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Kein Visum für Neguss Abera Geflüchteter Äthiopier wurde in Nürnberg für Integration ausgezeichnet - und dann abgeschoben

Er galt als Paradebeispiel für gelungene Integration: Neguss Abera aus Äthiopien lebte viele Jahre in Deutschland und wurde dann im Herbst des Jahres 2018 doch in sein Heimatland abgeschoben. Neguss wird dort als Oppositioneller verfolgt. Nach zwei Jahren vergeblichen Versuchen der Rückkehr, steht er vor einem Nervenzusammenbruch.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 14.04.2021

Ein Flugzeug mit abgeschobenen Menschen fliegt durch die Wolken. | Bild: dpa-Bildfunk/Philipp von Ditfurth

Im Herbst 2018 wird Neguss Abera nach Äthiopien abgeschoben. Obwohl er Deutsch gelernt hat. Obwohl er eine Ausbildung absolviert und sich einen festen Freundeskreis aufgebaut hat. Obwohl sogar eine Festanstellung als Pfleger bei UNICEF winkt. Trotz all dem steht zwei Wochen vor seinem ersten Arbeitstag mitten in der Nacht die Polizei vor seiner Tür. Sie bringt Neguss zum Flieger, der ihn in die Hauptstadt Äthiopiens, Adis Abeba, bringt. Als Teil einer Sammelabschiebung – und als einer von vielen, die damals ins Raster der Behörden gekommen waren, weil sie als arbeitslos klassifiziert wurden.

"Neguss hat keine Kraft mehr"

"Ich bin halt wahnsinnig enttäuscht von der Politik, dass Neguss abgeschoben wurde", erzählt seine beste Freundin Daniela, die in Nürnberg als Lehrerin arbeitet. "Obwohl er über sieben Jahre in Deutschland war, die komplette Sprache beherrscht hat und wirklich alles dafür getan hat, in Deutschland zu bleiben, Steuern zu zahlen und sich dafür zu bedanken, dass er als Flüchtling aufgenommen wurde. Und jetzt ist halt alles zerstört. Er ist in einer Region, wo er täglich um sein Leben fürchten muss und wo jeden Tag die Gefahr lauert, dass irgendwelche Rebellen auf ihn schießen." Daniela hat nach wie vor Kontakt mit Neguss und versucht ihn dabei zu unterstützen, zum zweiten Mal aus Äthiopien zu fliehen: "Er hat keine Kraft mehr. Neguss ist ein sehr gläubiger Mensch und sagt, es wird schon alles gut gehen. Aber mittlerweile hat auch er den Glauben verloren und weiß nicht was er machen soll."

Im Moment sitzt Neguss in einem Flüchtlingslager in Mekele – einer kleinen Stadt in der Nähe der Grenze zum Sudan. Dort können wir ihn telefonisch erreichen. Die Verbindung ist zwar schlecht, aber man kann sich verstehen: "Ja, ich bin glücklich, dass ich überlebt habe. Ich habe meine Freundin, meine beste Freundin getroffen – und bin dann gestorben." Die letzten zweieinhalb Jahre waren für Neguss die Hölle, erzählt er. Er saß zehn Monate im Gefängnis und musste immer wieder vor bewaffneten Militärs fliehen. Der Grund: Er kommt aus der abtrünnigen Region Tigray, die gegen die äthiopische Zentralregierung rebelliert. Vor fünf Monaten ist dieser Konflikt dann eskaliert, seitdem herrscht Krieg. Und es kam zu Massakern an Menschen wie ihm, erzählt Neguss: "Wo ich gerade bin, gibt es keine Hoffnung. Überall Krieg, und – ja – Völkermord und ethnische Reinigung, und so weiter."

Neguss möchte am liebsten in Nürnberg als Krankenpfleger arbeiten

Auch die Berichte von Amnesty International bestätigen, dass es im Zuge des Kriegs in Äthiopien immer wieder Massaker an der Zivilbevölkerung gab. Neguss will deshalb wieder fliehen, aber die Grenze zum Sudan ist dicht. Auch in Libyen ist es jetzt viel gefährlicher als bei seiner ersten Flucht vor zehn Jahren – und über das Mittelmeer will er kein zweites Mal. Trotzdem möchte Neguss nach Deutschland zurück und in Nürnberg am liebsten als Krankenpfleger arbeiten. Aber wie soll das gelingen?

Neguss Abera in einem Flüchtlingslager in Mekele an der Grenze zum Sudan.

Nachfrage bei der Stadt Nürnberg: Gibt es Bemühungen, Neguss bei seiner Rückkehr zu unterstützen? Als Antwort kommt diese Stellungnahme: "Es besteht eine Einreise-Sperre aufgrund der Abschiebung bis 31.08.2021. Danach kann Herr Abera versuchen, legal über das Visumverfahren wieder zu kommen, z. B. für ein Studium. Dieses Verfahren liegt aber allein in der des Bundes. Deswegen ist die Stadt Nürnberg für Herrn Abera derzeit nicht zuständig."

Okay, und was sagt der Bund? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dass 2018 noch die Abschiebung durchgeführt hatte, sieht sich jedenfalls auch nicht verantwortlich und antwortet zum Fall Neguss: "Integrationsleistungen kann und darf das Bundesamt bei der Entscheidung nach Asylverfahren nicht berücksichtigen."

Der einzige Weg für Neguss ist also ein Visum – und um das zu bekommen, benötigt er einen Arbeits-, beziehungsweise Ausbildungsvertrag und eine Wohnung in Deutschland, erklärt Johanna Böhm vom bayerischen Flüchtlingsrat: "Er braucht Internet, schon mal mindestens, um mit seinem Ausbildungsbetrieb Kontakt halten zu können. Er braucht den Zugang zu all seinen Dokumenten, er muss sie legalisieren lassen, um die einreichen zu können. Und am Ende braucht es auch ziemlich viel Geld für so ein Visums-Verfahren. Das kostet alles." On Top müsste Neguss auch noch seine Abschiebung bezahlen, in seinem Fall um die 5.000 Euro, erklärt Johanna Böhm. Wie soll er das aus einem Flüchtlingslager in Afrika, ohne Strom, Internet, Arbeit und Wasser bewerkstelligen? "Es ist quasi fast unmöglich. Kommt natürlich immer auf die individuelle Situation drauf an. Aber das im Alleingang hinzubekommen, ist schon eine richtig, richtig krasse Herausforderung."

"Erwarte von der Stadt Nürnberg, dass sie Neguss eine Perspektive gibt"

Neguss ist kein Einzelfall. Johanna Böhm berichtet von vielen Geflüchtete, die nach ihrer Abschiebung versuchen, nach Deutschland zurückkehren, weil sie in ihrem Herkunftsland nicht leben können. Doch sie treffen auf gigantische bürokratische Hürden: "Das bekommen wir immer wieder von unzähligen Menschen mit, die abgeschoben wurden, die dann in Perspektivlosigkeit und existenziellen Nöten landen, oft weiterfliehen müssen, weil die Situation vor Ort kein menschenwürdiges Leben hergibt und dann versuchen, über komplexe und kostspielige Wege wie dem Visumsverfahren zurückzukommen." Neguss Freundinnen geben ihr Bestes, ihn bei seiner Rückkehr zu unterstützen. Daniela würde sich gerne vor Ort um Ausbildungsplatz und Mietvertrag kümmern. Trotzdem weiß sie: Ohne weitere Hilfe wird es auch für sie extrem schwer, Neguss nach Nürnberg zurückzuholen: "Ich erwarte von der Stadt Nürnberg, dass sie Neguss eine Perspektive, eine Chance gibt, dass er hier bleiben kann und nicht jeden Tag, ja, um sein Leben fürchten muss."