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Debatte um Femizide Männer sollten nachts die Straßenseite wechseln – damit Frauen sich sicher fühlen

In London sind innerhalb kürzester Zeit zwei Frauen nachts auf der Straße verschwunden, sie wurden beide ermordet. Was passieren muss, damit Frauen in Städten endlich sicher sind – und warum Männer dabei eine zentrale Rolle spielen.

Von: Dominik Kalus und Sandra Limoncini

Stand: 07.10.2021

Zwei Frauen laufen im Dunkeln die Poynders Road in Clapham, Südlondon, entlang, auf der Blumen an Sarah Everard erinnern, die nahe der Straße entführt wurde.  | Bild: picture alliance / empics | Yui Mok

Vor einer Woche wurde der Mörder der Londonerin Sarah Everard zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Täter war ein Polizist. Er hatte die junge Frau im März unter falschen Behauptungen festgenommen, entführt, vergewaltigt und ermordet. Eine Tat, die sich kürzlich zu wiederholen schien. Wieder verschwand eine Frau auf der Straße in London im Dunkeln. Die Leiche der jungen Frau, sie hieß Sabina Nessa, wurde einen Tag nach der Vermisstenmeldung in einem Park entdeckt.

Seitdem wird einmal mehr darüber diskutiert, was passieren muss, damit Frauen in Städten sicher sind. Nach dem Mord an Sarah Everard hatte die Londoner Polizei Frauen Empfehlungen gegeben, wie sie Übergriffe verhindern sollen. Darunter sind Ratschläge wie: an Türen klopfen, Passanten oder Fahrzeuge stoppen oder den Notruf wählen, wenn ein Beamter sie durch sein Verhalten verängstigt.

Warum soll es immer die Frau sein, die für ihre Sicherheit sorgt?

„Wieder wird die Verantwortung auf die Frauen gelegt, sich selbst zu schützen“, kritisierte daraufhin die Frauenrechtsorganisation Reclaim These Streets. Denn: Warum eigentlich soll es immer die Frau sein, die für ihre eigene Sicherheit sorgt? Anna Birley, eine der Gründerinnen der Organisation Reclaim These Streets, die nach dem Mord an Everard auch eine Mahnwache und Proteste organisiert hatte, sagte der Nachrichtenagentur PA: „Die Regierung muss aufhören, herumzutrödeln und endlich konkrete Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Frauen getötet werden.“

Eva Kail, Expertin für frauengerechtes Planen und Bauen am Amt für strategische Planung in Wien.

Doch was können Städte konkret tun, um Frauen besser zu schützen? Die Stadt Wien ist Vorreiterin und setzt Gender Planning ein. Eva Kail ist Expertin für frauengerechtes Planen und Bauen in Wien. „Eine Stadtverwaltung kann auf verschiedenen Ebenen ansetzen“, sagt sie. Beim Städtebau, durch eine gute Beleuchtung oder auch dadurch, dass Aufenthaltsräume und Hauseingänge gut einsehbar sind. Denn sind Straßen breiter und gut ausgeleuchtet, kann sich dort nicht so leicht ein Angreifer verstecken. Je nachdem, wie eine Stadt den öffentlichen Raum, Stadtviertel oder Gebäude plant und beleuchtet, kann sie Überfälle teilweise verhindern oder zumindest schwieriger machen.

Davon profitieren auch Männer. Denn sie sind nicht nur die häufigsten Täter – sondern auch die häufigsten Opfer, sagt Eva Kail. „Unseren statistischen Auswertungen nach, ist die Gruppe, die am häufigsten Gewalt im öffentlichen Raum ausgesetzt ist, junge Burschen.“ Frauen wiederum bringen ohne Ausnahme in allen EU-Staaten deutlich häufiger eine Vergewaltigung zur Anzeige. Sie haben nachts mehr Angst als Männer und sind stärker gefährdet, Sexualdelikten zum Opfer zu fallen.

Eine App, die auf dem Heimweg begleitet

Die App „WayGuard“ begleitet auf dem Heimweg.

Ein Start-up aus Köln hat darauf reagiert und 2016 eine App entwickelt, die Frauen die Angst vor dem Heimweg nehmen soll: WayGuard, heißt sie, also „Wegschutz“. Albert Dahmen von der Axa-Versicherung, die die App entwickelt hat, erzählt: „Wir sind mittlerweile bei 70 Millionen Begleitminuten, eine stolze Anzahl.“

2200 Notrufe hätten sie bisher betreut. „Da sind natürlich auch ganz viele Anrufe von Testnutzern dabei, die das ausprobieren wollen oder vielleicht auch gar nicht glauben, dass das funktioniert“, erklärt er. „Mehrere hundert Notrufe haben wir tatsächlich an die Polizei weitergeleitet.“ Mithilfe von Standort-Tracking, Chats und Notrufknopf sollen Apps wie WayGuard die Nutzer sicher nach Hause bringen. Fühlt sich eine Userin unwohl oder bedroht, kann sie eine Zentrale anrufen und sich von Betreuern telefonisch begleiten lassen.

Außer Apps gibt es aber noch andere Gadgets, um Frauen vor Angriffen oder Vergewaltigung zu schützen. Indische Studenten haben einen BH entwickelt, der schwere Elektroschocks austeilt und über GPS ein Notsignal aussendet. Die US-amerikanische Firma Anti-Rape-Wear hat eine Kollektion mit reißfester Unterwäsche produziert und in China soll eine stark behaarte Strumpfhose Männer abschrecken.

Jungen- und Männerarbeit ist entscheidend

Alles gut gemeinte Versuche, um Frauen, die bereits in einer schwierigen Lage sind, zu unterstützen. Die favorisierte Lösung, um Frauen zu schützen, war bisher immer, sie sollen lernen, sich zu wehren. Also Selbstverteidigungskurse machen oder die Straßenseite wechseln, wenn ihnen nachts ein Mann begegnet. Grundsätzlich ist es gut, Frauen zu empowern. Wenn man sich im Notfall wehren kann, macht es einen selbstbewusst und stark und damit auch weniger anfällig für Überfälle, das zeigt die Statistik. Doch wäre Prävention nicht sinnvoller?

Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt. Demonstration am Weltfrauentag in Nürnberg.

In Deutschland wurde jede dritte Frau in ihrem Leben Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt, zwei von drei Frauen wurden schon einmal sexuell belästigt, so das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im vergangenen Jahr. Oft sind die Täter ausgerechnet jene, die Frauen besonders gut kennen: Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner.

Vielleicht muss man das Thema nochmal ganz anderes anpacken, sagt Eva Kail, Expertin für frauengerechtes Planen und Bauen: „Die Burschenarbeit und Männerarbeit ist auch total wichtig, es braucht einfach beides, um Männer zu einem gewaltfreien Verhalten zu kriegen.“ Aber sie sei auch realistisch. „Da werden noch Jahrhunderte ins Land ziehen, fürchte ich.“

Das Problem ist männliche Gewaltbereitschaft

Die Männerzeitschrift GQ veröffentlichte kurz nach Bekanntwerden des Mordes an Sarah Everard einen Artikel mit Tipps für Männer, wie sie sich rücksichtsvoller im Dunkeln verhalten könnten:

"Halten Sie Abstand. Starren Sie Frauen nicht an, rufen Sie ihnen nicht hinterher, wechseln Sie die Straßenseite. Wenn möglich, steigen Sie zuerst aus dem Bus aus, damit Sie der Frau nicht hinterherlaufen. Respektieren Sie die Grenzen des anderen, bevor Sie jemanden ansprechen. Wenn sie nicht auf Sie eingeht, versuchen Sie das Gespräch nicht zu erzwingen. Wenn Sie merken, dass jemand einer Frau folgt, dass diese sich im Gespräch mit einem fremden Mann unwohl fühlt, dann fragen Sie nach, zeigen Sie, dass Sie da sind und sie nicht alleine ist. Wenn Freundinnen abends nachhause gehen, bieten Sie ihnen unaufgefordert an, sie zur Haltestelle oder zum Auto zu bringen. Lernen Sie, Situationen zu erkennen, in denen sie sich unwohl fühlt. Fragen Sie nach, ob sie zuhause angekommen ist."

Tipps für Männer aus der Zeitschrift GQ

Frauen haben das Recht, sich frei durch die Straßen zu bewegen, ohne Angst haben zu müssen. Aber machen wir uns nichts vor: Davon sind wir noch weit entfernt. Frauen werden weiter für ihre Sicherheit kämpfen müssen, denn das Problem ist nicht das weibliche Versagen beim eigenen Schutz, sondern die männliche Gewaltbereitschaft.

Wenn ihr Frauen kennt, die Gewalt erleben, oder selbst betroffen seid: Beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen gibt es rund um die Uhr, kostenfrei und anonym Hilfe und Beratung. Die Nummer lautet: 08000 116 016.