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„Wir müssen unsere Frauen schützen“ Wie sich eine rechtsextreme Narration den Weg in den Mainstream bahnt

„Wir müssen unsere Frauen schützen.“ Mit kaum einem anderen Thema erlangt die extreme Rechte mehr Aufmerksamkeit. Als vermeintliche Schutzmacht der Frauen gibt sie sich anschlussfähig an den Mainstream. Warum ist dieses Narrativ so erfolgreich?

Von: Sebastian Dörfler

Stand: 20.07.2018

Von Köln über Kandel bis hin zu dem Mord an Susanna F.: Die extreme Rechte nutzt jeden konkreten Anlass – und noch viel mehr erfundene – um über Mahnwachen, Demonstrationen oder Hashtag-Kampagnen gegen die angeblich totale Bedrohung durch "den Islam" und "fremde Männer" zu mobilisieren.

Und es wirkt. Das Narrativ treibt Nachrichtenmagazine, Talkrunden und die Politik um. In der Verknüpfung mit Geschlechterbildern wird Rassismus salonfähig. "Narrative – also Erzählungen – stellen eine emotionale Verknüpfung her. Das ist viel effektiver, als wenn man den Leuten Aufforderungen oder Fakten gibt. Wenn man es schafft, durch ein Narrativ, einem Ereignis eine emotionale Bindung zu geben und in eine größere Weltbild mit einzuordnen, dann führt das dazu, dass das die Leute in den sozialen Medien einfach schnell teilen - ohne darüber nachzudenken", so Miro Dittrich, der für die Amadeu Antonio Stiftung die Online-Aktivitäten der rechten Szene beobachtet.

Frauenrechte spielen nur eine Rolle, wenn es um Täter mit ausländischem Pass geht

Wer genauer hinsieht, merkt schnell, dass Frauenrechte in der extremen Rechten nur eine Rolle spielen, wenn die Täter einen ausländischen Pass haben. Je deutlicher der Rassismus in der Szene, desto klarer auch die Rollenvorstellungen über Mann und Frau. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Beschwörung von Gefahren durch fremde Männer - und den eigenen Geschlechterbildern. Nur: wenn der Sexismus in der rechten Szene selbst so allgegenwärtig ist - warum machen Frauen dann überhaupt mit?

Frauen können frauenfeindliche und homophobe Politiken mittragen

"Frauen können frauenfeindliche und homophobe Politiken mittragen. Wenn ich als Homosexueller in Deutschland lebe, heißt das nicht, dass ich automatisch Empathie für andere Menschen mit Diskriminierungserfahrungen entwickle", erklärt Juliane Lang, die an der Universität Marburg über Geschlechterrollen forscht. Frauen sind nicht weniger rassistisch als Männer. Und wo sie können, engagieren sie sich in rechten Organisation, Parteien oder auf Demonstrationen wie dem "Frauenmarsch" in Berlin. Es ist vor allem das Feindbild Islam, dank dessen sich die rechte Szene als Schutzmacht von Frauen und Minderheiten inszenieren und interne Widersprüche kitten kann.

Für die, die sich auf die Bedrohung "fremder Männer" einschießen, gibt es meist noch eine zweite Bedrohung, die eher von Innen kommt: "Der Feminismus", der angeblich die Familie und die gewohnten Geschlechterrollen bedroht. Andreas Peham, Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: "Vor allem die Geschlechtervorstellungen zeigen, wie eng Rechtsextremismus und Konservativismus zusammenhängen. Rechtsextreme begründen die gesellschaftlichen Rollen für Mann und Frau biologisch und reden von der Familie als "Keimzelle der Gesellschaft". Aber damit unterstreichen sie nur, was konservativer Mainstream ist."

Wer etwas gegen Rechtsextremismus tun will, muss auch etwas gegen altbackene Rollenbilder tun

Die extreme Rechte kommt demnach nicht vom Rand der Gesellschaft. Im Kern naturalisiert und übertreibt sie gesellschaftliche Normvorstellungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Frauenmarschs" oder anderer Demos leisten keinen "Widerstand", wie sie skandieren. Sie ordnen sich ein. Als Mann, als Frau, als Deutsche. Der Rassismus bestätigt diese Normen und Hierarchien erneut, sagt Nora Räthzel, Professorin für Soziologie an der Umeå Universität in Schweden: "Wenn ich sage, dass Frauenunterdrückung, Kriminalität und andere gesellschaftliche Konflikte erst von Außen ins Land gebracht werden, muss ich mich mit der eigenen Rolle und den eigenen Problemen nicht mehr beschäftigen und stehe als Mann – oder wir als weißer, dominanter Teil der Gesellschaft - nicht mehr in der Kritik." Wer andere abwertet und ausgrenzt, sichert die eigene Stellung in der Gesellschaft ab – und taucht dabei die eigene Lebensweise in ein neues Licht: Denn hier, in Deutschland, in Bayern, war alles gut, ein Paradies. Bis "die anderen" kamen.

Literaturtipps:

- Amadeu Antonio Stiftung: Toxische Narrative. Monitoring rechts-alternativer Akteure. www.amadeu-antonio-stiftung.de, 2017 (PDF)
- Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Marta Press, 2018
- Andreas Peham: Rechtsextremismus als politische und pädagogische Herausforderung. www.doew.at (PDF)
- Annita Kalpaka, Nora Räthzel, Klaus Weber (Hg.): Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Argument Verlag, 2017


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