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Album der Woche: "Information" Hip-House kommt wieder in die Clubs zurück - dank Galcher Lustwerk

Galcher Lustwerk zählte 2013 zu den Rising Stars in Sachen House. Nun hat der New Yorker nach zwei Mixtapes sein erstes Album rausgebracht: „Information“ verbindet auf entspannteste Weise die Genres House und Hip-Hop. Julian Weber ist begeistert.

Von: Julian Weber

Stand: 02.12.2019

In „Another Story“ erzählt der New Yorker Produzenten Galcher Lustwerk von einer durchgemachten Nacht und einer Taxifahrt in New York. Keine ganz alltägliche Geschichte, aber sie stammt auch von keinem ganz gewöhnlichen Künstler. Seinen Namen darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen: Galcher Lustwerk. Galcher ist der lautsprachliche Ausdruck für Culture. Und Lustwerk: Klar, Kraftwerk steckt da mit drin, aber statt dem Ingenieur-Gewese der Düsseldorfer, geht es bei ihm um Sex. bzw. Lust. Gebongt.

Galcher Lustwerk produziert sehr straighte Housetracks und rappt dazu - na ja, manchmal klingt es eher nach Lallen, Stottern, nach verzerrten Voicemail-Nachrichten. Galcher bringt damit zurzeit jede Menge Dancefloors zum Kochen. Seinen richtigen Namen gibt er nicht preis. Wir wissen aber, er kommt aus Cleveland/Ohio, einer runtergewirtschafteten Industriestadt im Rustbelt des Mittleren Westens. Und die hat den 32-Jährigen geprägt, wie er im Interview erklärt: „Da gibt‘s ein paar Museen, in die man ein, zweimal im Leben geht. Außer Sport ist ansonsten tote Hose. Cleveland ist richtig verschlafen, entvölkert, abgehängt. Die Leute bleiben am liebsten zuhause und spielen Musik. Da kommen seltsame, teils bittersüße Sachen raus. Wäre es nicht so deprimierend, dieser Minimalismus hätte fast schon wieder was. Aber ich musste weg.“

Hip-House in widersprüchlich

Drastisch reduziert, so klingt auch der Housesound von Galcher Lustwerk: Die Beats programmiert er meist mit einer 808-Drummachine, dann fügt er ein, zwei sparsame Keyboardstabs hinzu, fertig ist die Laube. Inzwischen hat Galcher die Musik nach New York gebracht, wo er im schmucklosen Stadtteil Queens lebt und Teil der blühenden Raveszene ist. Galchers Sound erinnert an Hip-House, ein Subgenre Ende Achtziger, als House viel mainstreammäßiger war als heute und mit Hip-Hop schon mal eine Liaison eingegangen war. Galcher kennt den alten Kram natürlich, aber sein Update ist keine Reminiszenz, sein neues Album „Information“ ist vielschichtiger, kaputter, widersprüchlicher.

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Galcher Lustwerk - Cig Angel (Official Video) | Bild: ghostlyintl (via YouTube)

Galcher Lustwerk - Cig Angel (Official Video)

Von Neurosen und sinnlosen Clicks

„Mein Gesang ist eher ein innerer Monolog. Es geht weniger um direkte Kommunikation mit der Crowd, ich verbinde mich mit den Leuten auf einem introspektiven Level. Ich mach die Augen zu, freestyle und assoziiere wild zur Musik. Als Rapfan benutze ich Hip-Hop-Slang, logo, aber ich webe ihn in den Dancefloorkontext ein. In New York ist Hip-Hop mit House gerade wieder schwer angesagt“, so Galcher. Die Stimme verströmt Coolness. Aber sie klingt auch verletzlich, ängstlich, erschöpft. Man merkt sofort, dass er kein Gangsta ist, der einen zu textet. Galcher singt von Neurosen, von sinnlosen Clicks beim Online-Shopping oder er fantasiert über zigarettenrauchende Engel in Arbeitsklamotten, wie in dem fabelhaften Track „Cig Angel“: „Es geht viel um Tagträume. Ich konterkariere den beinharten Alltag mit Idealismus und meinen hochtrabenden Ideen. Ich würde mich schon als Linken bezeichnen, aber ich bin auch ein Konsumopfer. Und meine Musik hat was von all den Fliehkräften, die an mir zerren.“

„Alle, die ich kenne, sind gestresst und verunsichert, wie sich die Dinge in den USA entwickeln. Klar, Trump stellt alles auf den Kopf, aber trotzdem müssen wir weitermachen. Manche DJ-Kollegen versuchen, selbst aktiv politisch zu werden. Das liegt mir nicht, ich glaube, was ich am besten kann, ist inspirierende Musik zu produzieren, in der sich besonders Afroamerikaner*Innen wieder erkennen. Ich möchte dazu beitragen, das House endlich wieder die Anerkennung bekommt, die das Genre auch verdient.“

Straighte Banger, coole Raps

"Information" ist auf Ghostly International erschienen

Wie viele Afroamerikaner treibt Galcher die Angst um, seine Kunst könnte zu wenig wertgeschätzt werden. Er fürchtet sich, dass im Mainstream wieder nur eine flurbereinigte, weißgewaschene Version davon übrigbleibt. Die Angst ist nicht ganz unbegründet. Und doch, manche Dinge haben sich geändert. Bekanntheit erlangte er 2017 zuerst durch das Mixtape „100%Galcher“ im Internet. Alle seine seither veröffentlichten Tracks für das Label White Material oder für sein eigenes Label Lustwerk Music sind Kult, sie mögen ihn in den Techno-Hochburgen Detroit und Chicago genauso wie in London und Berlin. Erstmals veröffentlicht er nun ein Album beim Detroiter Indie-Elektronik Label Ghostly International. Galcher Lustwerk wächst langsam, aber sicher und seine straighten Banger und coolen Raps werden die Fantasie der Leute auf dem Dancefloor noch lange anregen!


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