Bayern 2 - Zündfunk


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Generator Podcast Wie die migrantische Linke gegen Islamismus kämpft - und das seit Jahrzehnten

Geflüchtete, Migrant*innen, kurdische, ezidische und muslimische Menschen tragen oft die Hauptlast im Kampf gegen religiös-begründeten Extremismus. Doch ihr Engagement wird von der Mehrheitsgesellschaft häufig nicht gesehen oder anerkannt.

Von: Nabila Abdel Aziz

Stand: 22.01.2021

Kaum jemand in Bayern weiß so viel über die islamistische Szene wie Ahmad Popal - und kaum jemand wird so von ihr bedroht: „Das Problem mit Todesdrohungen, ist, dass ich sie natürlich alle ernst nehme. Aber wenn du sie jeden Tag hörst, dann normalisiert sich der Zustand der Drohungen irgendwann“, sagt er. „Verfluchter Verräter“ oder „dreckiger Kafir“, das sind nur ein paar der Beleidigungen, die er sich immer wieder anhören muss.

Unsichtbar gegen den Islamismus kämpfen

Ahmad Popal ist 30 Jahre alt und trägt einen dichten Vollbart. Wenn er seine Freitagspredigt gibt, umhüllt er sich mit einem langen schwarzen Mantel, auf seinem Kopf ein schwarzer Turban. In seinen Sätzen benutzt er Worte wie „inshallah“, also „Wenn Gott will“, und „Alhamdulillah“, zu Deutsch „Gepriesen sei Gott“. Er predigt über den Jüngsten Tag, den Propheten Muhammad, das Gebet und die Wiederauferstehung der Toten. Er ist durch und durch religiös – und einer der schärfsten Gegner der Extremisten: „Ich gehe zu ihren Sitzungen, die meistens im Geheimen, im Verdeckten ablaufen. Ich gehe zu ihren Sitzkreisen, in ihre Studienkreise, in ihre Wohnungen. Ich hocke mich hin, und ich leiste einfach nur Widerstand. Ich kenne sie, ich weiß, wo sie sind, und konfrontierte sie mit ihrer eigenen Logik.“

Der Imam und Seelsorger Ahmad Popal ist einer von den vielen, die sich gegen Islamismus engagieren und dabei meist unsichtbar bleiben: Kurdische, ezidische, muslimische Menschen, Jüdinnen und Juden, Geflüchtete und vor allem Linke innerhalb der migrantischen Community, die den Islamismus oft schon in den Heimatländern bekämpft haben - und noch immer von ihm bedroht werden. Sie tragen oft die Hauptlast im Kampf gegen den Islamismus.

Auch muslimische Menschen brauchen Schutz vor Islamismus

Trotzdem sind sie von Rassismus betroffen, häufig auch von anti-muslimischen Rassismus, weil sie muslimisch gelesen werden. Das Problem ist, dass Menschen mit Wurzeln in der Mena-Region, also dem Mittleren Osten und Nordafrika, oft als ein monolithischer Block verstanden werden, sagt Ferda Berse. Sie ist Sozialwissenschaftlerin und Ezidin. Der Grund sei eine weitverbreitete Zweiteilung der Welt in Orient und Okzident, besonders seit dem 11. September: „Der globale Norden versteht sich als Ziel von Islamismus und vergisst dabei, dass in der MENA-Region jeden Tag Anschläge passieren und, dass die Mena Region ethnisch als auch religiös sehr divers ist.“

Sozialwissenschaftlerin Ferda Berse

Berse plädiert für eine neuen Umgang mit religiös begründetem Extremismus, in der das Engagement der migrantischen Linken wahrgenommen wird und es einen Blick für Minderheiten in der Minderheit gibt. Und in der sich alle Beteiligten nicht scheuen harte Kritik am Islamismus zu üben, in der aber Muslime von der Islamismus-Debatte getrennt werden: „Die Debatte sollte umgedeutet werden in eine Partnerschaft, die gemeinsam gegen Islamismus angeht, weil muslimische Menschen auch von Islamismus betroffen sind. Wie können wir gemeinsam dagegen angehen, um uns alle vor Islamismus zu schützen?“

Expert*innen im Interview

Im Zündfunk-Generator spricht die Politikwissenschaftlerin und Aktivistin Dastan Jasim über die Geschichte des kurdischen Widerstands gegen Islamismus, die Sozialwissenschaftlerin Ferda Berse erzählt über die Verfolgung und das Engagement der Ezid*innen, der Islamwissenschaftler Fouad Hazim gibt einen Einblick in die islamische Kritik am Islamismus und der Dialogarbeiter Derviş Hızarcı erklärt, warum Muslim*innen, die sich in Deutschland gegen Extremisten engagieren, häufig ins Kreuzfeuer geraten.

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