

Klar. Es ist natürlich nicht Gwyneth Paltrows Vulva, die da gezeigt wird. Es ist – neben diversen anderen Vulven in Großaufnahme - die von Betty Dodsons Assistentin. Die danach übrigens noch vor der Kamera masturbieren wird – Betty Dodson gibt nämlich Kurse, wie Frauen zum Höhepunkt kommen. In einer Welt, in der Fotos von weiblichen Nippeln auf Instagram und Facebook sofort gesperrt werden, muss man anerkennen, dass Gwyneth Paltrow da wirklich was erreicht hat. Vulven in Großaufnahme auf Netflix. Wow!

Gerade in einer Zeit, in der auch bei uns immer mehr Frauen ihre Schamlippen operativ verkleinern lassen wollen, um vermeintlichen Schönheitsidealen zu entsprechen, muss man Gwyneth Paltrow für diese Folge leider dankbar sein. Überhaupt: vielleicht haben wir Gwyneth Paltrow immer unterschätzt. Immerhin hat sie auch eine entscheidende Rolle in der MeToo-Bewegung gespielt. Sie hat die Autorinnen der New York Times, die den langjährigen Missbrauch des Filmproduzenten Harvey Weinstein recherchierten, im Hintergrund mit Kontakten versorgt. Sie hat ihr Haus in Kalifornien zur Verfügung gestellt, damit Opfer von Weinstein sich dort treffen konnten. Und eigentlich wirkt sie ja schon ganz sympathisch. Manchmal sogar ganz witzig.

Trotz Vulva: Gwyneth bleibt Gwyneth

Szene aus "Goop Lab" auf Netflix

Mist! Fast hätte sie mich gekriegt. Aber Gwyneth Paltrow und ihr Goop-Imperium muss man weiterhin doof finden. Und leider sogar gefährlich. Zum Beispiel die Anregung, sich Kaffee rektal einzuführen, um angebliche Gifte aus dem Darm zu spülen. Nach dem Goop-Artikel gab’s viele Berichte über rektale Verbrennungen. Leute wie die kalifornische Frauenärztin Dr. Jen Gunter haben es sich mittlerweile zur Aufgabe gemacht, die ganzen pseudowissenschaftlichen Behandlungen von Goop auseinanderzunehmen. Auf Twitter folgen ihr 280.000 Menschen. Jen Gunter hat auf ihrem Blog zum Beispiel geschrieben, dass es keine gute Idee ist, sich das 60 Dollar-Goop-Jade-Ei vaginal einführen, um den Beckenboden zu trainieren. Weil Jade porös ist und deshalb die Gefahr von Infektionen besteht. Außerdem darf Goop gerichtlich verordnet nicht mehr behaupten, dass die Jade-Eier dank ihrer Energien etwa den Menstruationszirkel regulieren könnten. Aber Einsicht hört sich anders an.

Da gerät die perfekte Gwyneth Paltrow dann doch etwas ins Straucheln. „Aber es hat sich von den Kundinnen ja nie jemand beschwert“. Natürlich nicht, weil die an die Heilkraft glauben. Und an die Wahrheit der Gwyneth Paltrow und ihres Goop-Imperiums. leider leben wir in einer Zeit, in der langsam jeder seine eigene Wahrheit hat. Und die Promi-Power im Social-Media-Zeitalter ist da eine der gefährlichsten Waffen. Deshalb darf man Gwyneth Paltrow wirklich nicht unterschätzen.

Ein so simpler wie guter Tipp der Gynäkologin übrigens: wer sich online über Gesundheitsbelange informiert, sollte das nicht auf Seiten tun, die einem gleichzeitig was verkaufen wollen.


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