Bayern 2 - Zündfunk

Generator Podcast Gegen die Reizüberflutung – Slow Cinema ist genau das, was wir jetzt brauchen

Das Kino überflutet unsere Synapsen mit immer schnelleren Schnitten, Special Effects und digitalen Monstern. Die Gegenbewegung heißt "Slow Cinema": Beobachtendes, handlungsarmes, nachdenkliches Kino. Wie etwa die Doku "The United States of America" oder der Spielfilm "Memoria". Dieses entschleunigte Kino ist aber alles andere als soft.

Von: Markus Metz

Stand: 09.06.2022

Aktuell ist Slow Cinema sowohl im Spielfilm als auch im Dokumentarfilm ein unübersehbarer Trend. Wie etwa die Doku "The United States of America" von James Benning. Oder der Spielfilm "Memoria" von Apichatpong Weerasethakul mit Tilda Swinton in der Hauptrolle. Oder auch "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" von Alexandre Koberidze und "First Cow" von Kelly Reichardt.

Erzählte Zeit

Es geht beim Slow Cinema nicht allein um eine Entschleunigung durch lange Einstellungen, durch achtsame Montage und durch wenig Schauspiel bei den Darstellerinnen und Darstellern. Es geht auch um den Umgang mit der Zeit, wenn man sie nicht auf übliche Kinodimensionen von Aktion und Dialog begrenzt. So sagt beispielsweise der georgische Regisseur Alexandre Koberidze:

"Die Zeit ist etwas, was man unbedingt respektieren muss. Und wenn man gut mit der Zeit umgeht, dann wird die Zeit mit dir auch gut umgehen. Das versuche ich in meinem Alltag so zu machen, aber auch wenn ich einen Film mache. Irgendwann habe ich verstanden: Mein Beruf ist auch etwas, wodurch ich versuche, mehr darüber zu verstehen, wie man mit der Zeit umgeht – im Leben und dann natürlich auch im Kino."

Filmregisseur Alexandre Koberidze

Brutale Entschleunigung

„Slow Cinema“ ist weder eine „Schule“ noch ein Stil und schon gar kein Dogma. Vielmehr ist es eine Haltung. Was gezeigt wird, wird sehr genau und ausgiebig gezeigt. Der Blick der Kamera ist unnachgiebig und so nachhaltig, dass sich eine Szene oder eine Situation tief ins Gedächtnis prägt. Das gilt für eine kontemplative Landschaftseinstellung ebenso wie für die Darstellung von Gewalt, Ausbeutung und Entfremdung. Filmwissenschaftlerin Nadin Mai präzisiert:

"Slow Cinema ist eigentlich ein brutales Kino. Aber die Gewalt ist irgendwie versteckt, sie ist im Hintergrund. Ich könnte jetzt keinen Film nennen, in dem man einen Mord sieht, Totschlag, selbst Vergewaltigungen. Das wird angedeutet, aber es wird nicht gezeigt, sodass der Effekt auf den Zuschauer eigentlich noch viel schlimmer ist."

Filmwissenschaftlerin Nadin Mai über Slow Cinema

Viele Filme des philippinischen Regisseurs Lav Diaz etwa behandeln die wechselvolle und oft gewalttätige Geschichte seines Landes, die sich auf die Familien und die Nachbarschaften auswirkt: Politischer Protest gegen Unterdrückung und Gewalt, Traumabewältigung auf der einen Seite, gelassene Meditation über das Leben jenseits der Kämpfe um Macht und Reichtum auf der anderen Seite.

"Wenn man sich die Inhalte dieser Filme anschaut, dann ist es ganz klar, dass sie sich mit den Resultaten der liberalen Wirtschaft beschäftigen. Ob es jetzt im Zentrum steht oder eher am Rande, dieses Thema kommt immer wieder. Und das ist auch ein Hauptmerkmal des Slow Cinema seit 1989/90, als die Welt tatsächlich in eine globalisierte Welt verwandelt wurde."

Filmwissenschaftlerin Nadin Mai über Slow Cinema

Magie statt Special Effects

Slow Cinema, auch wenn das gar nicht immer intendiert sein muss, ist also nicht nur ein cineastischer Einspruch gegen die globalen Bilderfabriken, sondern auch gegen die desaströsen Folgen des weltweiten Kapitalismus. Wenn es überhaupt so etwas gibt wie einen thematischen Zusammenhang im Slow Cinema, dann ist es eine Parteilichkeit zugunsten von Menschen, die auf der ganzen Welt, die auf ganz unterschiedliche Weisen Opfer von wirtschaftlichen und politischen Systemen werden. Im Slow Cinema sehen wir die Welt nicht von oben herab, sondern von mittendrin und vom unteren Rand. Und wenn man die menschliche Wirklichkeit nur anhaltend, genau und wahrhaftig ansieht, kommt dahinter früher oder später die Magie zum Vorschein – wie in „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“.

„Was ist ein Wunder? Und wie kann man das zeigen? Und wieviel Platz hat das heute in unserem Leben und im Kino?“, hat sich Alexandre Koberidze gefragt. „Dann habe ich Bücher mit Märchen gesammelt, auch die alten Geschichten, wo Sachen passieren, die für uns heute unglaublich klingen, aber früher nicht so schräg waren vielleicht. Das merkt man oft, wenn man mit älteren Menschen spricht, mit Großeltern, mit Urgroßeltern: Die Sachen, die sie erzählen, sind für viele heute manchmal lächerlich. Wie kann man solche Sachen in unser heutiges Leben einbauen und auch irgendwie eine Realität kreieren, wo solchen Sachen mehr Platz gegeben wird?“

Zu Wort kommen in dieser Folge des Zündfunk-Generators der Filmemacher Alexandre Koberidze „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“) und die Filmwissenschaftlerin Nadin Mai. Sie hat die Bücher „Human Condition(s) – An aesthetic of cinematic slowness“ und „Slow Aesthetics“ geschrieben und betreibt die Website „The Arts of (Slow) Cinema“.

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