Bayern 2 - Zündfunk


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Interview mit Gilberto Gil Tropicalismo forever!

Gilberto Gil, einer der Begründer des Tropicalismo und erster dunkelhäutiger Kulturminister Brasiliens, war zu Gast in München. Der verschärften politischen Lage in Brasilien unter dem Präsidenten Bolsonaro steht er übrigens mit tropischer Gelassenheit gegenüber, so der Musiker. Judith Schnaubelt kennt Gilberto Gil seit langem und trifft ihn bereits zum dritten Mal zum Interview.

Von: Judith Schnaubelt

Stand: 23.07.2019

Nach langer Krankheit geht’s dir wieder besser, du stehst gut auf der Bühne und hast Spaß!

Gilberto Gil: Gesundheitlich geht's besser. Auch von der Energie her und deshalb mache ich weiter und arbeite an meiner Karriere.

Karriere hast du doch nicht mehr nötig, oder?

Es gibt keinen Grund sich noch die Beine auszureißen, aber ich ziehe immer noch große Befriedigung daraus Musiker zu sein und mit Kollegen zusammen zu spielen und aus der Begegnung mit dem Publikum. Das macht auch Herz und Seele glücklich. Ich habe mich vor langer Zeit für die Musik entschieden und sie hat mich mein Leben lang ernährt.

Du hast im letzten Jahr sogar ein neues Album produziert – „OK OK OK“, ein großartiges Album, das nur das Beste von Gilberto Gil vereint.

Tatsächlich ist es eine Mischung aus allen Stilen und Stimmungen meines langen Daseins als Musiker. Schwer zu sagen, ob es mein bestes Album ist. Denn es ist mein 54stes, nur eines von vielen. Aber aktuelle persönliche Dinge, mit denen ich mich rumschlage wie meine Gesundheit, kommen vor.

Was sagt uns der Titelsong "OK OK OK"?

Früher hat man so etwas Protestsong genannt. Er handelt vom Phänomen Internet, von sozialen Netzwerken, vom Hass, der sich da breitmacht und von der Egozentrik im sozialen Umgang. Der Song handelt von den Angriffen, die dort auf Leute wie mich stattfinden. Dieser Song thematisiert das und er dient mir zu meiner Verteidigung und zum Schutz. Ich will damit sagen: Anstatt eurem Hass und Tratsch Raum zu geben, bevorzuge ich die Liebe zur Musik und zu meinem Publikum, ich bin Musiker und Dichter - alles andere ist mir egal.

Ach so, als ich mir den Song zum ersten Mal genauer angeschaut habe, dachte ich, dass Gilberto Gil, der alte Tropicalist, hier meint, dass sein Publikum und seine Landsleute von ihm eine klare Ansage zur neuen rechtsgerichteten Regierung in Brasilien erwarten. Außerdem eine Haltung von ihm zum Fall des wegen Korruption in Haft einsitzenden Ex-Präsidenten Lula da Silva, über den der amtierende Staatspräsident Jair Bolsonaro gesagt hat, er hoffe Lula werde im Gefängnis verrotten. Was meinst du zum Fall Lula?

Es war nicht wirklich fair wie man ihn behandelt hat. Man hat ihm dem Prozess gemacht, ihn verurteilt, er hat eine Strafe bekommen und während das alles passierte, hatte ich immer das Gefühl, das alles ist überzogen und nicht angemessen. Und die neuesten Erkenntnisse bestätigen das. Die Justiz hat nicht gehandelt wie sie das eigentlich sollte, so sieht es jetzt aus. Aber ich hatte schon gehofft, dass Lula freikommt, ehe die neue Regierung ihr Amt antritt und ich hatte mich ja auch für seine Freilassung ausgesprochen.

Denkst du, alles lief völlig ungerecht ab?

Von völlig ungerecht kann ich nicht sprechen, dazu ist die Sache zu komplex, aber zum Teil lief es ungerecht ab. Das Problem der Politik ist, dass sie immer in verschiedene Interessenskonflikte involviert ist.

Ist das deine Schlussfolgerung nach deiner sechsjährigen Amtszeit als Kulturminister, dass es schwer ist integer zu bleiben?

Es ist sehr schwer in der Politik integer zu bleiben wegen all dieser Verwicklungen; schwer seine eigene Moral und Herkunft nicht zu zu verraten. während ich Minister war, musste ich sehr achtgeben auf die Verbindungen zur politischen Welt ganz allgemein. Um ich selbst zu bleiben und mich meiner eigenen Integrität zu versichern.


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