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WhatsApp und Co. Dark Social - Wieso private Gruppenchats die Demokratie gefährden

Bolsonaro in Brasilien, Gelbwesten in Frankreich, Lynchjustiz in Indien – politische Agitation findet zunehmend in den privaten Gruppenchats von WhatsApp und Facebook statt. Ein gefährlicher Trend, sagt Dirk von Gehlen, Leiter des Bereichs Social Media bei der Süddeutschen Zeitung.

Von: Alexandra Martini, Interview: Bärbel Wossagk

Stand: 22.01.2019

Jair Bolsonaro bekam Wahlkampf-Unterstützung auf Whatsapp (Symbolbild) | Bild: BR

Am 28. Oktober 2018 wird der rechtsextreme Jair Bolsonaro neuer Präsident Brasiliens. Wie die brasilianische Tageszeitung „Folha de Sao Paulo“ aufdeckt, fußte sein Erfolg maßgeblich auf einer WhatsApp-Kampagne, beauftragt von ihm nahestehenden Unternehmern: Umgerechnet 2,8 Millionen Euro wurden in hunderttausende Fake News investiert, die sich über die Gruppenfunktion des Messengerdienstes rasend schnell verbreiteten - in Brasilien informiert sich ein großer Teil der Bevölkerung über WhatsApp.

Die Verbreitung von gezielten Falschinformationen über nicht nachvollziehbare Social Media-Kanäle: Der amerikanische Journalist Alexis C. Madrigalis nennt das „Dark Social“. Sechs Jahre später, 2018, wird klar, wie gefährlich „Dark Social“ für die Demokratie werden kann. Half „Dark Social“ einem Rechtspopulisten in Brasilien an die Macht, zeigt sich seine Wirkungsmacht in Frankreich bei den sogenannten Gelbwesten.

Die Gelbwesten in Frankreich

Am 17.November 2018 gehen in französischen Städten hunderttausende Menschen in gelben Warnwesten auf die Straße. Zuerst demonstrieren sie gegen steigende Spritpreise – später weiten sich die Forderungen aus: Macron soll abtreten, der Mindestlohn soll steigen, die Renten auch. Organisiert haben sie sich in lokalen Facebook-Gruppen. Viele dieser Gruppen sind auf „privat“ gestellt – nur Mitglieder können einsehen, was in den Gruppen diskutiert wird. Durch Facebooks geänderten Algorithmus werden private Gruppen außerdem prominenter in den Timelines platziert.

Dirk von Gehlen, Süddeutsche Zeitung

„Eine Entwicklung im letzten Jahr war, dass Menschen sich eher in die geschützten sozialen Räume begeben. Das kann ja auch was Positives sein:  Dass man sich zum Beispiel Anfeindungen, denen man aus welchen Gründen auch immer im offenen sozialen Netz ausgesetzt ist, entziehen kann“, so Dirk von Gehlen, Leiter des Bereichs Social Media bei der Süddeutschen Zeitung. „In den privaten Gruppen können sich aber falsche Nachrichten verbreiten ohne dass es ein Korrektiv gibt. Leute neigen dazu, sich nur noch in ihren Filterblasen zu bewegen und ihre Meinung dort bestätigt zu bekommen.“

Lynchjustiz in Indien

Indien ist das verrückteste Beispiel für eskalierende Gruppendynamik: Dort geistern seit dem Frühjahr 2018 Warnungen vor Kindesentführungen in WhatsApp-Gruppen herum – getarnt als örtliche Polizeimeldungen – und werden lawinenartig weitergeleitet. Nachbarn und Anwohner alarmieren sich über WhatsApp, wenn sie angebliche Verdächtige entdecken. Allein von März bis Mai 2018 wurden über 20 Menschen gelyncht. Die BBC berichtet von einem Fall: im Mai 2018 wird in Bangalore ein junger Mann durch die Straßen geschleift, die Hände und Füße zusammengebunden schlagen ihn Dutzende mit Stöcken zu Tode, verdächtigen ihn der Kindesentführung. Der Mann stirbt unschuldig – er war lediglich auf Jobsuche in die Stadt gekommen, so die BBC.

Überlegen, was man da teilt

„Es gibt bei WhatsApp und Facebook eine größere Diskussion, gerade weil in Indien und Brasilien die Nutzung von WhatsApp viel verbreiteter ist als in Deutschland. Der Konzern ist gezwungen da zu reagieren. Mein Lösungsansatz wäre jetzt gar nicht, darauf zu hoffen, dass Facebook/WhatsApp, dass die irgendwas lösen – das hat man in den letzten Jahren schon gesehen, dass das vermutlich nicht passiert, sondern dass wir selber anfangen, Social Media auf eine vernünftige Art und Weise zu benutzen: Dass was wir teilen, kann viralen Charakter bekommen“, so Dirk von Gehlen.

Das allein ist aber nicht die Lösung: Auch der Konzern reagiert - wie Dirk von Gehlen sagt - in Minischritten: Erste Maßnahme: Die Weiterleitung von WhatsApp-Nachrichten wurde auf fünf Kontakte limitiert.


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