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Generator Podcast Gender Data Gap - Warum es Frauen gefährdet, wenn sie unsichtbar sind

Die Gender Data Gap ist ein Phänomen, das erklärt, warum ein Herzinfarkt bei Frauen nicht so häufig erkannt wird und sie in der Folge eher daran sterben. Eine Spurensuche nach Geschlechtergerechtigkeit im Alltag. Besonders dort, wo eine von Männern für Männer gemachte Welt für Frauen gefährlich wird: in der Arztpraxis und im Straßenverkehr.

Von: Nicole Ficociello

Stand: 20.02.2020

Bei Eingabe von „Herzinfarkt“ in die Bildersuche, stößt der Suchende auf: Männer, die sich an die Brust fassen oder Silhouetten von Männern, die sich an die Brust fassen. Auf Seite eins der Trefferliste kommen Frauen nicht vor. Sie sind unsichtbar. Bei weiterem Googlen wird schnell klar, dass das Problem noch viel größer ist: Was für die Bildersuche gilt, gilt für die Medizin im Allgemeinen. Und, wie uns dieser Generator zeigt: auch für viele andere Bereiche in unserem Leben.

Frauen sind die Hälfte der Bevölkerung – und trotzdem unterrepräsentiert. Die Unsichtbarkeit beginnt früh im Lebenslauf: 2007 hat eine internationale Studie 25.439 Fernsehcharaktere für Kinder untersucht. 32 Prozent der Charaktere waren weiblich, bei nicht-menschlichen Charakteren wie Spongebob, Thomas, die Lokomotive, oder Bobo Siebenschläfer 13 Prozent. Wer in Spanien eine Fremdsprache in der Schule lernt, findet in seinem Buch eher einen männlichen Beispielsatz. Und obwohl genauso viele Frauen wie Männer Computerspiele zocken, waren nur 3 Prozent der Hauptcharaktere bei den Games der Electronic Entertainment Expo 2016 weiblich.

Frauen sind die Hälfte der Bevölkerung – und trotzdem unterrepräsentiert

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Invisible Women: In Conversation with Caroline Criado Perez and Helen Lewis | Bild: The Fawcett Society (via YouTube)

Invisible Women: In Conversation with Caroline Criado Perez and Helen Lewis

Es gibt in Deutschland 106 Universitäten – keine davon ist nach einer Frau benannt. In Hamburg gibt es 2.526 Straßen, 420 davon tragen den Namen einer Frau. Laut Global Media Monitoring Project waren 2015 nur 33 Prozent der Personen, über die in den deutschen Medien berichtet, wird weiblich. Es gibt keine Frau auf dem Pressefoto der Innenministerkonferenz. In der Führungsetage der 160 deutschen DAX-Unternehmen saßen 2019 im ersten Halbjahr 640 Männer und 61 Frauen. Das sind 9 Prozent – der bisherige Höchstwert.

Die Zahlen sind erschlagend. Die britische Aktivistin und Feministin Caroline Criado-Perez hat sich trotzdem drei Jahre lang durch solche Studien gewühlt. Ihr Buch „Unsichtbare Frauen – Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert” ist gerade auf Deutsch erschienen. Darin erklärt sie, warum es ein Problem ist, wenn Frauen unsichtbar sind. Und macht das an vielen Beispielen deutlich.

"Letztendlich ist es schwerer für Frauen Asyl zu beantragen als für Männer"

Im Interview erzählt Criado-Perez: "Die Genfer Flüchtlingskonvention wurde nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedet. Und das in bester Absicht. Keiner wollte es Frauen schwerer machen, Asyl zu beantragen als Männern. Es ist ein geschlechtsneutral wirkender Gesetzestext. Aber so, wie die Konvention strukturiert ist, ist es letztlich schwerer für Frauen Asyl zu beantragen als für Männer. Denn dafür müsste man als erstes aus seinem Land fliehen können. Und das ist für Frauen schwerer als für Männer, weil es für sie schwerer ist, legal in ein anderes Land zu reisen.

Demonstrant*innen halten Streik-Plakate in die Höhe. International Women's Day 2019 in Kiev, Ukraine.

Für sie ist es schwerer, ein Visum zu bekommen, weil viele von ihnen nicht arbeiten. In vielen Ländern dürfen Frauen nicht alleine reisen. Und der Mann, der sie begleiten muss, ist vielleicht der Mann, vor dem sie versuchen zu fliehen. Und selbst wenn eine Frau es schafft, in einem anderen Land Asyl zu beantragen, muss sie beweisen, dass sie verfolgt wurde. Du kannst nicht einfach aufkreuzen und sagen, ich werde verfolgt. Es gibt viele Gründe, warum man verfolgt werden kann wie zum Beispiel sexuelle oder politische Orientierung. Alles Gründe, aus denen Frauen auch verfolgt werden können. Aber wenn man mit weiblichen Asylsuchenden spricht, ist der häufigste Grund, weshalb sie verfolgt werden, der, dass sie Frauen sind."

Das Weibliche ist die Sonderform, die Abweichung vom Normalen

Criado-Perez erzählt weiter: "Um Asyl zu beantragen brauchen sie einen Anwalt, der das juristisch so darlegen kann, dass die Fluchtursache zur Genfer Flüchtlingskonvention passt. Ich bin in den letzten acht bis zehn Jahren auf all diese Bereiche gestoßen, von denen wir dachten, sie seien geschlechtsneutral. Von denen wir nie gedacht hätten, dass sie eine Geschlechterdimension hätten. Und in Wirklichkeit hatten sie das aber, versteckt unter der Oberfläche."

In ihrem Buch bringt Caroline Criado-Perez all diese Bereiche wieder zurück an die Oberfläche. Sie zeigt, wo unsere Welt für Männer gemacht ist. Und dass sie „Default male“ ist. Das heißt, sie ist in ihrer Voreinstellung, ihrem Default, männlich. Das Weibliche ist die Sonderform, die Abweichung vom Normalen. Mehr von Criado-Perez und zu den Bereichen, in denen die Unsichtbarkeit der Frau gefährlich werden kann, gibt es im Zündfunk Generator hören.


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