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"I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep" Angst, Verunsicherung, Einsamkeit - Ghostpoet macht das Album zur Zeit

File under Hip-Hop? Der Londoner Künstler Ghostpoet sieht sich eher in der Tradition von Spoken Word, Alternative Rock und Electronica. Gerade ist "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep" erschienen - unser Album der Woche.

Von: Roderich Fabian

Stand: 04.05.2020

„Ich mache keinen Hip-Hop!“- diesen Tweet setzte der Ghostpoet alias Obaro Ejimiwe schon 2018 während einer Europatournee ab. Er war genervt davon, in der Presse und sogar von einigen Veranstaltern immer wieder als Rapper angekündigt zu werden. Wenn man schon eine Schublade für seine Musik brauche, dann meinetwegen „Alternative Rock“ oder „Electronica“, ließ sich der Ghostpoet weiter zitieren.

Tatsächlich hört man auf dem neuen, fünften Album „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ oft dubbige Bassfiguren und Gitarren im Stile der frühen 80er Jahre. Bands wie Public Image Limited und auch Joy Division bieten sich als Vergleiche an, also Sounds und Stimmungen zwischen Sarkasmus und Verzweiflung, zwischen dem bösartigen John Lydon und dem traurigen Ian Curtis - aus der Zeit, als die Welt noch unterging. Und der Albumtitel „Ich werde müde, aber wage es nicht einzuschlafen“ kündet schon vom eigentlichen Thema des Poeten, der Ängstlichkeit, der Verunsicherung, der Anxiety.  

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Ghostpoet – Concrete Pony (Official Video) | Bild: Ghostpoet (via YouTube)

Ghostpoet – Concrete Pony (Official Video)

Brexit und Trennung

Sie brüllen „Raus, lasst uns raus, raus, raus“ singt der Ghostpoet in Erinnerung an das, was in den letzten Jahren in Großbritannien gefordert wurde. Der Brexit und die Diskussionen darum haben das Land verändert, auf für den Künstler geradezu unglaubliche Weise, wenn man diese Texte hört. Der heute 37-jährige Poet kehrt sein Innerstes nach außen auf diesem Album. Es kann aber nicht nur die politische Situation sein, die ihn umtreibt. Hier wird wohl - mal wieder - auch eine private Trennung verarbeitet und das darauf folgende Gefühl der Vereinsamung. In „Humana Second Hand“ verfremdet der Ghostpoet den Psalm 23 der Bibel, geht durch das Tal der Schlangen, findet nur Lügner in Anzügen und hat Angst vor dem Finanzamt.

Das Gefühl der Vereinzelung

„Home alone“ sei er, sagt der Ghostpoet, aber nicht wie „Kevin allein zu Haus“, sondern tatsächlich einsam in einer fremder werdenden Welt. Das Gefühl der Vereinzelung passt natürlich bestens in die allgemeine Quarantäne-Situation der Gegenwart. Der letzte Track des Albums heißt dann auch „Social Lacerations“ - „gesellschaftliche Platzwunden“ - die könne man sich zurzeit leicht holen, im Kontakt mit der Außenwelt. Aber das Gute daran ist natürlich: Platzwunden verheilen irgendwann auch wieder.

Düsteres Cover: „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ von Ghostpoet

Für die positiven Botschaften auf diesem Album sind dann aber eher die Gastbeiträge zuständig, von Sängerinnen wie der Französin SaraSara. Aber diese zärtlichen Stimmen sind lediglich Erinnerungen - schließlich heißt der dazugehörige Track „This Trainwreck of a Life“, dieser Zugunfall von einem Leben! Nein, so richtig Hoffnung will einem der Ghostpoet auf diesem Album nicht machen. Zu viel muss kaputt gegangen sein in der letzten Zeit, und zu sehr musste er wohl den Rassismus am eigenen Leib ertragen, wie er auf dem Album ebenfalls erzählt.

Rechnet nicht mit mir

Und gleich in mehreren Songs setzt sich der Ghostpoet sehr kritisch mit den sozialen Medien auseinander, die in seinen Augen nur noch als Verstärker dienen von Hass und Ausgrenzung.

Rechnet nicht mit mir, ich bin auf dem Weg nach Ecuador, behauptet der Ghostpoet im paranoiden Titelstück „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“, Aber bislang ist er noch in London und hofft darauf, im Oktober seine nächste Europatour durchziehen zu können, nicht als Rapper, sondern als der Ian „Rotten“ Curtis des 21. Jahrhunderts. 


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