Bayern 2 - Zündfunk


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"We’re New Again" Das letzte Album von Gil Scott-Heron wird zum dritten Mal veröffentlicht - und es ist wieder großartig

Sein Slogan „The revolution will not be televised“ wurde berühmter als er selbst. Der Funk- und Soul-Poet Gil Scott-Heron wurde leider viel zu spät gebührend gefeiert. 2011 starb er im Alter von 62 Jahren. Nun erscheint sein letztes Album "I'm New Here" zum dritten Mal: Nach der Version von Jamie XX, gibt es nun eine Interpretation von Makaya McCraven - und die ist großartig.

Von: Michael Bartle

Stand: 10.02.2020

Gil Scott-Heron | Bild: picture alliance/Leemage

Am Wochenende ging ein Raunen durchs Netz: Auf Facebook durfte man einige Vinyl-Triptychons bestaunen und liken. Fans hatten stolz alle drei Inkarnationen von „We’re New Here“ in ihrem Besitz fotografiert und ausgestellt. Das Internet mal wieder als roter Teppich der Liebe zum Niederknien - als Altar für Gil Scott-Heron, den immer etwas zu wenig berühmten afroamerikanischen Poeten und Junkie, dem weltberühmte Zeilen wie „The Revolution Will Not Be Televised“ viel leichter von der Feder gingen als sein eigenes Leben.

Nach dem britischen Hipster Jamie XX hat sich nun also Makaya McCraven dem letzten Werk von Gil Scott-Heron angenommen. Man muss dazu wissen, dass Makaya McCraven einer der heißesten neuen Jazz-Cats ist auf dem ohnehin schon siedend heißen Chicagoer International Anthem Label. Und dass auf dem Album tolle Musiker mittun, wie der von mir himmelhoch geschätzte Ben Lamar-Gay.

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Gil Scott-Heron, Makaya McCraven - I'm New Here | Bild: XL Recordings (via YouTube)

Gil Scott-Heron, Makaya McCraven - I'm New Here

Harfen, Flöten und Chöre everywhere

Beim Lauschen der ersten Vorabtracks dann schnell eine umso größere Befürchtung: Harfen, Flöten und Chöre everywhere und der Eindruck: Die machen aus den schemenhaften Originalsongs von Gil Scott-Heron doch nicht etwa leicht spiritistischen Quatsch? Dazu die Nuschel-Stimme von Gil Scott-Heron, dieses begnadeten Nicht-Sängers: Wird aus seinem poetischen Raunen auf diesem Re-Work am Ende ein heroin-basiertes, vernuscheltes Vor-Sich-Her-Bramarbasieren?

Eine afro-amerikanische Geister-Armee

Aber spätestens beim fünften Track, bei “New York Is Killing Me” klickt die Versuchsanordnung. Das Schlagzeug baut eine permanente Drohkulisse auf und verschwindet wieder, der Bass legt mehrere Finger in die Wunden und drückt uns hinein in die Sümpfe Louisianas. Ben Lamar-Gays Percussion ist ein großes, pochendes Herz, das Piano ein Piano der Verzweiflung, an- und abschwellende Bläser - alles zusammen eine afro-amerikanische Geister-Armee. Die Genrefrage wird zur Nebensache. Ist das Blues? Ist das Jazz? In jedem Fall ist es gespenstisch!

Natürlich waren all die Katastrophen im Leben eines afroamerikanischen Menschen schon angelegt in den Originaltracks aus dem Jahr 2010. Die dysfunktionale Familie mit Großmutter Lily Scott als einzig halbwegs verlässlichen Anker: Herzzerreißend, wie er das beschreibt! Die Heroin- und Cracksucht in „The Crutch“: Vor zehn Jahren schon schwer auszuhalten. Oder „I’ll Take Care Of You“, das Gebet über Verlust und Fürsorge - auch damals schon erzählt von einem hörbar unzuverlässigen Erzähler. Einem der selbst bis zum Kinn im Schlamassel steckt.

Schmerz und Blues, Tiefe und Soul

Das von Russell Simmons‘ verantwortete Original hat den lange in seiner Sucht und im Gefängnis verschollenen Gil Scott-Heron zurück in unser Gedächtnis gebracht. Jamie XX hat ihn mit Kanye-Comic-Chören, Sägezahn-Bässen und Steel Drums wieder anschlussfähig gemacht für die Hipster.  Aber “We’re New Again” – A Re-Imagining by Makaya McCraven“ fügt den Vorgängerplatten dann doch noch etwas hinzu: Schmerz und  Blues, Tiefe und Soul, afroamerikanisches Geschichtsbewusstsein und Jazz. All das läuft zusammen in diesem „Bitches Brew“, das auch Miles Davis ein wohlwollendes Zucken der Augenbraue entlockt hätte.

Kann also sein, dass nun auch ich zum Plattenschrank renne, meine drei Gil Scott-Heron Alben fotografiere und auf Facebook stelle. Wenn ihr vorbeikommt, gebt ihm doch ein Like. Noch besser: Kauft diese Platte!


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