Bayern 2 - Zündfunk

Generator Podcast Bye Bye, Bohème: Warum wir die Klassenfrage dringend wieder stellen müssen

„Man redet wieder über Klassen.“ Das schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch "Das Ende der Illusionen". Zeit wird’s. Denn die Frage nach der Klassenlage hilft, unsere Gesellschaft und ihre immer wieder befürchtete Spaltung besser zu verstehen.

Von: Ralf Homann

Stand: 12.05.2022

Erstmal sagt die Analyse der Gegenwart: Einer dünnen Oberschicht stehen die seit „Occupy Wallstreet“ sprichwörtlichen 99 Prozent gegenüber. Diese dünne Oberschicht ist für den Untergang der menschlichen Lebensbedingungen auf dem Planeten letztlich verantwortlich. Warum wird sie dann nicht entmachtet? Eher scheint das Gegenteil der Fall: Sie wird von den 99 Prozent gestützt. Diese 99 Prozent spalten sich im globalen Norden in drei Klassen: eine aufsteigende, hochqualifizierte neue Mittelklasse von Akademiker*innen, eine stagnierende alte oder traditionelle Mittelklasse und eine absteigende neue prekäre Klasse. Diese Klassen unterscheiden sich in ihrer kulturellen Lebensführung, ihrer Ressourcenausstattung und ihrem Ort im sozialen Machtgefüge deutlich voneinander – bis hin zur Polarisierung.

In Deutschland verweist die Polarisierung zum Beispiel auf das Parteienspektrum gegen Ende der 2010er Jahre: Das Entstehen der AfD, die sich als Repräsentant der alten Mittelklasse versucht, auf der einen Seite – auf der anderen Seite: der Boom der Grünen, die sich als Vertreter der neuen Mittelklasse offerieren. Die restlichen Parteien eiern mehr oder weniger herum.

Wir brauchen eine neue Bohème - solidarisch mit dem Prekariat

Dennoch ist ein optimistischer Blick in die Zukunft angesagt. Die Voraussetzungen für eine positive Wende sind gut. Zwar bestimmen die neoliberalen Wertvorstellungen der neuen Mittelklasse die gesellschaftlichen Debatten, und ihre Angehörigen sind weder Hippies noch Anarchisten. Sie sind Realisten, die wissen, dass ihre Form der Selbstentfaltung nicht gegen oder außerhalb der Gesellschaft erreicht werden kann, sondern nur mit den Ressourcen, die der Kapitalismus bereitstellt. Doch das Dogma dieser Selbstentfaltung gerät immer mehr ins Wanken. Das Selbstbild von der kreativen Unternehmer*in ihrer selbst, auf das sich die neue Mittelklasse stützt, beinhaltet auch ein grandioses Scheitern. In der von Andreas Reckwitz so genannten "Spätmoderne" wird die Zahl der in der prekären Klasse gestrandeten Hochqualifizierten weiter steigen.

Deshalb fordert der Zündfunk-Generator eine neue Bohème. Also eine Bohème, die tatsächlich solidarisch ist mit dem Prekariat und sich nicht einfach nur in Symbolen des Widerstands wohl fühlt. Statt Zeichen setzen, die Zeiten ändern. Diese neue Boheme bedeutet auch eine klare Kampfansage an die wirkungslose Popkultur und die Salon-Linke, wie sie sich seit der 1980er Jahren etabliert hat. Es geht darum, die Aufrüstung bisher bewährter Identitätspolitik zwischen feministisch, postmigrantisch oder queer hinter sich lassen, um eine neue, solidarische Welt zu gewinnen.

In diesem Zündfunk Generator sprechen: Andreas Reckwitz, Autor des Buches „Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“ und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Eva Fleischmann vom Frankfurter Institut für Sozialforschung. Mirko Broll, vom Frankfurter Institut für Sozialforschung. Olaf Kistenmacher, Historiker und Mitglied des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus. Imke Leicht, Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Büros für Gender und Diversity der Universität Erlangen-Nürnberg. Sowie Manfred Köhnen, Sozialwissenschaftler aus Berlin-Neukölln.

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