Bayern 2 - Zündfunk


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Linke Strategien, von rechts vereinnahmt "Fremd im eigenen Land": Warum Rechte vieles sind, aber nicht einfallsreich

Menschen mit rechter Gesinnung kopieren, was ihre politischen Gegner als Strategien erfunden haben. Kaum ein Beispiel zeigt das so eindringlich wie der Satz "Fremd im eigenen Land", der in der ermächtigenden, jungen Rapkultur geprägt wurde und heute bei der AfD gelandet ist.

Von: Sammy Khamis

Stand: 19.08.2018

Es ist der zweite Juni 2016. Wahlkampf in Brandenburg. Alexander Gauland steht auf einer Bühne und sagt den Satz: "Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land". Gut 25 Jahre vorher haben die Heidelberger Rapper Torch, Toni-L und Linguist diese Phrase geprägt. "Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land" rappen Advanced Chemistry, wie sich die Crew nennt. Das ist die Punchline, der Soundtrack und vor allem die Antwort auf den Nationalismus im wiedervereinigten Deutschland, auf die Pogrome von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen.

Advanced Chemistry Albumcover | Bild: 360 Grad Records/EMI

Albumcover "Advanced Chemistry" von 1995

In diesen 25 Jahren zwischen Advanced Chemistry und Alexander Gauland lassen sich Etappen erkennen, in denen der Satz "fremd im eigenen Land" nach und nach aus der empowernden Popkultur in die extreme Rechte und weiter zur AfD gewandert ist.

Doch der Reihe nach: "Fremd im eigenen Land" wird das erste Mal 1979 prominent verwendet. Damals druckt ihn der Publizist Henryk M. Border auf das Cover seines Buches. "Fremd im eigenen Land" der Titel, im Untertitel: Juden in Deutschland. 40 Autorinnen und Autoren gehen der Frage nach, wie sie als deutsche Juden 35 Jahre nach der Shoah leben können. Antwort laut Broder: Sie können es nicht. Noch nicht.

Mit dem Fall der Mauer wird ein ganzer Landstrich auf einmal fremd – die Bewohnerinnen und Bewohner der ehemaligen DDR. "Viele fühlten sich Fremd im eigenen Land", so erinnert sich der spätere Bundespräsident Joachim Gauck an die Zeit nach der Wiedervereinigung. Sucht man in Spracharchiven nach diesem Satz, dann zeigt sich: in den 1990ern wurden abwechselnd die Lebensrealität von Spätaussiedlern, sogenannten Russlanddeutschen, von Migrantinnen der zweiten Generation und immer wieder Jüdinnen mit dem Satz "fremd im eigenen Land umschrieben".

Der Satz wandert nach rechts

In der Musik war es anders. Advanced Chemistry wurden gesampelt und zitiert, immerhin gilt ihre Single bis heute als eine der einflussreichsten oldschool Rap-Platten der deutschen Rap-Geschichte. Bis 2008. Denn dann veröffentlichte der Berliner Rapper Fler sein drittes Album. Der Titel: "Fremd im eigenen Land". Fler, der sich schon mit seinem Erstling "Neue Deutsche Welle" als der deutsche Badboy im Rap etabliert hat, öffnet den Satz "Fremd im eigenen Land" für die Rechte – auch für die extreme Rechte. Denn 2010 – zwei Jahre nach Flers Platte– kommt eine Neonazi-Band auf den Satz und macht daraus den Song "Tolerant & Geisteskrank". Der Song erscheint auf der Platte "Adolf Hitler lebt!" von Gigi und die braunen Stadtmusikanten. Die CD ist in Deutschland verboten und dennoch ist sie berühmt. Auf dem Album findet sich auch der Song "Dönerkiller", der ein Jahr vor der Selbstenttarnung des NSU von den Morden der Terrorgruppe spricht.

Der Refrain von "Tolerant & Geisteskrank" lautet: "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land". Diesen Satz nimmt die NPD, druckt ihn auf Wahlplakate, öffnet Facebook-Seiten unter dem Slogan – und die NPD trägt den Satz in die Politik. Dort verwenden ihn beispielsweise Alexander Gauland, Björn Höcke und der Publizist Jürgen Elsässer.

Fremd im eigenen Kontext

Bleibt als Fazit: Rechte sind vieles, aber eines sind sie nicht: Einfallsreich. Sie raubkopieren sich zusammen, was sich ihre politischen Gegner ausgedacht haben, mit der Konsequenz, dass der Satz "Fremd im eigenen Land" selbst fremd wird – fremd im eigenen Kontext.

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Mehr zu diesem Thema gibt es zu hören im Zündfunk Generator: "Fremd im eigenen Land"- Ein Satz wandert vom Pop nach rechts. Am 19. August 2018 ab 22.05 Uhr auf Bayern 2. Die Sendung gibt's auch als Podcast beim Klick oben auf das Bild.

Die Idee für diesen Zündfunk Generator kommt aus einem Vortrag von Hannes Loh und Murat Güngör mit dem Titel "Vom Gastarbeiter zum Gangsterrapper". Die Anwältin Kirstin Peitrzyk aus Jena beschreibt in der Sendung, dass der Satz "Fremd im eigenen Land" in den letzten Jahren immer wieder in Verfahren thematisiert wird, in denen rechtsradikale Tatverdächtige angeklagt sind - zuletzt im Falle des sogenannten Moschee-Bombers von Dresden im Jahr 2016


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