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Generator Podcast Das Impostor-Phänomen lässt uns denken, nichts zu können – zu Unrecht!

„Irgendwann fliege ich auf. Dann merken alle, dass ich eigentlich gar nichts kann...“ Ein großer Teil der Menschheit kennt dieses Gefühl. In den letzten Jahren haben sich immer mehr Prominente wie Michelle Obama, Tom Hanks oder Phoebe Bridgers dazu bekannt. Woher kommt das sogenannte Impostor-Phänomen - und was kann man dagegen tun?

Von: Franziska Timmer

Stand: 11.03.2021

Franca Cerutti ist Psychotherapeutin bei Duisburg und gibt heute ein Selbsterfahrungsseminar für Ärzt*innen und Psycholog*innen - also quasi ein Seminar zur Eigentherapie für die Profis: "Es ist Freitag, kurz vor 9 Uhr und ich erwarte gleich eine Gruppe von acht psychotherapeutischen Kollegen und angehenden Ärzten für Psychiatrie und Psychotherapie zur Selbsterfahrung", erzählt sie mir via Sprachnachricht.

Unsicherheit und Impostor-Gefühle werden heute Thema sein, verrät sie mir. Ich wäre gerne dabei. Doch weil die Privatsphäre der Teilnehmenden geschützt werden muss, dokumentiert sie für mich per Audio-Message.

Dieses Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören

Sieben von acht Personen aus Franca Ceruttis Seminar fühlen sich nicht so kompetent, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Eine junge Frau in der Gruppe leidet ganz besonders unter Impostor-Gefühlen. "Sie kam aus einer strengen, religiösen, muslimischen Familie, ist aber gleichzeitig im deutschen Bildungssystem geschult und akademisiert worden, wenn man so will", erklärt Cerutti. "Sie lebt jetzt einerseits als ganz autarke, sehr europäisch orientierte, alleinstehende Ärztin und hat gleichzeitig diese muslimischen, und auch was das Frauenbild angeht, sehr traditionellen Wurzeln. Sie fühlt sich weder hier noch da richtig. Und dieses Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören, verschärft auch ihre Unsicherheit in allen Belangen. Sie war zum Beispiel sehr stark, auch von diesem im Impostor-Gefühl, was ihren beruflichen Kontext angeht, belastet".

Seit den 70er Jahren wird das Impostor-Phänomen erforscht, vor allem als individuelles psychologisches Phänomen. Als Gefühl, mit dem wir tief in uns drinnen kämpfen. Doch hier, bei der Geschichte der jungen Ärztin, geht es um etwas anderes. Darum, dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, die Menschen diskriminiert, aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion – aufgrund ihres „Andersseins“. Ist es diese, unsere Gesellschaft also, die die Menschen regelrecht hineintreibt in das Gefühl, ein Fake zu sein? "Auf jeden Fall", bestätigt Cerutti. "Ich habe das Gefühl, dass, wenn Menschen Umständen und Situationen ausgesetzt sind, die ihnen ohnehin latent nahelegen, nicht so richtig dazuzugehören, dass die auch noch anfälliger sind für dieses Impostor-Gefühl."

"Wir müssen Repräsentanz und Sichtbarkeit schaffen"

Um noch tiefer ins Thema einzutauchen, habe ich Kevin Cokley um ein Interview gebeten. Der Professor für Psychologie und afrikanische Diasporastudien ist einer von wenigen, der zu folgender Frage forscht: Leiden Menschen, die aufgrund ihrer Herkunftsgeschichte diskriminiert werden, stärker unter dem Impostor-Phänomen? Cokley meint dazu: "Studierende, die einer Minderheit angehören sind überflutet mit Botschaften ihrer vermeintlichen Unterlegenheit. Sie müssen sich unter Umständen mit Menschen auseinandersetzen, die denken, sie wären nur dank Fördermaßnahmen hier. Zwar können viele Menschen Impostor-Gefühle empfinden, doch wenn weiße, privilegierte Menschen diese Gefühle haben, dann hat das nie mit ihrer Hautfarbe zu tun."

Kevin Cokely ist sich sicher: Als ethnische Minderheit leide man eher unter Impostor-Gefühlen. Aber was tun? "Um das zu ändern, müssen wir Repräsentanz und Sichtbarkeit schaffen", erklärt der Professor. "Denn wenn man sich in einer Umgebung bewegt, in der niemand denselben Hintergrund hat, wie man selbst, dann ist das schwierig. Also ist das aus meiner Sicht, die wichtigste Sache, die unternommen werden muss". Eines ist nach dem Gespräch mit Kevin Cokley klar geworden. Impostor-Gefühle sind nicht immer rein subjektiv. Das Verhalten anderer und das Umfeld, in dem wir leben, kann das Gefühl, fehl am Platz und ein Fake zu sein, verstärken oder sogar erst hervorrufen. Das heißt auch, dass jede einzelne Person etwas dazu beitragen kann, dass sich Menschen eben nicht mehr so fühlen.

Erleichterung durch realisieren, dass man nicht alleine ist damit

Zurück zu Cerutti: "Die Fortbildung nähert sich jetzt dem Ende", spricht sie ins Handy. "Eine Teilnehmerin hat geäußert, dass sie so froh ist und so eine wahnsinnige Erleichterung spürt, in diesem Rahmen auch mal die Fassade fallen zu lassen und ein bisschen das Visier zu lupfen. Sie war unglaublich entlastet zu bemerken, dass es eben ihren Berufskollegen ähnlich geht". Das sei also schon der erste Schritt, um mit den eigenen Impostor-Gefühlen besser klarzukommen: Zu realisieren, dass man nicht alleine ist damit. Neben Repräsentation und Macht, kann also auch jede einzelne betroffene Person etwas tun. Franca Cerutti rät ihren Patient*innen, eigene Erfolge und ja auch eigene Fehler fairer zu verarbeiten, zum Beispiel mit einem Erfolgstagebuch: Darin hält man jeden Tag schriftlich fest, was man geschafft hat. Die E-Mail, die man endlich geschrieben hat, ein Lob, das man bekommen hat oder der Kindergeburtstag mit acht Kindern, den man erfolgreich über die Bühne gebracht hat. Und so wird sich das Buch Zeile um Zeile füllen, bis man irgendwann nicht mehr so tun kann, als hätte man das alles gefaked.

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