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Generator Podcast Ich bin dick und das ist okay – Warum ihr aufhören sollt, meinen Körper zu kommentieren

Der Sommer steckt für dicke Menschen voller kleiner und großer Demütigungen. Dumme Sprüche, abfällige Blicke, ungebetene Ratschläge. Dabei haben Dicke genauso ein Recht auf enge Hosen und zwei Kugeln Eis. Ein Erfahrungsbericht.

Von: Alba Wilczek

Stand: 29.06.2021

Es ist Ende Juni. Und verdammt heiß. Die Tage sind lang, die Flussufer überfüllt und die ganze Stadt am Schwitzen. Wenn ich an Dinge denke, auf die ich mich im Sommer freue, dann denke ich an: Wassermelonen, gleich in der Früh zum See fahren, laue Nächte mit Freunden und Eiscreme. Ich denke an Urlaub, das Meer und an Roadtrips mit kalten Softgetränken. Klingt doch super, oder? Wenn da nicht noch die andere Seite wäre. Die dunkle Seite der Realität.

Sprüche wie „Mit solchen Beinen braucht die keine kurzen Hosen anziehen“, „Guck mal, wie die schwitzt“, „Die sollte echt mehr Sport machen“ oder „Noch ein Eis? Wie sollen da die Kilo purzeln!“. Dumme Sprüche, unangenehme Bahnfahrten, abfällige Blicke. Wie eine Gruppe unerwünschte Partygäste kommen auch diese Dinge jeden Sommer wieder: Bauch einziehen am See, lange Hosen statt Shorts, Schenkel reiben unter Kleidern oder tägliches Duschen, um ja frisch und nicht vermeintlich eklig zu wirken.

Keiner meiner Sommer vergeht ohne Angst und Scham

Keiner meiner Sommer vergeht ohne solche Erlebnisse. Ohne Angst und Scham, Traurigkeit und Wut. Und warum? Weil ich dick bin. Dick in einer fettfeindlichen Gesellschaft. Kann ich, darf ich da wirklich kurze Hosen tragen – bei der Affenhitze?

Ja, Leute. Big News. Der Sommer ist für dicke Menschen mehr als Wassermelone und ein bisschen Schwitzen. Er ist eine Herausforderung. Und zwar nicht wegen der eigenen Körperfülle. Sondern wegen all dem, was dicke Menschen in unserer Gesellschaft aushalten müssen. Von Bodyshaming in den Medien oder beim Dating über unangebrachte Kommentare in Klamottenläden bis zu abschätzigen Bemerkungen vom Ärztepersonal.

Überall warten sie, die Trigger. Die Nadelstiche. Die kleinen und großen Demütigungen. Ungefragte Kommentare und Ratschläge. Ohne Kontext. Ohne die Geschichte, den Alltag oder irgendwelche gesundheitlichen Werte der Person zu kennen. Nirgends ist man wirklich sicher vor blöden Sprüchen oder Vorurteilen. Und vor allem nicht im Internet. Erst letzte Woche wieder. Die österreichische Modedesignerin Lena Hoschek spricht im Interview mit dem ORF über „Modeverbrechen im Sommer“:

"Es gibt natürlich Girls, die sind knackig genug für Radlerhosen. Dann ist das schon wieder witzig. Aber für den Rest der Welt: Nein!"

Modedesignerin Lena Hoschek

Als ich das vergangene Woche lese, werde ich getriggert. Schon wieder. Ich habe selbst dicke Beine und die sind schon immer mein wunder Punkt. Ich muss aber sagen, es ist besser geworden über die Jahre. Auch dank der Arbeit vieler Fatshaming-Aktivist*innen.

Als ich also Hoscheks Kommentar las, war da diesmal auch eine Menge Wut: Echt jetzt Lena? Es ist 2021. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist legal, wir fliegen Roboter zum Mars und womöglich gibt es bald eine Impfung gegen Krebs. Fortschritt in so vielen Bereichen. Und du? Du möchtest immer noch Menschen vorschreiben, was sie zu tragen haben? Gerade im Sommer? Wow. Ihre Aussage hat Lena Hoschek Tage später als Witz deklariert. Übrigens: Mit weiterem, subtilem Fatshaming hinterher. Viel interessanter aber war der Aufschrei auf Social Media.

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schoenwild

 | Bild: schoenwild (via Instagram)

Mittlerweile ist Fatshaming endlich ein rotes Tuch für ganz viele. Viele dicke Menschen posteten als Reaktion kurze Videos, in denen sie Radlerhosen tragen und den Mittelfinger zeigen. Andere nahmen Hoscheks Modekollektion auseinander. Und wieder andere, die Körper-Aktivist*innen Jules Schönwild, Charlotte Kuhrt oder Melodie Michelberger zum Beispiel, schrieben ihre Gedanken dazu auf.

Eine richtige Empowerment-Welle schwappte über die sozialen Medien. Megaschön für Menschen wie mich. Und noch schöner: Nicht nur dicke Menschen beteiligten sich an der Debatte. Madeleine Darya Alizadeh, alias Bloggerin und Influencerin dariadaria, schrieb als Reaktion auf Instagram:

"Hoscheks Aussage war einfach nur fettfeindlich. Und sie war eine Schelle ins Gesicht eines jeden, der für mehr Körperakzeptanz auf der Welt kämpft. Die Fettfeindlichkeit ist so verankert in unserer Kultur, dass viele von uns nicht einmal merken, wenn wir fettfeindlich sprechen, reden, handeln. Das muss aufhören."

Influencerin Madeleine Darya Alizadeh

Recht hat sie. Diskriminierung birgt eine Menge Gesundheitsrisiken. Sie ist unglaublicher Stress für Körper und Geist. Laut einer Studie der Universität Leipzig berichten fast 40 Prozent der Befragten mit schwerer Fettleibigkeit von Diskriminierungserfahrungen. Andere Studien zeigen: Bei gleicher Qualifikation werden schlanke Bewerberinnen bevorzugt. Dicke Frauen werden bei Gehaltszulagen und Beförderungen übergangen.

Außerdem finden 71 Prozent der Bevölkerung stark Übergewichtige unästhetisch. Jeder Achte vermeidet sogar bewusst den Kontakt zu Betroffenen. Und dann haben mehrgewichtige Menschen sowieso schon starke Minderwertigkeitsgefühle und ein schlechtes Körpergefühl. Sie verinnerlichen die vielen negativen Urteile anderer als Selbstbild und haben ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, eine Depression zu entwickeln.

Ich trage weiter meine Radlerhose – inklusive dicker Schenkel und Orangenhaut

All diese Gründe zeigen: Es ist so wichtig, dass sich nicht nur Betroffene, sondern gerade die, die nicht täglich stigmatisiert werden, in die Debatte einschalten. Privilegien und so. Ihr alle. Ihr könnt dicken Menschen damit helfen! Fuck. Wie schön wäre es, wenn wir lernen könnten, respektvoller miteinander umzugehen. Ich persönlich habe es so satt, bei mir und bei anderen zu sehen, wie Zahlen auf der Waage oder dumme Sprüche mein Leben, meine Laune und mein Verhalten beeinflussen. Meine Gesundheit geht dich nichts an. Und was juckt es dich überhaupt?

Vorschlag: In Zukunft einfach mal den Kommentar oder den Ratschlag verkneifen, den wir jemandem drücken wollen. Der Sommer ist nämlich für alle da. Und ich, ich werde auch weiterhin meine Radlerhose tragen. Inklusive dicker Schenkel und Orangenhaut. Wer das empowernd oder mutig findet – okay. Und wer das nicht akzeptieren will, der soll sich den Weg zum See dann vielleicht einfach sparen.

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quacksalba

 | Bild: quacksalba (via Instagram)

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