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#failoftheweek Warum Gesichterkennungs-Technologie gruselig ist, uns der Clearview-Skandal aber hilft

Jede Person ist innerhalb von Sekunden identifizierbar: Das Start -Up-Unternehmen Clearview verkauft eine Software für Gesichtserkennung an Behörden und Firmen. Die Technologie ist spooky. Für den Skandal um Clearview sollten wir aber dankbar sein, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 24.01.2020

Symbolbild Gesichtserkennung | Bild: colourbox.com

Der Film „Staatsfeind Nr. 1“ aus dem Jahr 1998: Will Smith wird von NSA-Agenten verfolgt, die auf allerlei Spionagesatelliten, Wanzen und vor allem Überwachungskameras zugreifen können. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Was für arme Würste! Die Agenten müssen in einem Heuhaufen aus tausenden von Menschen erst einmal die Nadel Will Smith ausfindig machen und oft stehen ihnen nicht einmal Bilder in Echtzeit zur Verfügung. Totalüberwachung als Schwerstarbeit.

Bei einem „Staatfeind Nr. 1“-Remake, das im Jahr 2020 spielt, wäre die Jagd hingegen möglicherweise nach wenigen Minuten zu Ende. Die Firma Clearview AI hätte einfach irgendein Facebook-Foto von Will Smith in ihre App geworfen, die innerhalb von Sekunden jede Person identifizieren kann. Eine Überwachungskamera würde dann melden, dass Will Smith gerade ein Einkaufzentrum verlässt. Zugriff und Abspann.

Eine Suchmaschine für Gesichter

Milliarden Menschen soll Clearview in seiner Datenbank haben, eine Suchmaschine für Gesichter, angetrieben von künstlicher Intelligenz. Das Start-Up, das bis zu dieser Woche kaum jemand kannte, prahlt auf seiner Seite mit Nachrichtenbeiträgenrichten zu Festnahmen per Clearview-Technik.

Auch eine Augmented Reality-Brille soll das Unternehmen geplant haben. Mit der Clearview-Brille auf der Nase, hätte man die Straße entlang flanieren und zu jeder Person im Sichtfeld den Namen - und vermutlich noch einigees mehr in Erfahrung -bringen können. Das klingt gespenstisch, ist aber technisch gar nicht so sehr Rocket Science, wie man glauben könnte. Seit über zehn Jahren ist beispielsweise bekannt, dass Google per Algorithmus Gesichter erkennen kann. Der Konzern schreckte jedoch bislang zurück, diese Technologie als Dienstleistung anzubieten.

Technik ist sogar Google zu spooky

So, und wer käme auf die Idee, eine Technik, die sogar Google zu spooky ist, auf die Menschheit loszulassen? Mhm… wer bloß?

„Ich bin für jede Maßnahme, die auf dem Boden unseres Grundgesetztes ist und den Sicherheitsbehörden ihre Arbeit erleichtert“, erklärte Innenminister Horst Seehofer. Ab August 2017 ließ die deutsche Bundespolizei zum Test für mehrere Monate Testpersonen Personen am Berliner Südkreuz herumlatschen, um Systeme zur Gesichtserkennung zu testen.

Seehofer will Clearview nun doch nicht mehr einsetzen

Innenminister Thomas de Maiziere wird bei seinem Besuch auf dem Bahnhof Südkreuz vom Computer erkannt

Das Ergebnis: Hielten die Gesichtserkennungs-Algorithmen nach einer bestimmten Person die Augen offen, wurde diese in etwa 20 Prozent der Fälle gar nicht erkannt. Und vor allem: Bei 1.000 Personen wurde mindestens eine fälschlicherweise für die gesuchte Person gehalten. Das klingt erstmal nach eher wenig, aber bei mehreren Tausend Passanten, die an einem Tag beispielsweise einen Bahnhof passieren, würde Kollege Gesichtserkennung doch bei einigen zu Unrecht Kollege Gesichtserkennung anschlagen. Auch deswegen haben Städte in den USA - etwa San Francisco - Gesichtserkennung solche Technik im öffentlichen Raum verboten. Auch deswegen denkt auch die EU darüber nach, Gesichtserkennung ebenfalls zu verbieten und sei es auch nur vorrübergehend. Und auch deswegen kam der Clearview-Schock vielleicht genau zur richtigen Zeit. Denn wie heute nun bekannt wurde, will Bundesinnenminister Seehofer die umstrittene Technologie doch nicht mehr einsetzen.
Danke, Clearview!


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