Bayern 2 - Zündfunk


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Generator Podcast Warum psychische Erkrankungen bei Instagram trenden

Depression, Angststörungen und andere Krankheiten sind ein Stigma, ein Tabu. Doch es gibt einen ungewöhnlichen Ort, an dem eine kleine Gruppe von Menschen dafür kämpft, das Thema zu entstigmatisieren - Instagram. Warum genau dort, darum geht es in diesem Zündfunk Generator.

Von: Nicole Ficociello

Stand: 08.10.2020

Das "Berg und Mental" in München ist Deutschlands erstes Mental Health Café. Auf den ersten Blick sieht hier alles aus, wie in anderen Cafés auch. Aber schon bei der Begrüßung merkt man den Unterschied, sagt Inhaberin Dominique de Marné: "Wir versuchen einfach sehr sensibel zu sein." Entweder versuche man schonmal ein erstes Gespräch zu starten. Aber wenn jemand einfach nur ankommen will, sei das auch okay.

Im Mental Health-Cafe arbeiten Menschen, die selbst krank sind oder waren

Im "Berg und Mental" arbeiten Menschen, die selber eine psychische Erkrankung haben oder hatten, Angehörige von Kranken sind oder sich beruflich mit dem Thema Mental Health auseinandersetzen. Wer eine Frage hat, bekommt einen Buchtipp oder kann ins Gespräch mit den Angestellten kommen. Manchmal werden Gäste auch miteinander verkuppelt. Was Dominique de Marné wichtig ist: Das Berg und Mental ist keine Betroffeneneinrichtung und keine Krisenanlaufstelle. Jeder ist willkommen. Mental Health spielt in Dominiques Leben seit ihrer Jugend eine Rolle. Sie litt unter Depressionen, chronischer Suizidalität, war alkoholabhängig und hat sich selbst verletzt. Erst mit 27 bekommt sie ihre Diagnosen - mit dabei: eine Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ - kurz: Borderline.

"Das war so ein ganz kleiner Schock", erzählt sie. Klar, Depression habe sie schon einmal gehört. Und dass sie viel Alkohol getrunken hat, habe sie auch gewusst. Dann aber beschäftigte sie sich mit dem Thema Borderline - und ihre Krankheit hatte einen Namen.

Die Gesellschaft geht seltsam mit psychischen Krankheiten um

Nach dem Schock kommt die Erleichterung. Je mehr Dominique sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzt, desto seltsamer erscheint ihr der Umgang in unserer Gesellschaft damit. Und sie beschließt, anders damit umzugehen. Ihr Fazit: "Sobald ich aber wusste, dass ich nur krank bin, war für mich klar da rede ich einfach ganz normal und offen drüber, weil über einen Bandscheibenvorfall, über Diabetes, über Allergien red ich ja auch. Ich bin ja einfach nur krank, es ist nicht mein Fehler."

Dominique de Marné macht ihre Geschichte öffentlich, 2015 startet sie ihren Blog "Travelling the Borderline", auf dem sie locker, mit Humor und voller Leben über Borderline schreibt. Inzwischen arbeitet sie sogar hauptberuflich - als so genannte “Mental Health Advocate” - also als Anwältin für psychische Gesundheit. Dominique de Marné besucht Schulklassen und gibt den Schüler*innen die Gelegenheit, sie alles zu fragen. Sie gibt Workshops für Polizeibeamte, damit die die Chance haben, jemanden mit einer psychischen Erkrankung auch mal außerhalb einer Krise zu erleben und zu erfahren, wie sich jemand fühlt, der sich umbringen möchte oder sich gerade selbst verletzt hat. Das Mental Health Café in München ist ein weiteres Projekt.

Corona verändert die Situation

Bis zum Lockdown läuft das Café gut. Die Besucher kommen aus ganz Deutschland, fragen nach weiteren Filialen in anderen Städten. Dass es dieses Café in München überhaupt gibt, liegt auch an Instagram. Dort ist Dominique de Marné auf das “Sip of Hope” gestoßen, das weltweit erste Mental Health Café in Chicago. Aber auch für sie als Betroffene war das Social Network eine wichtige Plattform.

Ausgerechnet auf Instagram, dem Social Network, das als besonders oberflächlich gilt, gibt es eine kleine Gruppe, die offen über Depressionen, Borderline, Essstörungen, Selbstverletzungen und Suizid spricht. Wie groß die Mental Health Bubble dort ist, lässt sich schwer sagen. Auch das Unternehmen selbst kann dazu keine Zahlen nennen, spricht aber von einer wachsenden Community. Neben Influencer*innen, die selbst betroffen sind, gehören dazu auch so genannte Therapie-Influencerinnen. Das sind Psycholog*innen und Therapeut*innen, die ihre Accounts dazu nutzen, um über psychische Erkrankungen aufzuklären und zu entstigmatisieren. Denn obwohl jeder dritte in Deutschland einmal im Leben an einer psychischen Krankheit leidet, ist das Thema immer noch ein Tabu.

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