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London, New York, Berlin Mit zivilem Ungehorsam gegen die Klimakrise - so wollen Extinction Rebellion das System stürzen

Gewaltfreier, massenhafter ziviler Ungehorsam. So will die Gruppe Extinction Rebellion die Politik zu wirksamen Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zwingen. Dafür nehmen die Umweltaktivist*innen auch Festnahmen in Kauf.

Von: Marlene Halser

Stand: 01.10.2019

Extinction Rebellion auf dem Klimastreik in München | Bild: BR/Johanna Schlüter

„Wir haben im Universum diesen unfassbaren blau-grünen Planeten, mit dieser extrem komplexen Lebensform darauf. Wir können die tollsten Dinge machen, voller Liebe und Mitgefühl und Erfindungsreichtum. Aber stattdessen bringen wir uns um.“ Das sagt Gail Bradbrook, eine Mitbegründerin von Extinction Rebellion.

2015 gründete sie in Großbritannien die Gruppe "Compassionate Revolution", aus der sich zunächst "Rising Up!" und im November 2018 dann "Extinction Rebellion" entwickelte. Die bevorstehende Klimakatastrophe habe sie verzweifeln lassen. Doch ein Treffen mit Roger Hallam – einem Landwirt aus Whales, der seinen Biohof aufgegeben hat, um an die Uni zu gehen – sei der Wendepunkt gewesen, sagt Bradbrook. Hallam habe ihr die „Codes für Sozialen Wandel“ geliefert, nach denen sie schon seit Jahren gesucht hatte.

Sozialer Wandel nach Roger Hallam

 „Ich habe Roger Hallam kennengelernt, der am Kings College erforscht hatte, wie Wandel funktioniert. Er hatte viel gelesen und Taktiken entwickelt. Das Treffen dauerte vier Stunden, Roger hatte Kopfschmerzen danach", erinnert sich Gail Bradbrook. Mit Hallam hätte sie vor allem über das Investment Prinzip gesprochen. Darüber, dass es gar nicht unbedingt notwendig sei, etwas Kompliziertes zu machen, um einen großen Effekt zu erzielen. "Besonders spannend fanden wir das Konzept des bedingten Engagements, das besagt: Ich mache es, wenn du es machst“, sagt sie.

Fahne der Extinction Rebellion auf einer Demonstration in Stuttgart

Anders als Fridays for Future, die in erster Linie demonstrieren, setzt Extinction Rebellion auf zivilen Ungehorsam: Sie übertreten Regeln, um auf ein moralisches Unrecht hinzuweisen – in diesem Fall die Klimakrise, das massenhafte Aussterben von Tierarten und die Tatenlosigkeit der Politik.

Die zentralen Forderungen von Extinction Rebellion

"Die Regierungen sollen die Wahrheit über die Klimakrise anerkennen und einen Klimanotstand ausrufen. Treibhausgase müssen bis 2025 auf Nettonull reduziert werden, um Biodiversität zu erhalten. Eine Bürgerversammlung soll über das weitere Vorgehen im Bezug auf die Klimakrise entscheiden" - das sind die drei zentralen Forderungen der Bewegung.

Dafür besetzen Extinction Rebellion zentrale Plätze oder Brücken, um den Verkehr zu stören. Festnahmen nimmt die Gruppe dabei bewusst in Kauf, sagt Tino Pfaff, ein Sprecher der Berliner Ortsgruppe: „Nach dem Wegtragen, kommen die Festnahmen. Und unter Umständen landet man im Gefängnis.“ Zentral sei hierbei der Aspekt der Solidarität. Wenn viele Menschen festgenommen werden, könnte Solidarität in der Gesellschaft getriggert werden, meint Tino Pfaff.

Klimanotstand in London

Die größten Proteste hat XR, wie sich die Gruppe abgekürzt nennt, bislang in London organisiert. Zum ersten großen Rebellionstag im April blockierten 6.000 Menschen die fünf wichtigsten Brücken über die Themse. Danach rief die Stadt den Klimanotstand aus. XR ist dezentral organisiert. Wer sich mit den Zielen und Werten identifizieren kann, darf selbst eine Ortsgruppe gründen und Aktionen planen. Kommuniziert wird natürlich trotzdem – über eine Kommunikationsplattform namens Matter Most, zu der man eine Einladung braucht.

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BBC London Lockdown - Call For Climate Emergency Priority -  Extinction Rebellion | Bild: Extinction Rebellion (via YouTube)

BBC London Lockdown - Call For Climate Emergency Priority - Extinction Rebellion

Für Anfang Oktober plant XR nun ein großes Klimacamp in Berlin. 6.000 Menschen sollen in dem Camp direkt vor dem Bundeskanzleramt Platz finden – und gemeinsam üben, möglichst lange in gewaltfreien Blockaden auszuharren. So lange, bis die Polizei beginnt, die Teilnehmenden wegzutragen. Am 7. Oktober will die Gruppierung die Hauptstadt dann an entscheidenden Stellen so lange lahm legen, wie es die Polizei zulässt. In Wien, Amsterdam und New York sind zeitgleich ähnliche Aktionen geplant.

Aktivist*innen der Extinction Rebellion bei einer "Die in" Aktion

Im Umgang mit der Polizei will Extinction Rebellion dabei bewusst friedlich auftreten. Tino Pfaff erklärt: „Viele von uns kennen vielleicht die Bezeichnung: Die Polizei ist nicht unser Freund. Das hört man hin und wieder auf Demonstrationen.“ Für Extinction Rebellion sei aber zentral, dass die Polizei nicht der Feind ist. „Der Polizist und die Polizistin, das sind ebenso Menschen.“, findet Tino Pfaff.  

Wichtig: Absolute Gewaltfreiheit

Anfang September hat die Gruppe ein Handbuch herausgebracht, in dem die Zehn-Punkte-Strategie der Klimaaktivistinnen nachzulesen ist. „Wann, wenn nicht wir“ lautet der deutsche Titel. Möglichst freundlich und bunt müssten die Blockaden sein, heißt es darin; fast wie eine Party sollen sie wirken, damit vorbeikommende Passanten spontan Lust bekommen, sich dazu zu setzen. Kostenlose Verpflegung und De-Eskalationsteams, die sich bei genervten Autofahrern freundlich entschuldigen, gehören dazu. Absolute Gewaltfreiheit ist das Ziel. Gewaltfreie Revolutionen seien erfolgreicher, sagt die US-Politologin Erica Chenoweth, auf die sich XR bezieht.

Chenoweth sagt außerdem, dass sich 3,5 Prozent der Bevölkerung an den Streiks beteiligen müssten, um das System zu verändern. In Deutschland müssten also 2,9 Millionen Menschen auf die Straße gehen. Beim Klimastreik am vergangenen Freitag waren bereits 1,4 Millionen Menschen deutschlandweit unterwegs. Man könnte also sagen: Das Ziel der Extinction Rebellion ist bereits zur Hälfte erreicht.


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