Bayern 2 - Zündfunk


19

Black Lives Matter Wie wir im Kneipenchor einmal "Gangsta's Paradise" covern wollten und am Ende über Rassismus diskutiert haben

In Zeiten von Social Distancing traf sich der Münchner Kneipenchor via Zoom. Dann hatten sie die Idee, das Lied "Gangstas Paradise" zu covern. Und dann hatten sie die Idee, daraus ein Video zu machen. Und irgendwie wurde dann alles ziemlich komisch.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 09.07.2020

Kneipenchor Gangstas Paradise | Bild: MKC

Unser Chorleiter Linus Mödl trägt Birkenstock-Latschen, Badeshorts und Schlabber-Jeanshemd. Am E-Piano begleitet er den Corona kompatibel aufgestellten Münchner Kneipenchor. Wir proben einen neuen Song, ein Hybrid. Wahnsinn! Wir kreuzen Eminems "Lose Yourself", 50 Cents "In Da Club", Rihannas "Umbrella" und vor allem Coolios "Gangsta’s Paradise". Und ich bin ein Teil davon. Ich begleite den Chor mit meinem Hackbrett. Die Probe beseelt uns. Zusammen singen tut so gut, nach so langer Zeit Kommunikations-Kerker.

Was haben wir da nur gemacht?

Aber Momentchen – die Kommunikation, die wird sich noch zu einer Kommunikations-Lawine auswalzen, erste Zweifel beschleichen uns schnell: Passt der Song in die Zeit? In die neu entflammte Black Lives Matter-Diskussion nach George Floyd? Die Frage macht jedenfalls was mit dem Chor, beobachtet unser Chorleiter Linus: "Diese Frage hemmt den Übe-Prozess und bringt uns nicht nach vorne. Sie lässt eine gewisse Entwicklung nicht zu, wie es eigentlich erwünscht wäre."

Die sozial distanzierte Chroprobe flowt noch nicht so schwerelos wie zuletzt im Februar. Damals, eng an eng in einer Münchner Kneipe, im natürlichen Habitat des MKC, des Münchner Kneipenchors. Ein geiles Ding hat uns Linus Anfang 2020 da zusammenarrangiert. Dieses Gangsta Mash-Up ist ein Paradies, aber auch eine Herausforderung für uns Amateur-Sänger und Möchtegern-Rapper.

Das Video als Hommage? Oder eher Persiflage?

Dann kam Corona – und der Kneipenchor auf die Idee, ein Musikvideo zu unserer Version von Gangsta’s Paradise zu machen. Jede und jeder sollte sich daheim singend filmen. Und wieder sind wir beschwingt, wollen stilecht gangstern, im Hoodie hüpfen oder BlingBling protzen mit allem, was die Schmuckschatulle hergibt. Zig Arbeitsstunden liebevollster Schneide-Kleinstarbeit später ist der Clip dann fertig. Und logo, als MKC-Neu-Mitglied habe ich auch fürs Video beigesteuert: Keine Grills, dafür meine volkstümliche Skills.

Ich halte meine geballten Fäuste in die Kamera. Die Fingerknöchel mit Edding-Tattoo bekritzelt. MKC 4 LIFE. Meine rechte Hand umklammert eine Faschingspistole, mit der ich das Intro auf dem Hackbrett spiele. Und auch die restliche Chor-Gang hat sich mehr oder weniger song-gerecht inszeniert. Hoodies sind zu sehen und dazu schwarze Sonnenbrillen. Stofftiere, die ihre Köpfe wie Knastis durch die Gitterstäbe eines Babylaufstalls pressen – und eine wirklich gut abgestimmte Goldkettchen-Pelz-Pimp-Kombi ist auch dabei. Karneval beim Kneipenchor.

Sind wir cool – oder peinlich?

Aber mitten in die Heiterkeit hinein, kommen sie, die Zweifel. Sind wir Aneigner, Ausbeuter, kulturelle Gentrifizierer? Gehen wir mit der Dampfwalze der Hipster-Ironie über schwarze Inhalte? Den Song zu covern, zu interpretieren, ok, das ist Pop, das darf Pop, aber das Video? Whatsapps werden hin und hergeschickt, die Telefonleitungen glühen – ein Weltthema hat plötzlich Platz gefunden in einem Mikrokosmos, es ist unser Mikrokosmos – und plötzlich verhandeln wir an uns und mit uns Fragen.

"Ich finde, wir sollten es nicht machen. Wir sollten es nicht veröffentlichen", sagt die eine. "Ich würde auf jeden Fall veröffentlichen, zusammen mit der Frage: Ist das Video rassistisch? Weil dann erfüllt das Video noch voll den guten Zweck, weil es regt dann zum Denken an. Weil man kann nicht sofort gleich sagen, was daran rassistisch ist. Es regt zum Denken an: WAS ist eigentlich rassistisch?", sagt die andere.

Ist das schon Rassismus?

Eine Kollegin macht den Test, macht das, was in so einer Lage am meisten Sinn macht. Sie schickt das Video an eine schwarze Schauspielfreundin aus den USA. Auch da ist man sich nicht ganz einig. Irgendwas Rassistisches stecke da wohl drin, schreibt ihr die Freundin. Ihr 17-jähriger Sohn kommentiert dagegen mit den Worten: "Ich liebe das Lied und Eure Darstellung. Wieso soll das politisch unkorrekt sein? Es ist doch eine Kneipe und kein Wahlkandidatur-Video!“ Und die Kollegin selbst? Ist für die Veröffentlichung des Videos. Als Transfrau spreche sie eben auch selber als Betroffene von Diskriminierung. "Ich kann eh nur leben, wenn ich ein bisschen dickere Haut habe. Und ich finde dieses Übervorsichtige fast schon wieder typisch weiß. Wir sind bei den Guten und wir sind nicht rassistisch. Sich da raushalten: Wir machen nichts falsch. Das ist vielleicht die falsche Methode", sagt sie.

Was wohl Coolio zu uns sagen würde?

Good Chor, bad Chor? Was darf Kunst, wer darf wen covern und in welchem Licht – also: die eigene Sprechposition einordnen. Und als ob das nicht schon genug Stoff für unsere kleine Gruppe wäre, bringe ich den nächsten Stein in Rollen. In die Chor-Gruppe poste ich: "Hey Süßis, was haltet ihr davon, wenn ich im Zündfunk über unser "Gangsta Gate" berichte?" Alex, er singt bei uns Bass, zeigt ziemlich pointiert unser Dilemma: "Also entweder präsentieren wir uns als unsensible, wohlsituierte Weißbrote, die sich über die schwarze Kultur dezent lustig machen, oder als die geläuterten Superkorrekten, die gnadenvoll auf die Veröffentlichung verzichten. Alles not so sexy."

Wir reflektieren uns so gut es geht

Wie kommt man also aus dieser Nummer raus. Ja, unsere Kneipenchorbelegschaft ist queer und hetero, besteht aus Film-Menschen, Lehrern, Ärztinnen, Gastronomen, Hausfrauen, IT-Menschen, aber wir haben keine einzige People Of Colour. Fredy ist unser rappender Tenor aus Schweden. Über ihn finde ich heraus, dass er so ein bisschen ist wie Michelle Pfeifer im Film Dangerous Minds: weiß und sozial engagiert, weil er in seiner Freizeit Basketball mit Migranten-Kids spielt.

Aber hilft das unserer Debatte? Im Video taucht Fredy mit weißem Unterhemd auf – dem Standardoutfit des Kneipenchors. Und einem Goldkettchen. Er empfindet die Situation so: "Einen auf Gangster-Attitüde zu machen, die muss ja nicht schwarz sein. Es gab ja auch reichlich weiße Gangster-Attitüde auch von der italienischen Mafia zum Beispiel. Ich habe mein kleines Video im Wohnzimmer gemacht und das Bild im Hintergrund ist ein mexikanisches. Da ist ne Chicano-Kultur-Frau in einem Unterhemd. Da hab ich gar nicht an Schwarze gedacht, sondern war in meinem ganz eigenen Film. Dass man mir einen guten Rapper abnimmt, das ist mir schon relativ fremd, deswegen hab ich das ja auch geschauspielert."

Der Münchner Kneipenchor hat also seine Privilegien gecheckt. Ein glasklares, ein eindeutiges Bild haben wir nicht gewonnen. Aber der Prozess, die gemeinsame Reise hat uns gutgetan.


19