Bayern 2 - Zündfunk

Generator Podcast Wie Geflüchtete in Deutschland sich mit Musik, Kunst und Kultur empowern

Für viele Geflüchtete gelingt die Integration in Deutschland mit Hilfe von Musik, Kunst und Kultur. Dafür brauchen sie allerdings Räume, um die sie hart kämpfen müssen. Der Generator-Podcast erzählt diese Empowerment-Geschichte am Beispiel des Kulturzentrums "Migrantpolitan" in Hamburg.

Von: Florian Fricke

Stand: 19.05.2022

2015 geistert ein Begriff durch die Medien: „Flüchtlingswelle“. Auch von der „Asylantenflut“ ist die Rede. Zum Unwort dieses Jahres wird „Gutmensch“ gewählt. Auf dem Gelände des Kulturzentrums Kampnagel in Hamburg beziehen Geflüchtete die EcoFavela, ein einfaches kleines Holzhaus, ein Projekt des Künstlerkollektivs Baltic Raw. Anstatt es nach sechs Monaten wie geplant wieder abzureißen, bleibt es gegen allen Widerstand auch vom damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz als sozialer Raum bestehen und wird in Migrantpolitan umbenannt. Ein öko-soziales Labor, das das Verhältnis zwischen Willkommensgesellschaft und den Neu-Bürgern auslotet, denn Integration betrifft beide Seiten.

Geflüchtete können sich im Migrantpolitan künstlerisch ausprobieren

Für eine fluide Gruppe von Geflüchteten und Theatermachern wird es zum Lebensmittelpunkt. Talente aus Syrien, Gambia oder Nigeria können sich hier unter der Leitung der Dramaturgin Nadine Jessen künstlerisch ausprobieren. Migrantpoltian steht dabei als Name für das Haus, sein Team und für das Label, unter dem all diese Projekte firmieren. Sie inszenieren selbst geschriebene Videoserien, „Hello Deutschland – die Einwanderer“ ist 2018 die erste, es ist eine raffinierte Spiegelung der beliebten Dokuserie „Goodbye Deutschland – die Auswanderer“, Mit viel hintergründigem Ernst und Humor erzählen die Protagonisten von den tragikomischen bis harten Realitäten in ihrer neuen Heimat, ein Alltag, der geprägt ist von dem Wunsch nach Anerkennung und Bleiberecht. Drei weitere Serien folgen, „LSD – The League for Spiritual Defense“ ist die aktuelle.

Überlebensnotwendigkeit für Geflüchtete

So sah das Migrantpolitan vor seiner Restauration aus

Ein weiteres Projekt ist der Darb Attabana Jugendclub unter Leitung von Moaeed Shekane, den alle nur Mo nennen. Darb Attabana heißt Milchstraße auf Arabisch, ein Verweis auf den universellen Charakter des Clubs. Er steht allen Jugendlichen offen, die hier ihre kreativen Wünsche in Workshops verwirklichen können. Tanz steht dabei ganz oben, auch Performance und Musikproduktion. Die Coaches werden aus dem Umfeld des Migrantpolitan gewonnen. So entstand über die Jahre ein lokales und internationales Netzwerk. Das Mutterschiff Kampnagel, eins der aufregendsten Produktions- und Aufführungszentren für die darstellenden Künste und hier vor allem für Tanztheater, ist für dieses Netzwerk der perfekte Nährboden. Intendantin Amelie Deuflhard, ohne deren schützende Hand das Migrantpolitan längst Geschichte wäre, erhält den Berliner Theaterpreis 2022.

Im Herbst 2021 wurde das Migrantpolitan-Haus von Grund auf renoviert – ein Neubeginn auch nach den harten ersten Pandemie-Jahren, die das Kollektiv auf der Höhe seiner Schaffenskraft empfindlich ausbremste, denn viele Events wie das Soli-Casino die Kiss-Ass-Queereeokeé oder die Dub-ke Nächte leben vom direkten Kontakt mit dem Publikum. Erfahrungen teilen, den Horizont erweitern, zu einer gemeinsamen Empathie finden und überhaupt zu einer Gemeinsamkeit. Für die Mehrheitsgesellschaft ist das Projekt Migrantpolitan eine Einladung, für die Geflüchteten ist es überlebensnotwendig.

Mit einem Klick auf das Bild oben startet ihr die Sendung. Und hier könnt ihr den Generator-Podcast abonnieren!