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Album der Woche: "More than a feeling" Der utopische Moment - oder: Worum es nach 35 Jahren bei den Goldenen Zitronen geht

Nazis, Turnschuhe, Ökonomie: Seit den 90ern freut sich die deutsche Popwelt über den Kommentar zur Zeit von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen. Auf dem neuen Album "More Than A Feeling" geht es um den G20-Gipfel in Hamburg. Roderich Fabian hat mit Ted Gaier gesprochen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 04.02.2019

Die Goldenen Zitronen sind - mal wieder - zurück! Nach Anfängen als Fun-Punk-Band in den 80ern haben sie sich längst zum Sprachrohr der linken Popkultur in Deutschland entwickelt. Ted Gaier, neben Sänger Schorsch Kamerun und dem musikalischen Direktor Mense Reents, Sprecher der Band hat mit Roderich Fabian über das neue Album „More than a Feeling“ gesprochen: Über das Leben als Universalkünstler, G20 und musikalische Einflüsse.

Ted Gaier: "Tatsächlich haben wir uns vor zwei Jahren getroffen und uns Musik vorgespielt, die wir interessant finden. Wir hatten ja drei Jahre keine Platte mehr zusammen gemacht. Und dann gab es schon eine große Schnittmenge gerade was modernen Hip-Hop anbelangt. Ich mag auch extrem diesen queeren Hip-Hop, Zebra Katz oder Leaf. Aber auch so kommerzielles Zeug, ich mag auch eine Kanye West-Platte. So idiotisch der Typ ist, es ist produktionstechnisch einfach total weit vorne. Dass der Mainstream auch die Avantgarde ist, das schließt sich halt nicht mehr aus."

Die krautige Methode

Aber wenn man „More than a Feeling“ dann hört, klingt das nicht nach queerem Hip-Hop oder Kanye West, sondern immer noch nach den Goldenen Zitronen.

Ted Gaier: "Man kann gar nicht mehr unvoreingenommen einen Sound hören. Bei einem Schlag auf die Snare oder einem Anschlag an der Gitarre ist ja bei unsereins sofort die ein oder andere Referenz da. Aber seitdem wir diese krautige Methode haben - einfach musizieren, keine fertigen Kompositionen - seither ist es eigentlich so, dass wir auch nicht mehr über Referenzen diskutieren. Da kommt man eh in Teufels Küche."

2017: G20-Gipfel in Hamburg

Doe Goldenen Zitronen spielten auf der G20-Gegenveranstaltung „Go to Hell“

Die Texte sind wie immer explizit und verhandeln auch das, was sich im Sommer 2017 auf dem G20-Gipfel in Ted Gaiers Heimatstadt Hamburg abgespielt hat, also die Gewalt auf beiden Seiten, die zu Zerstörungen im Schanzenviertel geführt haben. Die Band stand bei der Eröffnung der Gegenveranstaltung unter dem Motto „Go to Hell“ auf der Bühne. Bis heute ist der G20 für Ted und die Band ein prägendes Erlebnis.

Ted Gaier: Erst einmal wird da was gemacht, was den Leuten aufgezwungen wird. Es gibt da Polizeikräfte, die benehmen sich schon Monate vorher wie eine Besatzungsmacht. Es gibt eine starke Kriminalisierung. Und natürlich gibt es auch Leute, die da hinkommen, um alles kurz und klein zu schlagen. Und dann ist es auch wieder schwierig, wenn die Rote Flora für die Leute reden muss, die aber auch noch eine andere Motivation haben, wenn sie aus mediterranen Ländern kommen, die von der Austeritätspolitik betroffen sind. Es gibt ja auch nie ein Plenum, wo man klärt, was ist okay kaputt zu hauen und was nicht. Das ist ja meine Kritik an Militanz: Ich möchte ja schon gerne als Demonstrant wissen, ob wir der gleichen Meinung sind über bestimmte Sachen. Und wenn das in der Stadt passiert, die man so gut kennt, ich meine... dass man ausgerechnet die Schanze kaputt haut ist so römischen Autonomen eventuell auch egal. Für die ist das halt Merkel-Land.

Ted Gaier ist klar, dass die Gewalt in Hamburg das ist, an was sich die meisten heute noch erinnern, wenn sie an den G20-Gipfel denken. Und als Universalkünstler weiß er eben auch, dass man heute nur noch dann Aufmerksamkeit kriegt, wenn möglichst krasse Videos dabei rumkommen. 

Differenziertere Diskurse haben's schwer

Ted Gaier: Als Theaterschaffender, Musiker oder Aktivist, wo es ja eh um Bilder und Symbole geht, ist das halt leider Teil des Instrumentariums, was man zur Verfügung hat. Weil man mit anderen Aktionen oder mit differenzierteren Diskursen ja gar nicht in die Wahrnehmung kommt. Das ist auch alles nicht gewünscht. Komischerweise hat das auch niemand kritisiert, dass die Demonstranten, egal ob jetzt die christlichen, die bürgerlichen oder die linksradikalen, dass die keine Argumente hatten. Es hatte niemand Argumente. Weil: Es ging ja nur um diese Frage: Wieviel brennt, wo brennt's, wann brennt's?

Aber Ted Gaier bringt den Gipfel in Hamburg und die „Go to Hell“-Demo nicht nur mit brennendem Kiez in Verbindung. Die Bilder waren oft widersprüchlich, es gab sie, die fast schon situationistischen Momente.

Ein utopischer Moment

Ted Gaier: Was mich viel mehr interessiert, sind natürlich die situationistischen Momente. Ich wohne auf dem Kiez direkt am Spielbudenplatz, da waren an drei Tagen keine Autos. Allein das als sinnliches Erlebnis ist schon mal was ganz Neues. Dann sind da Polizeiketten, meinetwegen aus Baden-Württemberg, mit denen du verhandeln musst, dass sie dich in dein Haus lassen. Die haben überhaupt keine Peilung, wo sie da hin gebeamt wurden. Für mich war der Höhepunkt, während die Schanze brannte, da war so ein Soundsystem direkt vor der Davidswache. Die war so gebackupt von zwei Wasserwerfern, die das Blaulicht anhatten, also die Lichtorgel gegeben haben. Und es war sehr geile harte Technomusik. Und dann auf dem Platz bei der Reeperbahn, Davidstraße, haben mehrere hundert Leute getanzt und es kamen ganz unterschiedliche Leute. Das war einfach fast so ein utopischer Moment.


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