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Generator Podcast Der Fall Serbien - was wir vom letzten Krieg in Europa lernen können

Der Ukraine-Krieg ist nicht der erste in Europa seit 1945. Vor 30 Jahren zerbrach Jugoslawien in einer nicht geahnten Eruption von Gewalt. Vergleicht man die beiden Kriege, dann fallen einige Parallelen auf: Jugoslawien als multiethnische Mini-Sowjetunion, der Einfluss von Propaganda, Musik, Religion und Geschichte, Serbien wie Russland als mythologische Gegenkonzepte zum Westen. Ein Roadmovie auf der Suche nach dem serbischen Selbstverständnis.

Von: Florian Fricke

Stand: 01.07.2022

Als im Februar 2022 Russland die Ukraine überfällt, sind einige Journalisten entsetzt über den angeblich ersten Krieg in Europa seit 1945. Nein, das ist er nicht. 1991 begannen die Jugoslawienkriege, die erst 1999 mit dem umstrittenen Eingriff der NATO ihr Ende fanden. Über 120.000 Menschen verloren ihr Leben. Wie kann man das vergessen? Ich konnte es nie, und seitdem treiben mich Fragen um.

Bis heute scheint der Balkan - bei allem Stereotypenalarm - oft so komplex, mystisch, gefühlsbeladen und irrational, dass Erklärungen aus der Ferne einfach scheitern müssen. Bei allen grundsätzlichen Unterschieden zum Ukraine-Krieg lohnt es sich jedenfalls, noch einmal einen Blick auf den Balkan zu werfen, denn wieder greifen sich Nachbarn an, die bei allen großen Unterschieden einst in einem Staatenbund koexistierten, die dieselbe Sprache sprechen oder sich zumindest verständigen können. Und sind sich Russen und Serben nicht ziemlich ähnlich? Der christlich-orthodoxe Glauben, autokratische Führer, der Traum vom Großreich, die Vorstellung, Gegenprojekte zum Westen sein?

2022 ist Novi Sad, der Verwaltungssitz der Vojvodina und zweitgrößte Stadt Serbiens, Kulturhauptstadt Europas zusammen mit Esch in Luxemburg und Kaunas in Litauen. Ein passender Rahmen, um die Verhältnisse im autokratischen Serbien zu erklären. Sanja Popov, Kulturmanagerin, stammt aus der Vojvodina und hat die ersten NATO-Bomben auf Rest-Jugoslawien 1999 live miterlebt. Ivan Firchie, der als ehemaliger Schlagzeuger der Kultband Ekaterina Velica Legendenstatus in Serbien besitzt, betrieb in Novi Sad einen beliebten Musikklub, bis er von den Behörden geschlossen wurde. Nemanja Milenkovic ist Geschäftsführer der Stiftung Kulturhauptstadt Europa Novi Sad und sieht in dem Titel eine Chance auf einen kulturellen Paradigmenwechsel. Jelena Božić ist Journalistin und Jugend-Aktivistin, sie glaubt nicht an einen nachhaltigen Effekt für Novi Sad. Swetlana Smajc ist traditionelle Sängerin und kommt aus der Gegend, wo 1914 die erste Schlacht des Ersten Weltkriegs stattfand, Österreich-Ungarn gegen Serbien. Die Hälfte aller serbischen Männer starb in diesem Krieg, den die k.u.k.-Monarchie mit unerbittlicher Härte auch gegen die Zivilbevölkerung führte. Jovan Ćulibrk war in den 80ern passionierter Musikjournalist und Zeuge der jugoslawischen New Wave-Bewegung. Seit 2014 ist er Bischof von Slawonien im kroatischen Pakrac, einem der Ausgangsorte des Kroatien-Kriegs. Er ist Experte für Jasenovac, das Vernichtungslager der kroatischen faschistischen Ustascha im Zweiten Weltkrieg, das nicht weit entfernt liegt. Für Bischof Jovan ist die Weigerung Titos, den Genozid an den Serben als solchen zu benennen, einer der Hauptgründe für die Zerfallskriege Jugoslawiens.

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