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„Ich habe Angst vor meiner Ex“ Wie aus Liebe emotionale Gewalt wird – ein Protokoll

Markus ist von Tinka fasziniert. Die Beziehung mit ihr: Ein Wahnsinn! Doch immer häufiger flippt Tinka aus, macht ihn runter. Aber Markus schafft es nicht sich zu lösen. Protokoll einer fatalen Liebe.

Von: Jan Drees

Stand: 24.01.2019

„Es begann 2018 in der Nacht vor Ostern. Ich lernte Tinka auf einer Party kennen: eine schillernde Frau – groß, brünett, lustig. Sie trug an dem Abend ein umwerfendes Kleid. Wir hatten Spaß. Wir tanzten. Und obwohl Tinka in dieser Nacht auch mit einem verheirateten Familienvater rumknutschte, nahm sie mich mit nach Hause und ließ die anderen Männer stehen. Wir landeten sofort im Bett. Der Sex war toll. Es fühlte sich richtig an. Meine Ex und ich waren noch nicht lange getrennt. Ich fühlte mich zu der Zeit niedergeschlagen - bis Tinka kam und mein Leben zu einem besseren Ort machte. Das dachte ich damals wirklich, ohne zu ahnen, dass mir die schlimmsten Monate meines Lebens bevorstanden.“

Zum Zeitpunkt dieser vermeintlichen Liebesgeschichte, die sich mehr und mehr in einen emotionalen Missbrauch verwandeln wird, ist Markus*, der Mann, der hier erzählt, Mitte Dreißig und Tinka* zwei Jahre älter. Er ist Freiberufler. Sein Geschäft läuft schlecht. Markus hat Schulden. Tinka ist Anwältin. Sie will bald eine eigene Kanzlei eröffnen. Markus erinnert sich:

„Mir war klar, dass ich mit Tinka eine aufregende, spannende Frau kennengelernt hatte, die mehrere Sprachen spricht, die einen guten Job hat, die mit beiden Beinen im Leben steht, die für sich selber sorgen kann. Allein Tinkas Kleidung hat der Wertermittler ihrer Versicherung auf über 100.000 Euro taxiert. Dazu kam ihre Eigentumswohnung. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Kunst an den Wänden. Schöner Holzboden, tolle Küche, kleiner Balkon. Mitten in der Stadt. Schon so etwas, wo ich sage: Ja das hätte ich auch gern.“

Frühe Geheimnisse

Die ersten Wochen gestalten sich himmlisch. Tinka macht ihrem neuen Freund viele Komplimente. Sie vertraut ihm schon in der ersten Nacht sehr intime Geheimnisse an. Tinka berichtet, wie sie als Kind von ihrem Vater mit dem Gürtel geschlagen wurde; es musste nur eine Kleinigkeit vorgefallen sein. Tinkas Schwester hat vor wenigen Jahren versucht umzubringen, auch daran soll der Vater schuld sein. Mit den anderen Männern ihres Lebens hatte Tinka kein Glück. Sie wurde in ihren Liebesbeziehungen oft schlecht behandelt und gedemütigt. Zuletzt war sie mit einem acht Jahre jüngeren Mann zusammen, der bisexuell ist und in der Musikbranche arbeitet. Zu der Zeit wurde Tinka schwanger. Das Kind trieb sie ab. Der andere Mann hat ihr angeblich den Finger gebrochen, sie zusammengeschlagen, ihr ein blaues Auge verpasst.

Als Markus zum ersten Mal Tinkas Geschichten hört, ist er getroffen. Seine neue Freundin, die nach außen so stark und selbstbewusst ist, wirkt auf ihn wie ein kleines Kind, das verzweifelt Schutz sucht. Markus möchte ihr diesen Schutz geben. Er wird jede Nacht bei ihr schlafen, nur selten in seine eigene Wohnung fahren. Er beschließt, immer für Tinka da zu sein. Doch ihre Geschichten erscheinen rasch merkwürdig. Tinka erzählte Markus von Sextreffen im Park; dass es Typen gibt, die zugucken können.

„Also, bei ihr war alles ziemlich versext, wenn wir draußen unterwegs waren. Ich muss ehrlich sagen, ich war auf Hochtouren, es war echt, es hat immer geknistert und es war die ganze Zeit – wie hat Tinka das genannt – Sternenstaub in der Luft. Genau: ‚Wir machen Sternenstaub’, hat sie oft gesagt. Sie hat mir auch erzählt, wie sie in einer Nacht dreimal in den gleichen Club gefahren ist, jedes Mal einen anderen Typen mitgenommen und mit ihm Sex gehabt hat – weil sie sich spüren wollte.“

Luftschlösser und leere Versprechungen

Tinka zeigt ihrem neuen Freund, wo das Kinderzimmer in der Wohnung hinkommen soll. Sie erzählt von Reisen, die sie gemeinsam machen werden. „Sie hat das große Ganze schon nach wenigen Tagen gesehen und weiter ausgeschmückt.“ Tinka sagt, Markus könne bei ihr einziehen, damit er Miete spart, er müsse sich nur an den Nebenkosten beteiligen.

„Das waren alles Luftschlösser. Wir sind nie zusammen verreist. Wir haben nie konkret über einen Umzug gesprochen. Es war mal von ihr angedacht: morgen Abend reden wir darüber. Eigentlich wollten wir bei ihr zu Hause einen Plan machen, aber dann hatte sie Hunger, wollte was essen gehen, und hat da bloß über ihren Tag in der Kanzlei erzählt. Ab da hatte ich das Gefühl, sie will mir nur falsche Hoffnungen machen.“

Tinkas dunkle Seite

Früh erlebt Markus die andere, die dunkle Seite von Tinka, die eifersüchtige, herrische, die wütende Tinka, die ihm in solchen Momenten vorkommt wie ein anderer Mensch. Als sie im Café sitzen, wirft sie ihm aus heiterem Himmel vor, er würde mit einer anderen Frau flirten; mit einer Frau, die er nicht einmal gesehen hat. Sie meint, er sei ein verdammter Loser, augenscheinlich hätte sie mal wieder einen Mann mit kleinem Ego kennengelernt. Sie schreit ihn an: „Fürchterlich, ihr Männer mit Eurem kleinen Ego!“ Tinka behauptet, Markus würde fremdgehen. Sie macht ihm Vorwürfe, weil er Schulden hat.

„Ich wurde von ihren Attacken eiskalt erwischt. Hilflos versuchte ich, die Vorwürfe zu entkräften. Ich nahm Tinka in den Arm und schwor, dass ich keine andere Frau als sie begehren würde. Ich versprach ihr: Alles wird gut. Aber nichts war gut. Nichts wurde gut. Ich wachte morgens mit Kopfschmerzen auf. Ich fühlte mich entsetzlich, merkte es nur nicht. Ich sagte: Tinka, ich liebe Dich! – und sie antwortete: Ich liebe Dich auch. Aber dass Du mich liebst, das glaube ich Dir nicht. Beweise es, damit ich Dir wieder vertrauen kann.“

Markus hat so ein Verhalten noch nie bei einer Frau beobachtetet. Tinka tut ihm leid, weil sie schlimme Erfahrungen in ihrer Vergangenheit gemacht hat. Er nimmt an, dass sie ihm und seinen Gefühlen deshalb misstraut. Markus weiß ganz sicher, dass er Tinka liebt; aber er weiß nicht, wie er ihr diese Liebe beweisen soll. Ihm wird seine Wahrnehmung abgesprochen, ihm werden alle Gefühle ausgeredet.

Der Fachausdruck: „Gaslighting“

Es gibt für diese Manipulationsform einen englischsprachigen Begriff: „Gaslighting“, in Anlehnung an das Theaterstück von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem ein Ehemann versucht, seine Gattin in den Wahnsinn zu treiben. Um dieses Ziel zu erreichen manipuliert er beispielsweise die Gaslampen des Hauses und lässt sie flackern. Von seiner Frau auf dieses Flackern angesprochen behauptet er, sie täusche sich.

Wird uns eingeredet, dass das, was wir wahrnehmen, nicht real ist, werden wir im schlimmsten Fall von einer anfänglichen Unsicherheit in echte Verzweiflung gestürzt. Permanente Vorwürfe beschleunigen den Prozess. Mithilfe von Gaslighting können Menschen in den Selbstmord getrieben werden. Treffen kann es jeden – aber man weiß, dass Frauen häufiger emotionalen Missbrauch in Liebesbeziehungen erleben als Männer.

Massive Selbstzweifel

Markus weiß nicht, wie ihm geschieht – und genau dies sei das Fatale, sagt die Münchner Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki, die sich seit Jahrzehnten mit Frauen wie Tinka auseinandersetzt. Ihr Buch mit dem Titel „Weiblicher Narzissmus“ ist ein Bestseller, und erscheint aktuell in der 28. Auflage. Wardetzki sag: „Es geht so weit, dass man es gar nicht mehr merkt. Die Menschen, die sich manipulieren lassen, die sind Menschen, die in der Regel sich selber die Schuld geben für alles, was passiert, die ganz massive Selbstzweifel haben und oftmals ein schwaches Selbstwertgefühl zumindest gegenüber dem Partner, der sie manipuliert.“

Zwischen Markus und Tinka ist es zwischendurch wieder sehr schön. Sie gehen in ihren Lieblingsrestaurants essen, zum Italiener, zum Griechen. Sie laufen an Sommerabenden durch verschiedene Parks. Sie gehen ins Kino, und auf zwei Festivals.

Kaum scheint es perfekt zu laufen zwischen Markus und Tinka, provoziert sie einen Streit und macht alles zunichte:

„Wir waren im Allgäu, auf dem vierzigsten Geburtstag einer Freundin, was eigentlich sehr schön war. Doch auf der Rückfahrt kamen wieder ihre endlos gleichen Vorwürfe. Es ist so sehr eskaliert, dass ich Tinka beinahe an der Raststätte aus dem Auto geschmissen hätte. Als wir bei ihr vor der Haustür waren, habe ich gesagt, dass ich keine ihrer Geschichten glaube, dass wahrscheinlich auch die Sache mit ihrem Ex, der ihr den Finger gebrochen haben soll, gelogen ist. Da ist sie richtig ausgerastet, hat mich geschlagen, und dann habe ich sie mit dem rechten Arm aus der offenen Autotür geschoben.“

Wenige Tage später wird Tinka ihm Fotos von ihrem blauen Auge zeigen, dass ihr der Ex verpasst haben soll. Sie zeigt sogar Röntgenaufnahmen ihres gebrochenen Fingers – als sei damit ihr eigener Übergriff auf Markus gerechtfertigt. Der versucht gar nicht mehr, Tinkas Angriffe zu widerlegen. Er passt sich an.

Komplette Selbstaufgabe

„Wenn wir unterwegs waren, habe ich versucht, mich zu beherrschen. Wenn wir im Café saßen, habe ich krampfhaft in Tinkas Gesicht geschaut, bloß nicht in Richtung anderer Tische. Ich bin unsicher geworden. Ich bekam Panikattacken. Ich hatte fürchterliche Verspannungen und Schlafstörungen. Mir war klar: jederzeit kann eine neue Bombe hochgehen.“

Beim Gaslighting wird dem Anderen die Wahrnehmung ausgeredet, sagt Bärbel Wardetzki. Seine Eigenständigkeit. Und zwar gezielt, wie Wardetzki betont, „indem ich dem Anderen klarmache, dass ich hier Herr im Hause bin, und das was ich denke und fühle und tue ist der Maßstab. Das, was du denkst und fühlst, das werde ich dir ausreden, damit du in meiner Kontrolle, damit du in meiner Abhängigkeit bleibst.“

Markus bleibt dennoch bei Tinka – für die immer weniger werdenden Momente, in denen es schön ist.

Ich habe mich häufig entschuldigt; zum Beispiel, dass ich keinen Parkplatz gefunden habe, oder dass ich zu spät vom Kundentermin weggekommen bin. Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich nicht gut drauf bin, dass ich meinen Körper nicht mag, dass ich nicht mit Tinkas Lebensstil mithalten kann. Ich habe sie auch gefragt, was sie von mir will, warum sie sich nicht jemanden auf Augenhöhe sucht.“

Die Diskussionen mit ihr dauern Stunden, bestehen aus Vorwurf-Kaskaden, alles dreht sich im Kreis. Wenn Markus es nicht mehr aushält, geht er ins Casino, um sich abzulenken. Er wird binnen weniger Wochen achttausend Euro am Roulette-Tisch verlieren.

Immer wieder Schluss

Irgendwann sagt er deutlich, dass sich Tinka nie wieder bei ihm melden, dass sie seine Handynummer löschen und ihn vergessen soll. Aber damit hat er keinen Erfolg:

 „Also, innerhalb des halben Jahres bin ich mehrmals gegangen, und hab’ ihr das auch klar gesagt, dass ich da keinen Sinn sehe, und dann stand sie zwei, drei Tage später wieder vor der Tür und heulte... Oder sie sprach mir wirres Zeug auf meinen Anrufbeantworter.“

Markus gibt seiner verzweifelten Freundin immer wieder eine Chance, weil er an ihre Einsicht glauben will. Doch irgendwann zieht er die Notbremse:

„Wir hatten die Vereinbarung getroffen, dass wir uns so nicht mehr streiten wollen, dass wir uns auf der Ebene so nicht mehr begegnen wollen, und ich dachte: Krass, sie hat’s verstanden, und ich hab’ auch verstanden, dass wir uns auf der Ebene nicht treffen wollen, also im wahrsten Sinne des Wortes: nicht treffen wollen. Es war vernichtend. Es waren Sachen, die man sich nicht sagt, sondern, die: zerstören. Als Tinka vor meiner Tür stand und wir diese Vereinbarung trafen, war das ein heller Moment.“

In ihrem Buch „Und das soll Liebe sein“, beschreibt Bärbel Wardetzki, wie man sich aus einer narzisstischen, wie man sich aus einer emotional missbräuchlichen Beziehung befreit. „Besonders wichtig ist: aufmerksam zu sein, und das, was nicht funktioniert in der Beziehung, ernst zu nehmen. Denn die Tendenz ist, alles zu beschönigen und zu sagen: Das wird schon wieder.“ Es ist ein ungemein schwieriges Unterfangen, weil Menschen wie Tinka Strategien haben, um ihren Partner an sich zu binden. Gerade dieses permanente Auf und Ab bindet, weil der Körper überflutet wird von Hormonen.

"Ich habe Angst vor Tinka"

Fünf Monate nach diesem „hellen Moment“ steckt Markus in einem unübersichtlichen Chaos aus abwechselnden Vorwürfen, Tränenausbrüchen, schönen Momenten, Beschwörungen und permanenter Gewalt. Ihm geht es noch Wochen nach der Beziehung sehr schlecht, als er sagt:

„Ich fühle mich nicht frei. Ich frage mich nach wie vor: Kann der Fehler an mir liegen, also, dass es nicht geklappt hat mit Tinka? Was hätte ich anders machen sollen? Ich versuche immer noch, das Schlechte von ihr abzuwenden und ich versuche: zu mir zu kommen? Zu mir zu finden? Oder Ruhe zu finden? Auch vor ihr, weil die Geschichten, die sie mir erzählt hat über sich, ihre Familie, über ihre Freunde, das sind alles Menschen – ich habe ja insgesamt fünfzehn, zwanzig Leute kennengelernt, und von jedem wusste sie die dunkelsten Seiten. Natürlich weiß sie auch alles über mich. Ich habe Angst vor Tinka.“

Markus weiß nicht, was er glauben soll. Als er jenen Freund seiner Ex kontaktiert, der angeblich als Kind verschleppt und missbraucht wurde, als er ungläubig nachfragt, bestätigt der Andere alles, und schreibt spürbar entsetzt: „Ich verstehe nicht, warum sie das rumerzählt. Es war absolut vertraulich.“ Hinter seine Nachricht setzt er einen Smiley mit niedergeschlagenen Augen.

Abgrenzen, Hilfe suchen

Markus zieht sich zurück. Er wird einen wichtigen Ratschlag beherzigen; und nicht zulassen, dass Tinka ihn in eine Opferrolle drängt. „Die Opferrolle, die psychologische Opferrolle muss man betonen, die halte ich für absolut kontraindiziert, weil wir keine Opfer sind“, sagt Bärbel Wardetzki, „auch wenn wir uns als Opfer fühlen, ist es so wichtig zu kapieren: Ich bin kein Opfer, und ich kann mir, und ich muss mir Unterstützung holen, damit ich lerne, mich abzugrenzen und meine Stärke, mein Selbstwertgefühl wiederaufzubauen. Das ist ganz wichtig. Als Opfer kann ich das nicht. Als Opfer gebe ich das her.“

Markus hat losgelassen und inzwischen verstanden, dass lieben nicht bedeutet, den Anderen einzuengen und zu manipulieren. Lieben bedeutet nicht, dass man seinem Partner eine permanente Schuld einredet, Lieben bedeutet nicht, dass man jenen, der sich einem anvertraut belügt und demütigt, Lieben bedeutet, das hat der Soziologe Niklas Luhmann sehr schön geschrieben: „dem Anderen die Möglichkeit zu geben, etwas Gutes zu tun, dadurch, dass er ist, wie er ist.“

*Namen von der Redaktion geändert

Mehr zum Thema "Gaslighting" und emotionale Beziehungsgewalt im Zündfunk Generator „Gaslighting“ - über emotionale Beziehungsgewalt" - eine Sendung von Jan Drees.

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Jan Drees hat zu dem Thema "Gaslighting" das Buch "Sandbergs Liebe" geschrieben, erschienen im Secession Verlag.


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