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Generator Podcast „Ich denke feministisch und ich komme von Eminem“: Antonia Baum, Autorin der Widersprüche

Eminen hat die Schriftstellerin Antonia Baum zum Schreiben ermutigt. Warum waren es keine Rapperinnen, warum keine Schwarzen Rapper, kein Biggie, Tupac, Nas, die sie alle gut fand? Bei Antonia Baum verschränken sich Race, Class & Gender, ohne dass sie belehrend wird. Klaus Walter über eine der spannendsten und speziellsten Gegenwartsautor*innen in deutscher Sprache.

Von: Klaus Walter

Stand: 07.05.2021

„Wie kriegt man als Frau die Verrenkung hin, Rap zu lieben und sich dabei permanent beleidigen zu lassen?“, fragt der Klappentext von Antonia Baums Buch über Eminem.

Antonia Baum, Jahrgang 1984, ist eine gefeierte Schriftstellerin und scharfsinnige Zeitdiagnostikerin, bei der ZEIT hat sie die Kolumne „Mein Leben als Frau“. Eminem kommt 1972 als Marshall Bruce Mathers in Missouri zur Welt und steigt Ende des 20.Jahrhunderts auf zum erfolgreichsten Rapper des Planeten. Beide, Baum und Eminem, sind weiß. Daher das geflügelte Wort: „Was ist das für eine Zeit, in der der größte Golfspieler der Welt Schwarz ist und der größte Rapper weiß?“ Inzwischen sind die besten Zeiten von Tiger Woods auf dem Golfplatz genauso vorbei wie die besten Zeiten von Eminem im Hip-Hop.

Eminems Anarchismus

„Bewusst wahrgenommen habe ich Eminem etwa 1999, als „My Name Is“ bei Viva und MTV hoch und runter lief“, sagt Antonia Baum. „Irgendetwas hat mich an dem sofort interessiert. Vielleicht diese anarchistische Energie.“ Vom Rapper des sogenannten White Trash fühlt sich die Bildungsbürger-Teenagerin Antonia zum Schreiben ermutigt.

Antonia Baum über Eminem ist 2020 im Kiwi Verlag erschienen

„Ich denke feministisch, ich bin Schriftstellerin, und ich komme von Eminem.“ Das ist so ein typischer Antonia Baum-Satz. Denn Antonia Baums Buch über Eminem ist auch ein Buch über Antonia Baum. Das Ich in ihren Texten ist nicht zu verwechseln mit dem realen Ich der Autorin. Und, nur scheinbar paradox: Das Ich in den Texten von Antonia Baum ist nicht zu trennen vom Ich der Antonia Baum. Zur Ich-Findung hat der Rap-Star wesentlich beigetragen: „Von Eminem habe ich vor allem die Schreibhaltung. Dieses anarchistische, auch breitbeinige und die Kompromisslosigkeit.“ Und eben nicht von den amtlichen Vorbildern aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur. „Ich las nicht Thomas Bernhard und dachte, kann ich auch, natürlich nicht. Oder – um Gottes willen – Kafka. Oder Maxim Biller, Rainald Goetz (alles Männer, ich weiß, und dazu später). Ich hörte Eminem und dachte, okay, es könnte gehen.“ Und es ging.

Race, Class & Gender

Warum waren es keine Rapperinnen, die sie zum Schreiben ermutigten? Warum waren es keine Schwarzen Rapper, die sie zum Schreiben ermutigten, kein Biggie, Tupac, Nas, die sie alle gut fand? Hier verschränken sich Race, Class & Gender, wie so oft bei Baum, ohne dass sie es explizit im Polit-Duktus formuliert.  Ein klassistischer Habitus, der auch eine Hauptrolle in ihrem vorletzten Buch spielt: “Stillleben? Auf dem Titel steht noch der folgende Satz: „Ein Kind bedeutet auch den Wettlauf um das gute, das bessere Leben.“

Der Titel „Stillleben“ oder auch „Still leben“ spielt mit dem doppelten Sinn: das gezwungenermaßen stille Leben einer Frau, die gerade Mutter geworden ist und das Leben einer Frau, das vom maßgeblich vom Stillen getaktet ist. „Stillleben“ wird als „feministischer Essay“ bezeichnet. Es geht um die Ich-Erzählerin, die mit ihrem Freund in einer abgerockten Unterklassengegend wohnt, migrantisch geprägt, Armut, Wettbüros, Nagelstudios. Das bildungsbürgerlich geprägte Paar erwartet ein Kind und vermeidet soweit es geht, den direkten Kontakt zur feindseligen Umgebung, sie fährt Taxi, bestellt bei Amazon und Lieferdiensten, nutzt ihre Privilegien. Als das Baby kommt, spitzt sich die Lage zu, ein durchgeknallter Nachbar aus der Reichsbürgerszene nähert mehrfach sich bedrohlich.

Bessere Gegend

Diese Variante des Klassenkonflikts durchzieht das Buch, dann: Ein typischer Satz nach einer bedrohlichen Konfrontation mit dem schreienden Nachbarn: „Als mein Freund wieder nach Hause kam, beschlossen wir, dass wir eine neue Wohnung suchen müssten. Ich sprach inzwischen von einer ‘besseren Gegend’ ohne mich zu korrigieren.“

Die Protagonistin wohnt in einer unwirtlichen bis gefährlichen aber billigen Gegend und wehrt sich dagegen, in ein Viertel ihrer angestammtem Klasse zu ziehen, in die aufgeräumte Yoga-Welt, wo alles by nature homogen ist. Hier werden, ohne es explizit beim Namen zu nennen, Themen wie Gentrifizierung und Verdrängung angesprochen.

Baum ist woke, also sensible für Diskriminierungen, ohne es so zu benennen, oder: Sie ist eine moderne Linke, ohne Teil einer Bewegung zu sein, genau das macht sie interessant. Der Zündfunk Generator mit einem Autorinnenporträt, das zugleich Zeitpanorama ist - über eine der spannendsten und speziellsten Gegenwartsautorinnen in deutscher Sprache, politisch wie popistisch fit.

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