Bayern 2 - Zündfunk

K.o.-Tropfen und Spiking Frauen rufen zu Club-Boykott auf - das muss sich ändern

In Manchester steht seit Mittwoch ein 29-Jähriger vor Gericht, der im September eine junge Frau mit K.o.-Tropfen bewusstlos gemacht und anschließend vergewaltigt haben soll. In ganz Großbritannien protestieren Frauen für mehr Sicherheit im Nachtleben. Sie haben zum Club-Boykott aufgerufen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 29.10.2021

Tanzende Menschen im Club  | Bild: picture alliance / Andrea Warnecke

Petra Mirosevic-Sorge studiert in der britischen Universitätsstadt Loughborough. Sie ist eine von vielen Aktivistinnen, die zum Club-Boykott aufgerufen haben. Denn in den letzten Wochen und Monaten kam es vermehrt zu Zwischenfällen mit K.o.-Tropfen und Spiking.

Zündfunk: Ihr habt zum Club-Boykott aufgerufen. Worum geht es genau?

Petra Mirosevic-Sorgo: Ich bin Teil der Bewegung „GirlsNightIn“ und es geht darum, gegen Spiking und gegen Missbrauch im Nachtleben aufzustehen. In ganz Großbritannien gab es Club-Boykotte, vor allem an den großen Universitäten. Das wird sich auch in den nächsten Wochen noch weiter fortsetzen. Wir wollen nicht nur solidarisch sein mit den Opfern, wir wollen auch darauf hinweisen, dass die Bemühungen in der Clubszene gegen Spiking nicht ausreichen. Wir brauchen noch deutlich mehr Maßnahmen.

Die Hauptursache für euren Protest ist das sogenannte Spiking. Was genau ist das und was macht es so gefährlich?

Von Spiking spricht man, wenn dir jemand ein Betäubungsmittel in den Drink mischt oder injiziert. Das kann zum Beispiel eine Pille sein, die Ketamin oder LSD enthält. Die löst sich dann in deinem Getränk auf und du nimmst es zu dir, ohne es zu wissen. Es gab aber auch Fälle, wo Menschen mit Spritzen gestochen wurden. Beides ist einfach extrem gefährlich. Die Nebenwirkungen können sehr weitreichend sein. Das geht vom Verlust des Bewusstseins, über Lähmungen in den Armen und Beinen, bis hin zu epileptischen Anfällen. Und manchmal kann es sogar zum Tod führen. Es ist einfach Wahnsinn: Du gehst aus, fühlst dich sicher, und dann verabreicht dir jemand gegen deinen Willen diese Substanzen, und du verlierst plötzlich die Kontrolle über deinen Körper. Ich habe das persönlich leider auch schon einmal erlebt. Ich weiß bis heute nicht, was in diesen acht Stunden passiert ist. Ich bin am nächsten Morgen in einem Bett voller Kotze aufgewacht, hatte überall blaue Flecken und konnte mich an nichts erinnern. Das war extrem beängstigend.

Was hat das mit dir gemacht?

Es hat mich auf jeden Fall sehr angespannt gemacht. Ich hatte Angst vor der Welt. Ich hatte eigentlich immer ein sehr positives Bild vom Leben und den Menschen um mich herum. Ich gebe Menschen zum Beispiel immer gerne eine zweite Chance und gehe vom Besten aus. Vielleicht war ich ein bisschen zu naiv, aber es hat meinen Blick auf die Welt verändert.

Wie sicher ist es für Frauen in Großbritannien gerade überhaupt Feiern zu gehen?

Zum Glück hat unsere Bewegung schon ziemlich viel bewirkt. Viele Clubs haben ihre Sicherheitsvorkehrungen stark erhöht. Aber natürlich gibt es immer ein Risiko, wenn man abends weggeht. Egal ob in Großbritannien oder in anderen Ländern. Und das betrifft ja nicht nur Frauen, sondern alle. Leider ist es jedes Jahr das Gleiche: Wenn die Uni anfängt, häufen sich die Vorfälle. Es macht mich jedes Mal traurig, wenn ich davon höre.

Es gibt auch eine Petition, in der es darum geht, Clubs zu verpflichten, die Besucherinnen und Besucher vor dem Club-Besuch zu durchsuchen. Was müsste passieren, damit das zur Pflicht wird?

Petra Mirosevic-Sorgo ist Teil der Bewegung „GirlsNightIn“, die zum Boykott britischer Clubs aufgerufen hat

Das hat eine Frau in Großbritannien gestartet. Es gibt schon über 170.000 Unterschriften. Die Regierung hat die Petition jetzt auch auf ihre Webseite genommen und versprochen, darüber im Parlament zu diskutieren. Wir als „GirlsNightIn“ unterstützen das aber nur bedingt. Das könnte nämlich auch zu gezielten Durchsuchungen führen, zum Beispiel bei Minderheiten oder marginalisierten Gruppen. Eine andere Petition, die gerade auch umgeht, fordert, dass die Regierung kostenlose Spiking-Test-Kits subventioniert. Da bekommt man sofort ein Ergebnis, ob K.o.-Tropfen im Drink sind. Auch diese Petition hat schon 12.000 Unterschriften. Wir versuchen auch mit Studentenvertretungen und verschiedenen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Da geht es beispielsweise um Aufsetzer, die man auf sein Getränk legen kann. Außerdem sollte das Club- und Bar-Personal besser geschult werden, wie man Drinks erkennt, die betroffen sind und wie man Spiking im Vorfeld verhindert.

Wenn ihr Frauen kennt, die Gewalt erleben, oder selbst betroffen seid: Beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen gibt es rund um die Uhr, kostenfrei und anonym Hilfe und Beratung. Die Nummer lautet: 08000 116 016.